"Nach zwei Stunden gehst du glücklich nach Hause"

Wer hier tanzt, kann kein schlechter Mensch sein: Ein Abend beim "125 Minuten Rave" im Kasseler Techno-Club Unten

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Fünf nach zwölf geht das Licht an: Das Ende eines kurzen und intensiven Raves Im Unten. 

Unser Autor mag keine langen Techno-Nächte, weil er lieber früh aufsteht. Nun war er an einem Dienstagabend auf dem Feierabend-Rave im Kasseler Club Unten, dem Quickie unter den Musik-Partys.

Die Ära, in der Kassel nach Berlin die Techno-Hauptstadt Deutschlands war, habe ich verschlafen. In den 90er-Jahren kamen jedes Wochenende Raver aus der ganzen Republik nach Nordhessen, um im "Aufschwung Ost" und später "Stammheim" die Nacht durchzutanzen. Ich dagegen verabredete mich lieber sonntagmorgens zum Laufen. Einmal kam ich gegen acht Uhr gerade aus dem Wald, als Freunde von mir nach einer durchfeierten Club-Nacht noch einen Chillout auf einer Lichtung im Sonnenaufgang zelebrierten. Sie schauten mich an, als hätte ich das Ecstasy genommen.

DJ Max Noah bei der Arbeit.

Mittlerweile bin ich zu alt für Techno-Partys, aber der "125 Minuten Rave" im Unten müsste mein Ding sein. An jedem ersten Dienstag im Monat wird ab 22 Uhr zwei Stunden lang durchgetanzt. Schon am alten Standort des Clubs im Kulturbahnhof war die Reihe ein Renner. Nach einer Zwangspause und dem Umzug in die ehemalige Tofufabrik in der Wolfhager Straße gibt es beim "120 Minuten Rave" jeweils fünf Minuten Aufschlag - als Ersatz für die Monate, in denen nicht gefeiert werden konnte. Kurz nach Mitternacht geht das Licht an und das Publikum nach Hause. Am nächsten Morgen ist ja auch noch ein Tag, an dem man arbeiten oder studieren muss.

Mit dem Rave mitten in der Woche haben die Unten-Betreiber Andreas Störmer und Mathias Jakob eine Marktlücke entdeckt. Feierabend-Raves während der Woche gibt es in Berlin, der Welthauptstadt der elektronischen Tanzmusik, aber sonst nicht in Kassel. Die Party im Unten unweit des Straßenstrichs ist der Quickie unter den Musik-Partys. "Es ist kurz und intensiv ", sagt die 22-jährige Sana: "Zwei Stunden lang tanzt du dir alles raus, dann gehst du glücklich nach Hause." Am nächsten Morgen wird sie wieder als Tagesmutter arbeiten.

Zum Aufwärmen läuft ab 21 Uhr eine Klanginstallation, diesmal sind es Songs der Backstreet Boys. Deren Casting-Sound ist so ziemlich das genaue Gegenteil von Techno, der den Pop in den vergangenen 20 Jahren mehr verändert hat als jede andere Musikrichtung. Es ist ein Witz zum Warmwerden, ehe es im düsteren Kellerclub um 22 Uhr richtig losgeht. Vom Stehtisch kann man sich am Nikolaus-Vorabend Spekulatius und Lebkuchen nehmen. Es ist angerichtet.

Auf dem Einlassstempel steht die Aufforderung: "Tanz bitte". Wer hier nicht tanzt, der "wird nicht viel Spaß haben", ist Stammgast Sana überzeugt. Den Minimal Techno, den der Wahl-Berliner Max Noah in seiner Heimatstadt auflegt, kann man nicht nur hören. "Man muss die Musik fühlen", sagt Sana. Tatsächlich kann man nicht stillstehen. Die repetitiven Beats und der Groove treiben alle 150 Besucher an wie eine Dampflok. Für DJ Max, der bis vor Kurzem den Bogen Koncept Store, einen Plattenladen in der Kasseler Innenstadt, betrieb, ist der Abend eher wie ein Konzert: "Bei DJ-Gigs am Wochenende ist man meist nur ein Teil einer langen Nacht. Dienstags im Unten hingegen fallen die Nebenbeschäftigungen der Besucher weg." Man geht nicht mal eben raus, um eine Zigarette zu rauchen oder sich zu unterhalten. 100-Meter-Sprinter machen ja auch keine Trinkpause.

Irgendwann ruhe ich mich trotzdem auf dem Sofa in der Ecke aus. Ein junger Mann setzt sich zu mir und fragt, ob ich Drogen hätte. Ein etwas älterer Kollege von mir war einmal als Kritiker auf einem Bushido-Konzert und wurde von dem Gangstarapper unter dem Gejohle der testosterongesteuerten Fans als "Aufsicht vom Jugendamt" begrüßt. Ich werde für einen Dealer gehalten. Ob das besser ist? Bei dem jungen Mann entschuldige ich mich, dass ich ihm nicht weiterhelfen könne.

Es geht ja auch ums Tanzen. Die Besucher, meist in den Zwanzigern und viele Studenten, raven selbst mit Rucksack. Würde man jetzt nichts hören, sähe das ziemlich affig aus. Tobi aus Immenhausen kann Techno "nüchtern nicht ertragen", aber heute findet er es geil. Der VW-Mechatroniker hat gerade seine Abschlussprüfung bestanden. "Mir steht die Welt offen", sagt er mit einer Euphorie, die man von der frühen Loveparade kennt. Im Unten ist er zum ersten Mal. Früher war er häufig in der Großraumdisco A 7: "Wenn man dort jemanden aus Versehen anrempelt, kriegt man eine auf die Fresse. Hier entschuldigt sich dagegen derjenige, den man angerempelt hat." Einst hieß ein Motto der Berliner Loveparade "Friede, Freude, Eierkuchen". Im Unten scheint es noch immer zu gelten. Wer hier tanzt, kann kein schlechter Mensch sein.

Die Tracks, die Max auflegt, werden langsam schneller, die Beats per Minute immer mehr. Der "120 Minuten Rave" ist ein mehr als zweistündiges Crescendo mit einem abrupten Ende. Als das Licht um fünf nach zwölf angeht, reißen einige Raver johlend die Arme in die Höhe. Alle anderen applaudieren wie nach einem Konzert. Auch Max sieht glücklich aus. Er sagt: "Hier geht es nicht um den Ertrag. Das Unten ist Subkultur und hält den Spirit der elektronischen Musik in Kassel hoch." Dieser Geist fühlt sich ziemlich gut an. Am nächsten Morgen bin ich trotzdem zu müde zum Laufen, ich bleibe liegen. Aber: Der Rave goes on. Anfang Januar stehen die nächsten 125 Minuten an.

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