Schiefe Wände haben ihre Reiz

Seit 60 Jahren lebt Liselotte Bräutigam in der Wilhelmshöher Allee

Vor dem verglasten Eingang: Liselotte Bräutigam vor dem Wohnhaus in Wehlheiden, in dem sie mittlerweile seit mehr als 60 Jahren wohnt. Foto: privat/nh

Liselotte Bräutigam blickt vom Balkon auf die vorbeifahrenden Autos und schüttelt den Kopf, als könne sie es selbst kaum glauben. „Als wir hier eingezogen sind, waren die Bäume noch ganz klein, und auf der Wilhelmshöher Allee, da lag noch Kopfsteinpflaster“, erzählt sie.

An der Ecke zum Grünen Waldweg sei eine Tankstelle gewesen, da, wo jetzt das Intercity Hotel ist. Und einen Minigolfplatz, den hat sie noch genau vor Augen.

Das Hochhaus war zur damaligen Zeit ein Aushängeschild. Ein echtes Schmuckstück in der Trümmerlandschaft, schwärmt Liselotte Bräutigam. Auch mehr als zehn Jahre nach Kriegsende sei noch viel kaputt gewesen. Eine Wohnung zu finden, war schwierig. Die Deutsche Bahn hatte das Hochhaus für ihre Angestellten gebaut, die sich für die Wohnungen bewerben konnten. Diese Möglichkeit hatte Horst Bräutigam sofort genutzt. Er hat schließlich eine Zusage für eine Wohnung im vierten Stock bekommen. Am 14., 15. und 16. September waren die Einzugstermine, erinnert sich Liselotte Bräutigam. Zusammen mit ihrem Mann ist die heute 80-Jährige gleich am ersten Tag eingezogen. Das war ein Samstag, das weiß sie noch ganz genau.

Seit dem vergangenen Jahr lebt Horst Bräutigam in einem Pflegeheim. Die Trennung fällt der 80-Jährigen nicht leicht, immer wieder werden ihre Augen feucht, wenn sie von der gemeinsamen Zeit berichtet.

Liselotte Bräutigam

„Sauteuer“ sei die Wohnung für die damaligen Verhältnisse gewesen. 220 Mark Miete - fast die Hälfte vom Gehalt ihres Mannes. Dafür war das Haus schon mit einigem Luxus ausgestattet. Es gab einen Aufzug, eine Waschmaschine im Keller und ein Badezimmer in jeder Wohnung. Da habe man sich glücklich schätzen können. Außerdem haben die Lage der Wohnung und der Ausblick das Paar überzeugt. Vom Straßenlärm bekomme man nur wenig mit, und wenn was los ist, dann steht man in der ersten Reihe. Als Willy Brandt 1970 den DDR-Ministerpräsident Willi Stoph zum Staatsempfang am Wilhelmshöher Bahnhof begrüßte, haben sie vom Balkon geschaut und die Kolonne vorbeifahren sehen.

Immer mal wieder haben die Bräutigams überlegt, noch mal umzuziehen. „Aber eigentlich haben uns die 60 Quadratmeter immer gereicht“, sagt Liselotte Bräutigam. Man hänge ja auch an einer Wohnung. Der besondere Charakter der Räume durch die asymmetrischen Wände hat seinen Reiz. Was modern war in den 50er-Jahren, habe sie aber doch ein paar Nerven gekostet, zum Beispiel beim Einbau der Küche. Die einzelnen Schränke mussten speziell angepasst werden, nur so gehen auch alle Schubladen ohne Probleme auf. Auch die leicht schräg versetzten Wände im Wohnzimmer möchte Liselotte Bräutigam nicht mehr missen.

„Und wer kann schon sagen, dass er in der Stadt wohnt und trotzdem keine Gardinen braucht, weil niemand ins Fenster gucken kann“, sagt sie und genießt den vertrauten Blick in die Bäume, hinter denen sich in der Ferne sogar der Herkules erahnen lässt.

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