10.000 Titel im Bestand

Detektivarbeit für seltene Bücher: In Kassel steht das älteste Antiquariat Nordhessens

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Gewichtiges Werk: Inhaber Sebastian Eichenberg mit einem 15 Kilogramm schweren, reich illustrierten Prachtband aus dem Jahr 1907 zur Geschichte der Wartburg in Eisenach.

Von außen deutet nichts darauf hin, dass sich im Altbau an der Leuschnerstraße eine Schatzhöhle befindet. Doch im Inneren des Antiquariats Horst Hamecher gibt es Bücher, für die Sammler vier- bis fünfstellige Summen zahlen.

Das Antiquariat Horst Hamecher an der Leuschnerstraße 33 feiert in diesen Tagen sein 70-jähriges Bestehen. Gegründet wurde es 1947 als private Leihbücherei mit Bänden, die vor der Kriegsbombardierung gerettet worden waren.

Im Antiquariat biegen sich raumhohe Regale unter ihrer Bücherlast, darunter 450 Jahre alte Kostbarkeiten, prächtige Handdrucke aus der Kaiserzeit und seltene Werke zur hessischen Landesgeschichte. Für solche Fundstücke zahlen Sammler vier- bis fünfstellige Summen. Aber schon für kleines Geld gibt es dort rare Bücher, die aus dem Handel längst verschwunden sind.

Das älteste Antiquariat Nordhessens feiert in diesen Tagen sein 70-jähriges Bestehen. Gegründet hat es der Literatur- und Zeitungswissenschaftler Horst Hamecher im Nachkriegsjahr 1947 zunächst als Leihbücherei mit Beständen aus seiner Privatbibliothek, die er vor der Kriegsbombardierung retten konnte. Hamecher baute den Buchverleih dann zum Antiquariat aus, das nach einigen Ortswechseln an der Goethestraße ansässig wurde. Der Gründer, der auch als Verleger und Autor tätig war, starb 2007.

Horst Hamecher

In jenem Jahr übernahm der heutige Inhaber Sebastian Eichenberg (36) das Antiquariat und zog drei Jahre später mit einem Fundus von 10 000 Bänden an die Leuschnerstraße um. Eichenberg hängte dafür sein Studium der Kunstgeschichte an den Nagel, er hatte zuvor schon regelmäßig in anderen Kasseler Antiquariaten gearbeitet und Feuer gefangen für die professionelle Jagd nach Bücherschätzen. „Dabei gibt es jeden Tag etwas Neues zu lernen“, sagt er. 

Zum Beispiel, dass sich in der Antiquariatsbranche auch so etwas wie Kunstraub abspielt. Einmal sei ein Bücherfreund gekommen, „ein Herr Mitte 60, der sagte, er wolle nur ein wenig stöbern“, erzählt der Antiquar. Eine Weile, nachdem der Mann gegangen war, bemerkte Eichenberg, dass ein kostbarer Handdruck von Richard Wagners Drama „Wieland der Schmied“ fehlte. Eichenberg hatte den kalbsledergebundenen Jugendstil-Prachtband von 1911 gerade frisch hereingenommen, daher fiel ihm der Verlust gleich auf.

Nun erwies es sich als Vorteil, dass Deutschlands Antiquariate und ihre Kunden seit Mitte der 1990er-Jahre elektronisch vernetzt sind (www. zvab.com): „Eine Woche später war das Buch bei einem Kollegen in Frankfurt gelistet“, sagt Eichenberg. Anhand bestimmter Spuren und Eigenheiten sei der gestohlene Band – Wert: knapp 1000 Euro – zweifelsfrei zu identifizieren gewesen. Der Dieb, offenbar ein Wiederholungstäter, wurde dann auch im Raum Frankfurt von der Polizei dingfest gemacht.

Detektivarbeit ist es auch, als Antiquar seltene Bücher aufzutreiben und deren materiellen Wert einzuschätzen. Sebastian Eichenberg kauft dazu Nachlässe auf und nimmt an Auktionen teil. Da jedes seltene Buch weltweit gesucht und angeboten werden kann, hat das Antiquariat Hamecher Kunden rund um den Globus. Etwa zehn Sendungen pro Tag bringt Eichenberg auf den Weg. Laufkundschaft spielt praktisch keine Rolle, Fans und Sammler kennen die Adressen des halben Dutzends Kasseler Antiquariate und deren jeweilige Spezialgebiete. 

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