Die Stimmung schwankt

Wie die Menschen in Stadt und Kreis Kassel mit den Corona-Verboten umgehen

Manches ist in der Kasseler Innenstadt wie vor Corona: Bei Regen zum Beispiel herrscht immer noch Tristesse. Rentner Walter Schmerfeld in der Treppenstraße.
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Manches ist in der Kasseler Innenstadt wie vor Corona: Bei Regen zum Beispiel herrscht immer noch Tristesse. Rentner Walter Schmerfeld in der Treppenstraße.

Durch die Corona-Krise ist der Alltag in Stadt und Kreis Kassel stark eingeschränkt. Wie gehen die Menschen damit um? Wir haben nachgefragt.

  • Die Corona-Krise schränkt den Alltag stark ein.
  • Die Menschen in der Region Kassel sehen die Einschränkungen aber größtenteils entspannt.
  • Wir haben nachgefragt, wie sie damit umgehen.

Stück für Stück kehren die Bundesländer zur Normalität zurück. Doch die Diskussion darüber, wie weit die Lockerungen gehen sollen, ebbt nicht ab. 

Mehr noch: Der Druck auf die Politik wächst. Vor allem die von Bundesland zu Bundesland unterschiedlichen Regelungen stoßen auf Unverständnis. Von einer „kippenden Stimmung“ sprachen in den vergangenen Tagen Politiker verschiedener Parteien.

Corona in Kassel: Sorge um Arbeitsplatz und Fortbestand von Firmen

Weitestgehend entspannt ist die Stimmung in der Corona-Krise dagegen in Stadt und Kreis Kassel, wie eine HNA-Umfrage ergeben hat. Die meisten Befragten haben keine Probleme mit den Einschränkungen – auch wenn sie davon ausgehen, dass diese noch länger andauern und vor allem wirtschaftliche Folgen haben werden.

So sind es laut Deutscher Presse-Agentur insbesondere die Angst vor dem Verlust des Arbeitsplatzes und die Sorge um den Fortbestand von Firmen, die die Akzeptanz von Einschränkungen schwinden lassen. Wirtschaftsverbände pochen angesichts des Konjunktureinbruchs darauf, weite Teile des öffentlichen und wirtschaftlichen Lebens wieder hochzufahren.

Corona-Krise in der Region Kassel: So ist die Stimmung bei Händlern

Seit zwei Wochen haben die meisten Geschäfte in Kassel trotz Corona wieder geöffnet. Die Stimmung unter den Händlern beschreibt Martin Schüller, Geschäftsführer des Einzelhandelverbands Hessen Nord, als verhalten. Im Non-Food-Bereich gebe es Umsatzeinbußen von 50 Prozent im Vergleich zu der Zeit vor Corona

„Die Konsumstimmung ist im Keller. Wir hoffen, dass sie wieder steigt.“ Dass die Einzelhändler in Kassel von der Stadt mit der Aktion „Kopf hoch, Kassel!“ über Bundes- und Landeshilfen hinaus unterstützt werden, findet Schüller gut. Das helfe vor allem kleineren Geschäften. Seit gestern ist es möglich, die Hilfe zu beantragen.

Kassel: Lebensmittel während Corona-Krise nach wie vor gefragt

Im Lebensmittelbereich ist die Nachfrage dagegen ungebrochen: Carola Hartung von Edeka Hartung in Nieste sieht den Kundenandrang allerdings nicht nur positiv. „Manche kommen in Gruppen, und der Einkauf wird zur Beschäftigungstherapie“, kritisiert sie. Ihr Appell: Einzeln einkaufen und ältere Menschen sowie Kinder möglichst zuhause lassen, um das Infektionsrisiko zu senken.

Die weitaus meisten Menschen halten sich derweil in Kassel an die Regel, in Bussen und Bahnen eine Maske zu tragen, so KVG-Sprecherin Heidi Hamdad. Die meisten Fahrgäste seien gut informiert und vorbereitet. Trotz der Lockerungen registriere man bei der KVG derzeit nicht mehr Fahrgäste.

Corona in Kassel: So sieht es mit der Stimmung in den Stadtteilen aus

Auch nach sieben Wochen Corona-Krise in der Region Kassel sind manche gelassen, andere wollen ein baldiges Ende des Shutdowns. Wir haben uns umgehört: Wie ist die Stimmung?

Mitten im Grünen trifft man einen der größten Corona-Skeptiker. Wie jeden Tag geht Bettina Schön mit ihrem Hund am Brückenhof spazieren, der hinter dem Hallenbad Süd in Felder und Wiesen übergeht. Auf ihrem Smartphone sucht die 58-Jährige gerade das Interview mit dem Mikrobiologen Sucharit Bhakdi, das sie auf Servus TV gesehen hat. Darin erklärt der Experte, warum er die Corona-Maßnahmen für überzogen hält.

