Staatsorchester ohne Stadthalle

Stadt braucht Mehreinnahmen: Bußtagskonzerte vor dem Aus

Aufführung des Brahms-Requiems beim Bußtagskonzert 2013 in der Kasseler Stadthalle. Patrik Ringborg (rechts) leitet das Staatsorchester sowie den Opern- und den Extrachor. Foto: Schachtschneider/nh

Kassel. Die Tradition ist fast 100 Jahre alt, und dennoch stehen die Bußtagskonzerte vor dem Aus. Der Hintergrund: Der Stadt entgeht viel Geld, weil die Stadthalle blockiert wird.

Im Jahr 1919 begründete der berühmte Kapellmeister Robert Laugs in Kassel die Tradition der Bußtagskonzerte mit der damaligen Königlichen Staatskapelle. Geht es nach dem Willen von Oberbürgermeister Bertram Hilgen (SPD), soll damit ab dem Jahr 2016 Schluss sein. Der Grund: Der Mittwochstermin (der Buß- und Bettag fällt immer auf einen Mittwoch) mache es der Kassel Marketing GmbH unmöglich, in der stets veranstaltungsreichen Novemberwoche mehrtägige Buchungen für das Kongress Palais anzunehmen.

Kassel Marketing würden dadurch zusätzliche Einnahmen von bis zu 60 000 Euro entgehen, argumentiert der Oberbürgermeister. Dies könne er den Bürgern der Stadt nicht vermitteln, sagte Hilgen der HNA. Man werde dem Staatsorchester aber 2015 die Stadthalle am Buß- und Bettag ein letztes Mal überlassen. Hilgen verwies darauf, dass der Buß- und Bettag kein gesetzlicher Feiertag mehr sei. Man habe vorgeschlagen, dass das Staatsorchester künftig sein Konzert auf einen Montag lege, so wie die übrigen Sinfoniekonzerte.

Mit Unverständnis reagierte Kassels Generalmusikdirektor Patrik Ringborg auf die Entscheidung. Kommentarlos sei das Orchester informiert worden, dass der Bußtagstermin 2016 bereits anderweitig vergeben sei.

Im Jahr 2016 wird Ringborg, dessen Vertrag bis zum Jahr 2017 läuft, das Konzert zum letzten Mal leiten. Es soll im übernächsten Jahr in die Martinskirche verlegt werden - eine Notlösung, was die Zahl der Plätze (in der Stadthalle sind es 1400, in der Martinskirche rund 1000) und die Akustik angeht.

Staatstheater-Intendant Thomas Bockelmann sagte, er sei „überhaupt nicht glücklich“ über die neue Situation, zumal das Staatstheater die Stadthalle nicht wie in anderen Städten, etwa in Dortmund, umsonst gestellt bekomme, sondern pro Nutzungstag rund 7500 Euro Miete bezahle.

Falls die Stadt bei ihrer Position bleibe, erwarte er immerhin, dass die Montagstermine für die Sinfoniekonzerte künftig rechtzeitig garantiert werden, erklärte Bockelmann.

Denn auch hier gibt es seit einigen Jahren Probleme. Während das Staatsorchester, das jetzt bereits die Saison 2016/17 plant, die Konzerttermine frühzeitig festlegen müsse, um Gastsolisten und -dirigenten verpflichten zu können, will Kassel Marketing die Terminvergabe möglichst lange offenhalten.

Laut Orchesterdirektorin Insa Pijanka ist auch die exklusive Belegung am Konzerttag durch das Orchester nicht mehr gegeben. Dies führe mitunter zu Beeinträchtigungen - vor allem bei den vormittags stattfindenden Generalproben.

Das Kasseler Bußtagskonzert wurde im Jahr 1919, nach den Schrecken des Ersten Weltkriegs, vom legendären Kasseler Kapellmeister Robert Laugs (1875-1942) begründet. Ab 1920 fand das Bußtagskonzert der Königlichen Hofkapelle in der wenige Jahre zuvor erbauten Stadthalle statt. Zusammen mit dem Kasseler Lehrergesangverein und der Kasseler Chorvereinigung wurden große Oratorienkonzerte, die thematisch auf den Buß- und Bettag Bezug nahmen, gegeben.

Hintergrund: Kasseler Bußtagskonzerte

Die Tradition der Bußtagskonzerte wird bis heute gepflegt. Im vergangenen Jahr wurden unter der Leitung von Patrik Ringborg das Requiem von Tore Takemitsu und das Deutsche Requiem von Johannes Brahms aufgeführt. In diesem Jahr wurde unter der Leitung von Yoel Gamzou Gustav Mahlers 6. Sinfonie, die „Tragische“, gespielt. (w.f.)

Von Werner Fritsch

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