Nur 2300 Euro trotz abgeschlossenem Hochschulstudium

Mindestgage für Schauspieler: So hart ist der Traumjob am Staatstheater

+
Hält die Erhöhung für überfällig: Schauspieler Tim Czerwonatis in Sebastian Schugs Inszenierung von „The Aliens“.

Schauspieler ist für die viele ein Traumjob, doch am Theater verdienen die meisten nur wenig Geld. Nun wird die Mindestgage erhöht. Tim Czerwonatis erklärt, warum das überfällig war.

Kassel - Selbst wenn Staatstheater-Schauspieler Tim Czerwonatis frei hat, kann er Kassel nicht einfach verlassen. Er muss erst einen Abwesenheitsschein ausfüllen und bei seinem Arbeitgeber abgeben. 

Und auch das reicht manchmal nicht für einen Ausflug nach Frankfurt. Es könnte ja sein, dass ein Kollege ausfällt und Czerwonatis für ihn auf Abruf bereitstehen muss. „Ich bin auf eine Weise fremdbestimmt und habe keine Planungssicherheit“, sagt der 29-Jährige.

Aktion 40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten für bessere Arbeitsbedingungen

Solche Szenen aus dem Alltag eines Schauspielers kennen die wenigsten Theaterbesucher. Darum hat sich Czerwonatis, als er noch in Hildesheim engagiert war, an der Aktion „40.000 Theatermitarbeiter*innen treffen ihre Abgeordneten“ beteiligt. 

Bei der Initiative der in Berlin ansässigen Schauspielervereinigung Ensemble-Netzwerk erklärten Bühnenmitarbeitern Politikern den Alltag. Die 40.000er-Aktion hat mit dazu beigetragen, dass sich die Arbeitsbedingungen nun etwas verbessern.

Mindestgage für Theaterschauspieler in Hessen wird angehoben

Gerade hat die hessische Kunstministerin Angela Dorn (Grüne) angekündigt, dass die Mindestgage in ihrem Bundesland angehoben wird. Etwa 80 künstlerisch Beschäftigte an den Staatstheatern in Kassel, Darmstadt und Wiesbaden sowie am Stadttheater Gießen und am Landestheater Marburg erhalten bald 2300 statt 2000 Euro brutto. „Die Anhebung war überfällig“, findet Czerwonatis. Auch sein Chef, Staatstheater-Intendant Thomas Bockelmann, sagt: „Wir begrüßen das sehr.“

Ensemble-Netzwerk: Anhebung der Gage nur ein erster Schritt

Protest für bessere Arbeitsbedingungen: So demonstrierten Schauspieler des Ensembles Netzwerk bei der Parade der Darstellenden Künste in Berlin auch für die Erhöhung der Mindestgage.

Für das Ensemble-Netzwerk indes kann das nur ein erster Schritt sein. „Da Schauspieler in der Regel ein abgeschlossenes Hochschulstudium haben, im zweigeteilten Dienst und an Sonn- und Feiertagen arbeiten sowie häufig befristete Jahresverträge bekommen, halten wir eine Mindestgage von 3000 Euro angemessen“, fordert die Vorsitzende Lisa Jopt.

Die Biografie von Czerwonatis, der seit 2018 in Kassel arbeitet und auch Ensemble-Sprecher ist, ist ein gutes Beispiel für die Ungerechtigkeit im Kulturbetrieb. Fünf Jahre dauerte sein Schauspielstudium an der Zürcher Hochschule der Künste. Umgerechnet 1100 Euro beträgt die Semestergebühr. Ohne Stipendium können sich das nur die Wenigsten leisten.

In Kassel verdient Czerwonatis nun „knapp über der Mindestgage“. Oft erfährt er erst einen Tag vorher, ob er proben muss: „Die wenigsten Regisseure machen Wochenpläne.“ Er kennt Paare unter den Kollegen, die für Babysitter 600 Euro im Monat ausgeben – weil sie flexibel sein müssen, sind sie auf die teuersten Helfer angewiesen.

Großer Unsicherheit für Schauspieler: Jahresverträge sind die Regel

Zudem weiß Czerwonatis nicht, wie es mit ihm weitergeht. Jahresverträge sind an Theatern die Regel. Bei Intendantenwechseln wird oft ein Großteil des Ensembles ausgetauscht. Czerwonatis vermutet, dass dies auch der Fall ist, wenn Bockelmann 2021 durch Florian Lutz abgelöst wird: „Ich rechne damit, dass ich nur noch nächste Spielzeit hier bin.“

Reich werden können Schauspieler am Staatstheater Kassel nicht

Mehr als 5000 Euro brutto verdient laut Kennern niemand. Wochenendzuschläge gibt es nicht. Besonders prekär ist die Lage für Tänzer, für die die Mindestgage ebenfalls gilt. Sie schinden ihre Körper so sehr, dass sie mit Mitte 30 ihre Karrieren beenden müssen.

Für Czerwonatis, der aus der Tanzszene kommt, ist der Beruf am Staatstheater trotzdem ein Traumjob. Als Kind wollte er auch Panzeroffizier und Staatsanwalt werden. Aber er liebt es, in Stücken wie „I am Providence“ etwas über sich zu lernen. Und er weiß die staatlich subventionierte Theaterlandschaft in Deutschland zu schätzen: „In anderen Ländern wird nur gespielt, was gut läuft. Bei uns entstehen besondere Sachen.“ Und zwar von Menschen, die nicht viel Geld verdienen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.