Sturmbannführer lebte unter einem Pseudonym

SS-Mann führte jahrelang Doppelleben in Kassel

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In seiner Zeit beim Geheimdienst der SS: Sturmbannführer Theodor Christensen in Uniform.

Es ist der Stoff für einen Film: SS-Sturmbannführer Theodor Christensen lebte nach dem Zweiten Weltkrieg 20 Jahre lang unter dem Pseudonym Fritz Ramm in Kassel. Nach dem Zweiten Weltkrieg war er aus einem Lager für NS-Führungskräfte geflohen. Durch einen Zufall flog er auf.

Kassel. Theodor Christensen wurde zwei Jahrzehnte lang als mutmaßlicher Kriegsverbrecher gesucht. Unterdessen lebte er als Fritz Ramm ein bürgerliches Leben in Kassel. Seine Geschichte beginnt in Kiel, wo er 1905 als Sohn eines Kaufmanns geboren wurde. Früh ist er politisch aktiv. Unter anderem im Wikingbund, der die Weimarer Reichsregierung stürzen und eine Militärdiktatur aufbauen wollte.

Mit dem Aufstieg der Nazis machte NSDAP-Mitglied Christensen Karriere. Ab 1933 war er beim Geheimdienst der SS, dem Sicherheitsdienst des Reichsführers SS (kurz: SD) tätig. Der SD war für viele Verbrechen in den von der Wehrmacht besetzten Gebieten verantwortlich. Aufgaben waren die Ausschaltung politischer Gegner und die Einschüchterung der Bevölkerung.

In der Rolle des Fritz Ramm: Christensen (Mitte am Tisch sitzend) in den 60ern bei einer Weihnachtsfeier von Wegmann.

Auch SS-Sturmbannführer Christensen sollte sich nach dem Krieg vor dem Darmstädter Schwurgericht als Hauptangeklagter wegen Mordes verantworten müssen. Ihm war vorgeworfen worden, als Führer eines Sonderkommandos in Tschernigow (in der heutigen Ukraine) zwei Massenexekutionen befohlen zu haben, bei denen 600 Juden und Kommunisten starben.

Bis Christensen vor Gericht stand, sollten aber zwei Jahrzehnte vergehen. Nach dem Krieg wurde er von den Briten in ein Lager bei Paderborn gesperrt. Dort saßen NS-Führungskräfte, die im Verdacht standen, Kriegsverbrechen begangen zu haben. Im Oktober 1947 gelang ihm aber die Flucht.

In der Region Kassel begann der Ex-Geheimdienstler unter dem Namen Fritz Ramm ein neues Leben. Er fand eine Anstellung beim Rüstungsunternehmen Wegmann. Ein ehemaliger Kollege bei Wegmann, der sich mit Christensen viele Jahre das Büro teilte, erinnerte sich für die HNA: „Der hat bei Weihnachtsfeiern den Führergruß gemacht“, erzählt der Mann, der anonym bleiben möchte. Die Aufgabe von Christensen, den seine Kollegen bis 1966 nur als Fritz Ramm kannten, sei die Kontaktpflege zur Bundeswehr gewesen.

Christensens Tarnung bröckelte am 19. August 1966. Damals fand im Auestadion das Fest „Vier Nationen“ statt, das der frühere SS-Mann mitorganisiert hatte. Unter den 20 000 Zuschauern, die das Spektakel aus Militärparaden und Marschmusik verfolgten, war ein früherer Kriegskamerad. „Der kam auf Fritz Ramm zu und rief Theo“, erzählt der ehemalige Arbeitskollege, der zum Fest mitgekommen war.

Hatte Kontakte zur Bundeswehr: Christensen alias Fritz Ramm im Kreise seiner damaligen Kollegen. Foto: privat

Christensen habe so getan, als liege eine Verwechslung vor und habe den Mann als Spinner bezeichnet. Vermutlich habe dieser zurückgewiesene Mann Christensen angezeigt. Jedenfalls sei er wenige Wochen später nicht mehr an der Arbeit erschienen. Wie die Kollegen später erfuhren, saß er in Darmstadt in Untersuchungshaft. Der Prozess sollte sich drei Jahre hinziehen, bis Christensen 1969 aus Mangel an Beweisen freigesprochen wurde. Er starb 1988 in Kassel.

Lebenslauf

Berufliche Karriere

Geboren am 7. Mai 1905 in Kiel als Sohn eines Kaufmanns Nach einer Banklehre arbeitete er dort bis 1924. Wegen schlechter wirtschaftlicher Verhältnisse wurde er entlassen. Bis Ende 1925 blieb er arbeitslos und schlug sich mit Gelegenheitsjobs am Kieler Hafen durch. Im Dezember 1925 fand er wieder eine Anstellung als Hilfsarbeiter bei einer Bank. Von 1928 bis 1929 bildete er sich weiter zum Sparkassen- und Verwaltungssekretär. Anschließend übernahm er die Gärtnerei seines erkrankten Onkels.

Politische Aktivitäten

Mit 18 Jahren war er dem antisemitischen Bund "Jungdeutscher Orden" beigetreten. 1925 trat er dem Wikingbund bei, der - nachdem dessen Putschvorbereitungen bekannt wurden - verboten wurde. Wie viele andere ehemalige Wikingbund-Mitglieder trat auch Christensen 1931 der SA (Sturmabteilung) bei. Seit 1930 war er bereits NSDAP-Mitglied. In der SA machte Christensen Karriere und besuchte auch die SA-Führerschule. Seit 1933 war er für den Geheimdienst der SS, den sogenannten SD, tätig. Im Jahr 1942 wurde er Kommandeur der Sicherheitspolizei und des SD in Tschernigow, das heute zur Ukraine gehört.

Stichwort SD: "Verbrecherisch"

Der SD war der Sicherheitsdienst des Reichsführers SS. Der SD wurde bei den Nürnberger Prozessen neben der SS und der Gestapo als verbrecherische Organisation verurteilt.

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