Per WhatsApp will Schön den Link an Freunde schicken, die alle Angst vor Corona haben. Sie glaubt, dass Bhakdi recht hat. Allmählich würde das auch den Politikern einleuchten. Aber: „Von denen will es keiner als Erstes zugeben.“ Schön fragt, ob das, was sie sagt, morgen in der Zeitung stehe. Sie fürchtet einen Shitstorm: „Jeder, der eine andere Meinung hat, wird als Verschwörungstheoretiker abgetan.“ Dann sagt Sie: „Schreiben Sie es ruhig.“

In Nordshausen geht Ralf Graffunder mit seinem Hund Gassi. Hier im Südwesten ist Kassel ein Dorf. Außer dem 65-Jährigen sieht man niemanden auf der Straße. Zuhause kümmert sich der Rentner um seine krebskranke Frau. Zur Chemotherapie ins Krankenhaus darf er wegen der Pandemie nicht mehr mit. Sein Leben ist im doppelten Ausnahmezustand. Trotzdem sagt er zu Corona: „Man hat sich ein bisschen daran gewöhnt.“ Graffunder ahnt, dass die Folgen von Corona lange zu spüren sein werden. Aber: „Wir werden es überstehen.“

Corona im Kreis Kassel: Verhaltene Stimmung in Vellmar

„Fragen Sie mich lieber nicht“, antwortet ein älterer Mann auf die Frage, was er von den aktuellen Einschränkungen hält. Offenbar nicht viel. Ursula Schabacker, die auf dem Vellmarer Wochenmarkt unterwegs ist, ist da offener. Als Selbstständige sei sie natürlich froh, dass es weitergeht, sagt die 59-Jährige, die einen Friseursalon in Fuldatal hat. Aber eigentlich empfinde sie die Lockerungen als zu früh. Überhaupt finde sie es sehr schwer, die Lage einzuschätzen, da die Medien so unterschiedlich berichten würden. Die derzeitige Stimmung bezeichnet Schabacker als schrecklich. „Alle laufen vermummt rum. Das Kontaktverbot ist schlimmer als alles andere.“

Auch Bodo Volk aus Fuldatal ist in Vellmar unterwegs. Seine Stimmung sei bislang noch gut, sagt der 51-Jährige. Er würde sich nur wünschen, dass man sich wieder mit mehreren Leuten treffen kann, mit drei, vier oder fünf Personen. Natürlich auf Abstand und mit Mundschutz. VW-Mitarbeiter Volk hat seit 13. April Kurzarbeit gehabt. Jetzt freut er sich, dass er zumindest wieder im Homeoffice arbeiten darf.

Corona im Kreis Kassel: Anspannung in vielen Geschäften

Ein Blick in den Kasseler Osten nach Söhrewald: Petra Menne aus Wellerode hat gerade ihren Wocheneinkauf hinter sich. Dabei eine Maske tragen zu müssen, störe sie kaum. „Die Brille beschlägt zwar ständig, aber ich kenne das, weil mein Mann schwer krank ist und ich ihn auch zuhause schütze.“ Das Einkaufen empfinde sie hingegen als ziemlich anstrengend. „Wenn ich nach dem Einkauf nach Hause komme, bin ich erst mal platt“, sagt sie.

Es herrsche Anspannung in den Geschäften, „vielleicht weil die Menschen Angst haben, sich zu infizieren“, mutmaßt die 63-Jährige. „Und gleichzeitig wird nur eine begrenzte Kundenzahl reingelassen“, fügt Heidi Brassel zu. Die 71-Jährige hat Menne vorm Edeka in Wellerode getroffen. Sie will ebenfalls gleich einkaufen. Natürlich auch mit Maske. Auch ihr Mann ist krank – die Maske für sie also selbstverständlich. „Das ist Routine für mich“, sagt sie und schmunzelt. Ebenfalls am Edeka: Dieter Weber. Er hat Katzen- und Vogelfutter gekauft und sagt, bevor er ins Auto steigt: „Das Wichtigste ist, dass wir trotz der Krise nicht die Lebensfreude verlieren.“

Corona in der Region Kassel: Imbiss in Baunatal hat vorgesorgt

Das scheint Nicole Pilippent aus Baunatal-Großenritte ähnlich zu sehen: Kein Wunder, sie verkauft Pommes, Currywurst und Schnitzel an die Kunden des Grillhofs Baunatal und hat Grund zur Freude. „Wir spüren die Krise kaum, unsere Kunden kommen weiterhin und halten sich an die Regeln in Sachen Abstand und Masken.“ 

Um für mehr Schutz zu sorgen, wurden zwischen dem Küchenbereich und dem Kundenraum Scheiben installiert. Die Mitarbeiter tragen zusätzlich einen Sichtschutz. Der Nachteil: Wegen der Masken und dem Glas sei es schwerer, Bestellungen aufzunehmen. „Manchmal muss ich mehrmals nachfragen, ich hoffe die Kunden nehmen mir das nicht übel“, sagt die 46-Jährige.

