Zocken an Automaten machte ihn krank

Wie Glücksspiele Klaus K.s Leben zerstörten - und er die Sucht bekämpfte

Kassel. Als Klaus K. das Casino verlässt, kann er es nicht fassen. 256.000 Mark! Das könnte seinen Schuldenberg tilgen. Doch vier Tage nach seinem Gewinn ist er wieder pleite.

Nur Geld kann sein Leben retten – hat es aber gleichzeitig bereits zerstört. Denn Klaus K. aus Kassel ist spielsüchtig.

Heute hat er das akzeptiert und einen Weg gefunden, mit seiner Sucht umzugehen. Doch der verläuft zunächst wie eine Achterbahnfahrt. „Die Weichen für eine Suchterkrankung werden schon in der Kindheit gestellt – so auch bei mir“, sagt der 57-Jährige.

Alles beginnt zunächst harmlos: „Mein Vater hat mich immer am Wochenende zum Frühschoppen mit in die Kneipe genommen“, sagt K. Dort hat er sich als Kind natürlich zu Tode gelangweilt. Um den kleinen, achtjährigen Klaus bei Laune zu halten, drückt Papa ihm häufiger zwei Mark für den Spielautomaten in die Hand. „Komm her, da kannst du ein bisschen rumdrücken“, sagt sein Vater und widmet sich seinen Freunden.

Aus dem Rumdrücken wird eines Tages ein 50-Mark-Gewinn. Glück gehabt, denkt sich Klaus K. da noch. Auch Jahre später verläuft sein Leben noch weitestgehend in geregelten Bahnen. Einen Spielautomaten besucht K. nur ab und an aus Spaß. Doch dann kommen die Scheidung von seiner ersten Frau und ein beruflicher Bankrott – und aus Spiel wird Ernst.

Was er braucht? Geld. Viel Geld.

K. verliert sein Haus, seine Liebe, seine Existenz. Was er braucht? Geld. Viel Geld. Und wo bekommt er das mehr oder weniger über Nacht? Im Casino. Wo früher zwei Mark das Maximum waren, bedeuten 5000 Mark in seinen Höchstzeiten gar nichts mehr. K. setzt 20.000 Mark, nimmt Kredite auf und spielt und spielt und spielt. Black Jack, Poker und Roulette – das sind seine Spezialgebiete. „Da hatte ich noch nicht durchschaut, dass man gar kein Spezialgebiet haben kann, sondern das Gewinnen beim Glücksspiel absolut nicht beeinflussbar ist“, sagt K. heute.

Erst als K. obdachlos ist, zieht er zum ersten Mal die Reißleine. Er meldet sich bei einem Männerwohnheim in Kassel – der Einstieg in seine erste stationäre Therapie, die er zunächst in Bad Hersfeld antritt. Es geht bergauf, doch seine Sucht ist nach wie vor präsent. „Immer wenn mein Leben drohte, aus der Bahn zu laufen, spürte ich den Suchtdruck“, sagt er.

Noch zweimal macht K. Tiefschläge durch einen Rückfall mit. Der Grund: Stress mit seiner Ex-Freundin wegen eines seiner zwei Kinder und der Tod seines besten Freundes. Es folgen weitere ambulante und stationäre Therapien – mit Erfolg.

Dieses Video ist ein Inhalt des Videomarktplatzes Glomex und wurde nicht von der HNA produziert.

Bis heute in Behandlung

Auch heute ist K. in therapeutischer Behandlung im Diakonischen Werk Kassel und besucht eine Selbsthilfegruppe. „Ich habe viel dazugelernt und bin gelassener geworden“, sagt er. Die Sucht sei eben ein Teil von ihm.

„Ich muss ständig an mir arbeiten“, sagt er. Dazu gehöre es, möglichst viele Menschen in seiner Umgebung mit ins Boot zu holen und über seine Krankheit zu informieren. „Mit Ehrlichkeit kommt man am weitesten“, hat K. gelernt. Außerdem gelte es, die Gefahren für einen Rückfall so gering wie möglich zu halten. „Für einen gesunden Menschen sind Gesellschaftsspiele nicht gefährlich“, sagt K. Er selbst lasse aber lieber die Finger von Monopoly. Schließlich ging es für ihn bereits um weit mehr als nur Spielgeld.

