Elternratsvorstand der Waldorf-Kita macht sich Luft

Kitagebühren-Rückzahlung: Kasseler Eltern verärgert über städtische Ungleichbehandlung

Sie kämpfen für eine Gleichbehandlung der Eltern: Die Elternratsvorstände des Wilhelmshöher Waldorf-Kindergartens Agnes Bleckmann (links) und Xenia Alexandra Greving.
+
Sie kämpfen für eine Gleichbehandlung der Eltern: Die Elternratsvorstände des Wilhelmshöher Waldorf-Kindergartens Agnes Bleckmann (links) und Xenia Alexandra Greving.

Die Kasseler Kindergärten haben nach der Corona-Schließung längst wieder geöffnet. Doch die dreieinhalb Monate Notbetrieb, als viele Eltern Arbeit und Kinderbetreuung unter einen Hut bekommen mussten, stecken vielen noch in den Knochen. Und auch der Ärger über die Stadt Kassel ist noch nicht verflogen.

Kassel - Die Stadt Kassel hatte entschieden, die Kita-Beiträge für die Zeit der Schließung nur jenen Eltern zu erstatten, deren Kinder städtische Kindergärten besuchen. 190 000 Euro wurden bisher an 530 Eltern ausgezahlt, die dies beantragt hatten. Und noch sind 450 Anträge unbearbeitet. Xenia Alexandra Greving vom Elternratsvorstand des Waldorfkindergartens macht diese Ungleichbehandlung der Stadt wütend und ratlos.

Was macht Sie wütend, Frau Greving?

Dass sich die Stadt Kassel ihrer Verantwortung nicht stellt. In der Corona-Pandemie sind viele Eltern an ihre Grenzen gekommen, ganz gleich, welche Einrichtung ihre Kinder besuchen. Neben Gehaltseinbußen oder gar Jobverlust mussten sie auch noch die Kinderbetreuung stemmen. Es wäre nur gerecht, wenn deshalb alle Eltern – egal ob ihre Kinder städtische oder freie Kitas besuchen – ihre Beiträge erstattet bekämen.

Mit welcher Begründung lehnt die Stadt dies ab?

Ich war bei der Telefonkonferenz Anfang Mai dabei, in der Jugenddezernentin Ulrike Gote mit allen Elternvertretern das Gespräch suchte. Das war völlig hanebüchen. Sie ist neben anderen Punkten auch nicht auf den Punkt eingegangen, dass viele Träger es sich schlicht nicht leisten können, die Beiträge zu erstatten. Ihr Argument war, sie sei hier nicht in der Verantwortung, da man schließlich nicht mit der Stadt, sondern mit dem jeweiligen Träger ein Vertragsverhältnis hat. Und wenn deshalb tatsächlich eine Kita in finanzielle Schieflage käme, würde die Stadt da schon helfen. Wie diese Hilfe aussehen sollte und wann sie greifen würde, dazu haben wir bis heute nichts erfahren.

Aber warum sehen Sie die Stadt in der Verantwortung?

Den Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz haben die Eltern gegenüber den Kommunen. In Kassel sorgen vor allem die freien und konfessionellen Träger dafür, dass dieser Rechtsanspruch auch nur ansatzweise erfüllt werden kann. Sie erledigen die Aufgabe der Stadt und müssen dies wegen geringerer Zuschüsse oft unter schlechteren Bedingungen gewährleisten. Da kann man doch erwarten, dass die Jugenddezernentin auch Verantwortung für die freien Kitas übernimmt. Aber die Stadt duckt sich nur weg.

Wie wurde das in anderen Städten und Gemeinden geregelt?

In fast allen Städten und Gemeinden in den benachbarten Landkreisen, aber auch in Frankfurt und Wiesbaden wurden für die Zeit der Kita-Schließung entweder keine Beiträge eingezogen oder diese erstattet. Dies galt für alle Träger: freie wie kommunale. Dies ist ja auch nur gerecht, denn die Eltern können sich in der Regel nicht aussuchen, welche Einrichtung ihre Kinder besuchen. Oft bekommt man aufgrund der knappen Plätze nur ein einziges Angebot – wenn überhaupt.

Was würde denn passieren, wenn die Eltern die Beiträge von den freien Trägern zurückforderten?

Mir sind keine Eltern bekannt, die dies getan hätten. Zum Glück. Denn die meisten Einrichtungen haben keine Tausende auf der hohen Kante, die sie mal eben zurückzahlen könnten. Dies gilt auch für den Waldorf-Kindergarten. Anders als so manches Klischee vermuten lässt, sind die Eltern hier Normalverdiener. Für die ist es problematisch, wenn sie gezahlte Gebühren nicht zurückerstattet bekommen. Denn bei einem Krippenplatz kommen bei dreieinhalb Monaten Schließung schon mal 900 Euro zusammen. Würden sie es dennoch fordern, kämen die Einrichtungen in Not. Das ist auch nicht im Sinne der Eltern. Schließlich sind sie auf eine verlässliche und gute Betreuung angewiesen.

Welche Lösung hatte die Stadt Kassel angeboten?

Die Stadt hatte gefordert, die freien Kitas sollten ihre Mitarbeiter in Kurzarbeit schicken. Dabei hat sie das bei ihrem eigenen Kita-Personal nicht getan. Schon jetzt verdienen Erzieherinnen und Erzieher bei freien Trägern weniger Geld. Kurzarbeit hätte zu einer noch größeren Ungleichbehandlung geführt. Die gab es übrigens auch für die Eltern. Denn Eltern, die bei der Stadt arbeiten, durften allesamt die Notbetreuung in städtischen Kitas nutzen. Da fühlt man sich schon als Eltern zweiter Klasse.

Was fordern Sie nun?

Wir fordern, dass sich die Stadt nicht länger ihrer Verantwortung entzieht. Die Stadt setzt auf die Solidarität der Eltern. Wir fordern hingegen Solidarität mit den Eltern. Es sollte keine Zweiklassengesellschaft geben. Aus der Kasseler CDU-Fraktion, dem hessischen Landtag und von Ministerin Kühne-Hörmann haben wir dafür übrigens viel Unterstützung erfahren. Diese Unterstützung erwarten wir nun auch von Frau Gote. (Bastian Ludwig)

Zur Person: Xenia Alexandra Greving (41) ist die zweite Elternratsvorsitzende des Waldorf-Kindergartens in Bad Wilhelmshöhe. Die Mutter zweier Kinder ist verheiratet und lebt in Kassel. Sie arbeitet als Angestellte bei VW in Baunatal.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.