Corona in Kassel: Viele in Kurzarbeit - Ungewissheit macht Sorgen

Wie fühlt man sich nach fünf Wochen Kurzarbeit? Zuhause, im Stadtteil Forstfeld, mit der Familie, der Frau und zwei 20 und 18 Jahre alten Töchtern? „Ungewohnt“, sagt Volker Kuhne (59) nach kurzem Überlegen und fügt dann an: „Blöd ist, dass du nicht weißt, wie alles weitergeht, und die Ungewissheit wächst. Ich hoffe, dass es bald vorbei ist.“ Aber das gehe ja allen so.

Darüber hinaus beschäftige er sich mit Arbeiten im Haus und halte sich an die Vorgaben. So sei es für ihn selbstverständlich, beim Einkaufen eine Maske zu tragen. Und er sei sehr froh, dass sich andere auch daran hielten. „Eine unserer Töchter und ich selbst gehören zur Risikogruppe, da muss man einfach aufpassen, und man freut sich über das solidarische Verhalten der Mitmenschen.“ Besonders in der Zeit, als die jüngste Tochter ihr Abitur geschrieben habe, sei die Familie angespannt gewesen, um nichts zu riskieren.

Corona im Kreis Kassel: Vielen steht das Wasser bis zum Hals

Was Volker Kuhne vermisst, ist die Geselligkeit in seinen Vereinen, der Arge Forstfeld und seinem Taucherverein TWC Delphin. Im Stadtteil Forstfeld hielten sich alle an die Vorgaben, „ohne Panik“. Angst mache ihm die wirtschaftliche Situation, sagt Kuhne, der bei Dürkop in Waldau als Fahrzeugkoordinator arbeitet. „Ich werde über die Runden kommen, aber vielen anderen steht das Wasser bis zum Hals.“ Die Regierung müsse aufpassen, keine Millionen zu verbrennen. „So leid es mir um die Arbeitsplätze bei Condor tut, aber die waren doch schon vor Corona pleite.“ Er finde es inakzeptabel, dass Subventionen für alles und jeden fließen. Da dürfe nichts überstürzt werden.

„Dass ich die Corona-Einschränkungen als nicht so belastend empfinde wie andere, hat sicher auch etwas mit meiner Wohnsituation zu tun“, sagt Kurt Eisen (74) aus Schauenburg, Ortsteil Martinhagen: „Ich wohne auf dem Dorf in einem Haus mit großem Garten. Da fühle ich mich nicht so eingeengt.“ Das sei sicher viel schwieriger für jemanden, der in der Stadt in einer kleinen Wohnung im dritten Stock wohnt. Darüber hinaus sei er froh, dass so viele Menschen vernünftig seien und sich an die Vorschriften und Empfehlungen halten. Er gehöre selber aus verschiedenen Gründen zur Risikogruppe.

Seine Außenkontakte beschränkten sich weitgehend aufs Einkaufen, selbstverständlich mit Maske. Auf dem Dorf sei die Stimmung insgesamt ruhig und weitgehend entspannt. Aber: „Ich finde es schlimm, dass jetzt schon wieder so viele aufs Geld gucken und nur deshalb auf Lockerungen drängen und nachlässig werden.“

Corona-Krise in Kassel: Lange Schlangen vor Friseuren

Am Samstag war im Modehaus Trischl in der Kasseler Innenstadt „die Hölle los“, sagt Verkäuferin Annemarie Schröder. Die 64-Jährige freute sich über gut gelaunte Kunden in dem auf Damenmoden spezialisierten Geschäft. Am Montag war es hingegen ruhiger: „Heute müssen die Frauen erst einmal zum Frisör.“ Tatsächlich sieht man vor den Friseuren in der Region Kassel, die gerade erst wieder aufmachen durften, lange Schlangen. Auch vor den Bankautomaten muss man Geduld haben.

Vieles ist in der Stadt nun wieder wie vor dem Shutdown. Der Regen etwa sorgt immer noch für Tristesse. Vieles ist aber noch nicht wie früher. Josef Tokic aus Guxhagen findet, es sei „traurig und leer wie in der Kriegszeit“. IT-Fachmann Sebastian Schmidt freut sich, dass „wieder ein bisschen Leben in der Stadt ist“.

Corona in Kassel: Gastronomie hat weiterhin geschlossen

Auch sonst gibt es unterschiedliche Meinungen über den Alltag. Tokic ist verstört, weil die Kunden in den Schlangen zu dicht aneinander stünden. Uwe Eberhardt aus Kassel klagt, dass viele die Masken in den Geschäften abnehmen würden, wenn keiner gucke. Andere loben die Disziplin der Menschen. Walter Schmerfeld etwa sagt: „Vor allem in Bussen und Bahnen hält jeder Abstand.“

Neben Gesundheit wünscht sich der 67-Jährige vor allem eins: „Wir warten sehnlichst darauf, dass Cafés und Restaurants wieder aufmachen.“ Und Mode-Verkäuferin Schröder ist so gut gelaunt wie ihre Kundinnen am Samstag: „Wir brauchen Zuversicht. Ich sehe alles ganz positiv.“

Von Florian Quanz, Ulrike Pflüger-Scherb, Moritz Gorny, Matthias Lohr und Christina Hein

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