Schutz für Tante Emma: Stadt will Wildwuchs im Einzelhandel stoppen

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Stadt will unkontrollierte Discounter-Ausbreitung eingrenzen: Unser Foto zeigt den Netto-Markt an der Kasseler Straße. Direkt gegenüber befindet sich ein Penny-Markt.

Kassel. Auf der grünen Wiese siedeln sich immer neue Discounter, Bau- und Gartenmärkte an, und die Innenstadt und Stadtteilzentren veröden. Gegen diesen Trend erarbeiten SPD und Grüne für Kassel ein Konzept zur Einzelhandelsentwicklung, das die Nahversorgung in den Stadtteilen sichern soll.

Ziel ist, die rechtlichen Möglichkeiten der Stadt zu erweitern, um etwa ein Überangebot im Lebensmittelhandel zu verhindern. Ende 2011 gab es in der Stadt 101 Lebensmittelmärkte – sechs mehr als Ende 2010. Nach Auskunft von Heinz Spangenberg, Leiter des städtischen Planungsamts, sind vor allem Discounter „aggressiv“ in ihrer Standortpolitik – sie stellen inzwischen ein Drittel aller Lebensmittelmärkte. Bestätigt wird dies von Kai Lorenz Wittrock, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Region Kassel: „Es gibt den Einzelhandels-Trend, nicht bedarfs-, sondern rein verdrängungsorientiert zu planen.“ Nach Einschätzung der IHK Kassel gibt es nur noch wenige unterversorgte Stadtgebiete. „In diesen interessanten Lagen herrscht ein Verdrängungswettbewerb“, sagt Christine Neumann von der IHK.

Leerstand: Eines von mehreren leeren Geschäfte in der Zentgrafenstraße in Kirchditmold.

Bislang war es für die Stadt oft nicht möglich, ein Überangebot zu verhindern. So muss sie die Ansiedlung eines Lebensmittelmarktes bis 1000 Quadratmeter Fläche auf einem als Mischgebiet ausgewiesenen Areal grundsätzlich erlauben. Auch für Randbezirke gehen im Rathaus immer wieder Bauanfragen für bis zu 20.000 Quadratmeter große Märkte, etwa im Bau- und Gartenbereich, ein. Weil mancherorts Bauplanungsvorgaben fehlen, ist eine Absage oft schwer, auch wenn der Bedarf vor Ort bereits gedeckt ist. Bis April 2013 will der Ausschuss für Stadtentwicklung Vorschläge vorlegen, wie der Handel besser gesteuert werden kann. Gedacht ist an verschärfte Vorgaben im kommunalen Entwicklungsplan.

Schutz für Tante Emma

Viele Parkplätze, große Verkaufsflächen, volle Produktauswahl: Die Vorteile der Händler, die sich etwa an Ein- und Ausfallstraßen sowie in städtischen Randlagen niederlassen, sind bestechend. Christine Neumann, die bei der IHK Kassel für den Bereich Handel zuständig ist, spricht davon, dass Einzelhandel heutzutage häufig nur noch auf großer Fläche wirtschaftlich sei. Kleine, leer stehende Flächen seien nur mit Mühe zu belegen.

Die Folgen sind unübersehbar. Insbesondere die Kasseler Stadtteilzentren sterben angesichts der Konkurrenz aus. Gut zu sehen ist das unter anderem im Ortskern von Kirchditmold, wo viele Schaufenster leer stehen. Besonders ältere und immobile Menschen leiden unter der bröckelnden Nahversorgung.

Leerstand: Eines von mehreren leeren Geschäfte in der Zentgrafenstraße in Kirchditmold.

Weil der Trend zur größeren Fläche mit breiten Gängen gehe, seien eng bebaute Ortskernlagen für den Einzelhandel zunehmend uninteressant, sagt Neumann. Auch sei die Warenanlieferung mit großen Lkw dort schwierig. Um die alten Ortskerne zu beleben, sei viel Aufwand nötig. Die Eigentümer der Gebäude müssten bereit sein, in Umbauten zu investieren. „Und die Stadt darf nicht drei Straßen weiter die platte Fläche für wenig Geld anbieten. Der Handel muss so gesteuert werden, dass die Stadtteilzentren und die Innenstadt weiter funktionieren“, sagt Neumann.

Dies ist auch das Ziel, das die rot-grüne Rathaus-Kooperation verfolgt. Auch wenn die Vorschläge zum Erreichen des Ziels erst erarbeitet werden, läuft alles auf eine stärkere Einflussnahme bei der Handelsentwicklung hin. Laut Heinz Spangenberg, Leiter des städtischen Planungsamtes, geht es darum, die rechtlichen Möglichkeiten des Baugesetzbuches noch stärker auszuschöpfen als bisher. Dies solle sich dann in den Bebauungsplänen niederschlagen.

Neben einer Erörterung im Ausschuss für Stadtentwicklung ist das Vorhaben mit dem Zweckverband Raum Kassel, zu dem auch Kassels Nachbargemeinden gehören, abgestimmt. Es ist geplant, den kommunalen Entwicklungsplan Zentren (KEP-Zentren) zu novellieren. Der KEP-Zentren regelt den Schutz der Stadt- und Ortszentren vor allzu vielen Ansiedlungen auf der grünen Wiese.

Bevor der KEP-Zentren überarbeitet werde, solle bis Ende 2013 ein Konzept erstellt sein, wie „Auswüchse im Einzelhandel besser in den Griff zu bekommen sind“, sagt Spangenberg vom Stadtplanungsamt. Zwar sei vermutlich auch dann mit einer Neubelebung der Stadtteilzentren nicht zu rechnen. Aber die Lage werde sich für die Ortskerne zumindest nicht weiter verschlechtern.

Von Bastian Ludwig

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