Spieler tauchen in eine andere Welt ab

Abhängigkeit hat viele Gesichter. Nicht in jedem Fall müsse es sich dabei um eine stoffgebundene Sucht handeln, sagt Andreas Fux, Sozialtherapeut beim Diakonischen Werk Region Kassel. „Auch ein bestimmter Zustand kann abhängig machen“ – so auch beim Glücksspiel. Durch den Reiz, ständig etwas gewinnen zu können, schütte der Körper den Botenstoff Dopamin aus. Dieser sorge für ein Glücksgefühl. „Wenn jemand spielsüchtig ist, benutzt er den Gang ins Casino, um den Problemen des Alltags zu entfliehen“, erklärt Fux. Dabei spreche man von einem regelrechten Abtauchen – dem Immersionserleben. 

Der Nervenkitzel, den Glücksspielsüchtige erleben, habe nichts mit dem Kick zu tun, den auch gesunde Menschen bei Mensch-ärgere-dich-nicht oder ähnlichen Gesellschaftsspielen empfinden. „Glücksspiel kann Existenzen ruinieren und bis zum Tod führen“, sagt Fux. Denn der Abhängige gerate im Verlauf seiner Sucht immer mehr in eine Abwärtsspirale. Bei vielen entstehe die trügerische Annahme, Glücksspiele könnten taktisch beeinflusst werden. „Die Gewinnchance beim Roulette spielen beispielsweise liegt aber immer wieder aufs Neue bei 50 Prozent – egal wie die Runden vorher liefen“, erklärt der Therapeut. 

Suchtkranke jagen Gewinn hinterher

Suchtkranke leben immer im Spannungsfeld zwischen Gewinn und Verlust. Je mehr verloren wurde, desto häufiger wird gespielt. „Suchtkranke jagen dem Gewinn regelrecht hinterher“, sagt Fux. Die Kontrolle über die Dauer des Spielens haben sie dabei schon längst verloren. Im Falle des Verlierens schiebe der Betroffene häufig die Schuld jemand anderem zu – und wenn es der Spielautomat selbst ist. Die eigene Strategie, die es eigentlich gar nicht geben kann, werde nie angefochten. 

„Glücksspielsucht ist gerade durch die Online-Angebote immer präsenter geworden“, warnt Fux. Die Regulierung im Internet gestalte sich äußerst schwer. Und auch das geschulte Personal in Casinos, das per Gesetz mittlerweile Pflicht ist, sei keine Hilfe. „Das ist eine Doppelbotschaft“, sagt Fux. Ein gewinnorientiertes Unternehmen könne nicht daran interessiert sein, die Spieler von den Automaten fernzuhalten. Das Diakonische Werk Region Kassel biete daher auch keine Schulungen für dieses Personal an.

Hier finden Betroffene Hilfe

Süchtig bleibt man sein ganzes Leben lang. Mithilfe von ambulanten und stationären Therapien – einzeln oder in der Gruppe – sowie Selbsthilfegruppen gibt es jedoch gute Möglichkeiten, den richtigen Umgang mit der Abhängigkeit zu erlernen und ein weitestgehend glückliches Leben zu führen. Das Diakonische Werk Region Kassel berät Betroffene bei der Suche nach der richtigen Unterstützung. Informationen gibt es unter suchtberatung@dw-region-kassel.de und unter 0561/93 89 50. Außerdem können sich Betroffene bei der Selbsthilfegruppe F78a melden, die sich dienstags um 18.45 Uhr ebenfalls in den Räumen des Diakonischen Werks trifft. Dort kann man den Verlauf seiner Sucht mit Menschen besprechen, die Ähnliches erlebt haben.

Rubriklistenbild: © Marc Tirl/dpa

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