Entwicklung stabil, aber unter Vorbehalt

Kasseler Mercedes-Benz Werk produziert wieder auf Vor-Corona-Niveau

Der Betriebsratsvorsitzende des Mercedes-Benz Achsenwerks Kassel, Jörg Lorz (links), und Werkleiter Prof. Dr. Frank Lehmann.
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Der Betriebsratsvorsitzende Jörg Lorz (links) und Werkleiter Prof. Dr. Frank Lehmann informierten die Belegschaft des Mercedes-Benz Werks Kassel per Livestream statt bei einer herkömmlichen Betriebsversammlung über die aktuelle Lage des Standortes.

Im Kasseler Mercedes-Benz Achsenwerk wird derzeit wieder auf Vor-Corona-Niveau produziert. „Im Moment sind wir zufrieden“, sagt Werkleiter Frank Lehmann.

Kassel - Nachdem der Standort Corona-bedingt Ende März seine Produktion zeitweilig eingestellt und einen Großteil seiner 2900 Mitarbeiter in Kurzarbeit geschickt hatte, sei die Situation derzeit wieder stabil, die Produktion hochgefahren und die Kurzarbeit beendet. „Es ist nicht ganz so schlimm gekommen, wie wir im März/April befürchtet haben.“

Aber Lehmann gibt zu Bedenken, dass sich das schnell ändern kann, sollte es erneut zu einem Lockdown kommen. „Corona ist nicht vorbei. Das steht alles auf sehr wackeligen Beinen. Wir fahren auf Sicht und müssen flexibel bleiben“, betont er.

Flexibilität war auch bei der Information der Belegschaft gefragt. Denn herkömmliche Betriebsversammlungen sind aktuell passé. Lehmann und der Betriebsratsvorsitzende Jörg Lorz haben den Mitarbeitern deshalb per Livestream in Kleingruppen einen Überblick über die aktuelle Lage des Werks gegeben.

„Wir können als Unternehmen überhaupt nicht zufrieden sein mit der Marktsituation“, räumt Lehmann im anschließenden Gespräch mit unserer Zeitung ein. Er meint damit die Schräglage des Stuttgarter Konzerns, die sich auch in Kassel niederschlägt. Wie berichtet steht am Standort ein Stellenabbau in bislang unbekannter Höhe in Verwaltung und produktionsnahen Bereichen an. Betriebsbedingte Kündigungen wurden nach Verhandlungen zwischen dem Gesamtbetriebsrat und der Konzernspitze ausgeschlossen.

„Wir haben Hausaufgaben zu erledigen, die sich uns auch schon vor Corona gestellt haben“, bilanziert Lehmann. Das Virus habe das nur noch mit einem Ausrufezeichen versehen. Daimler Truck müsse als Ganzes an Strukturen und Prozessen arbeiten. „Wir müssen jeden Tag überlegen, was wir besser machen können, sonst verlieren wir den Anschluss an die Konkurrenz.“

Beim Thema digitale Transformation habe Corona wie ein Katalysator gewirkt, sagt Lorz. „Die Frage steht im Raum, wie dabei die jeweiligen Standorte mitgenommen werden. Das gilt auch für Kassel als Achsenleitwerk.“ Der Betriebsrat erwarte, dass der Konzern Zukunftsbilder entwickle. Ab Ende September bis voraussichtlich Ende des Jahres soll es dazu Verhandlungen zwischen Arbeitnehmervertretern und Management geben.

Es brauche auch ein klares Konzept für den Einstieg in die Elektromobilität und die E-Achse, sagt Lorz. Sowohl das Beschäftigungsvolumen als auch die Arbeitsplätze müssten gleichermaßen bestmöglich abgesichert werden, der Standort Kassel an den globalen Wachstumschancen bei der Elektrifizierung teilhaben können. „Die Achsen und Aggregate sollen aus Kassel kommen.“

Der Standort müsse seine Kompetenzen im Radsatz und bei der E-Achse ausspielen. „Wir werden nicht mehr Mitarbeiter am Standort werden, das bringt die Elektrotechnologie mit sich. Aber wir müssen diese Entwicklung abmildern.“ Eine Qualifizierungsoffensive sei Teil der Transformationszusage, die für jeden Beschäftigten eine angemessene Aufgabe in Zeiten des Wandels gewährleisten soll. Zudem sollten weitere Kompetenzzentren am hiesigen Standort installiert werden können. „Wir haben die klare Forderung, dass Kassel auch ein Stück vom Kuchen abbekommt“, betont Lorz.

Für den geplanten Stellenabbau fordert er Offenheit, Klarheit und Transparenz gegenüber den Betroffenen in Bezug auf ihre möglichen künftigen Einsatzbereiche. „Menschen sind nicht nur Fixkosten, sie sollten sinnstiftend und wertschätzend eingesetzt werden.“ Derzeit befinde man sich noch in der Analysephase, sagt Lehmann. Voraussichtlich im Herbst wolle man mit den Gesprächen beginnen.

Von Nicole Schippers

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