"Wir machen nicht klingelingeling, sondern feiern echtes Weihnachten"

Von Prostituierten und Menschen, die Weihnachten einsam sind: Heiligabend unterwegs

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Organisierten im Kasseler CVJM-Heim eine große X-Mas-Party für die Straßenszene: Carola Schiffmann (von links), Helga Rixen, Mehrdad Saidy und Maggy Jany.

Heiligabend verbringen die allermeisten bei ihrer Familie. Aber was ist eigentlich da draußen los? Wir waren in Kassel unterwegs, während andere Geschenke auspackten.

Dieser Heiligabend beginnt mit einer Lüge. Auf der Titelseite wünscht die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" ihren Lesern frohe Weihnachten und zeigt ein Land im Schnee. So wie auf diesen Zeichnungen stellen wir uns Weihnachten vor: Kinder fahren Schlitten, stapfen mit ihren Eltern durch einen Zauberwald und bauen Schneemänner. Die Realität ist ganz anders. "Es sieht ja überhaupt nicht weihnachtlich aus", sagt der achtjährige Sohn, als er aus dem Fenster auf diesen 24. Dezember schaut, der sich als trüber Novembernachmittag verkleidet hat.

Aber wie ist dieses Weihnachten da draußen? Vor allem: Wie ist es für die Menschen, die gerade nicht zu Hause sind, während die ganze Welt mit ihren Familien Weihnachtslieder singt und Geschenke auspackt? Wir waren von 17 bis 21 Uhr in Kassel unterwegs.

Der Heimkehrer

Student André im Bahnhof Wilhelmshöhe.

Dass Heiligabend anders ist als alle anderen Tage im Jahr, hat André bereits am Mittag in Berlin festgestellt. Da hat sich der Biochemiestudent auf den Weg in seinen Heimatort Kirtorf zwischen Schwalmstadt und Marburg gemacht. In der Hauptstadt "war schon um zwei Uhr kein Auto mehr auf der Straße", sagt der 24-Jährige.

An Weihnachten machen sich fast alle, die noch keine Eltern sind wie vor mehr als 2000 Jahren Josef von Nazaret auf in ihren Geburtsort. Die Berliner Verkehrsbetriebe twitterten dazu schon am 22. Dezember: "Leise kreuzt die M10 / die Schönhauser Allee. / Weihnachtlich leer ist die Fahrt, ganz Prenzelberg ist in Stuttgart."

André ist erst an Heiligabend losgefahren, weil die Züge da leerer und billiger sind. Für seine Reise nach Stadtallendorf hat er 40 statt 90 Euro bezahlt. Von den gesparten 50 Euro könnte ein Student schöne Geschenke für die Familie kaufen. Bei der wird er erst gegen acht ankommen. Für den Gottesdienst ist das zu spät, aber André ist Atheist. Weihnachten bedeutet für ihn vor allem Heimfahren. Ansonsten kommt er nur noch Ostern nach Hause.

Wenn man ihn fragt, ob er Weihnachten schon mal woanders als bei seinen Eltern verbracht hat, überlegt er eine Weile und stellt erstaunt fest: Nein. Selbst für einen Atheisten ist Weihnachten etwas Besonderes - und für die Bahn auch. Mit seinem Zweite-Klasse-Ticket hatte sich André in die erste Klasse des leeren ICEs gesetzt. Als der Schaffner seine Karte kontrollierte, sagte er: "Bleiben Sie ruhig sitzen, ich hab nix gesehen."

Die Heiligabend-Party

Helga Rixen wollte dieses Jahr an Heiligabend nicht zu Hause sitzenbleiben. Es ist noch nicht lange her, dass ihr Mann gestorben ist. Mitte Dezember las sie in der HNA die Ankündigung, dass das Streetwork-Projekt Free-Mobil noch Helfer für seine große X-Mas-Party im CVJM-Heim an der Treppenstraße sucht. Seit 25 Jahren trifft sich dort die Straßenszene zur ungewöhnlichsten Heiligabend-Party der Stadt.

Nun ist Rixen eine der vielen Helferinnen, um 200 Obdachlosen, Alkoholikern, Junkies und vielen anderen Menschen einen schönen Abend zu bereiten. "Ich wollte das schon immer machen. Hier ist das Leben. Es gibt Krach, und manchmal fliegen Töpfe", sagt die 58-Jährige. Bevor es richtig los geht, gibt es einen ersten Streit. Eine Helferin wurde am Eingang vom Hund eines Gastes leicht gebissen. Die einen fordern, der Hund müsse weg. Die anderen sagen, die Frau, die den Vierbeiner streicheln wollte, während er fraß, sei eine Prinzessin.

Für einen Moment denkt man, der Streit könne so groß werden wie der Nahostkonflikt, aber dann freuen sich doch alle auf das große Büffet mit Weihnachtsgänsen und allem, was dazu gehört, sowie Theater und Live-Musik auf der Bühne. "Wir machen nicht klingelingeling, sondern feiern echtes Weihnachten", sagt Maggy Jany, die die X-Mas-Party mit ihrem Mann Hermann organisiert. Einige seien schon breit, wenn sie kommen, und an Gott glauben hier die wenigsten, aber "es gibt keinen Menschen, der verkehrt ist", meint Jany.

Die Prostituierte

Leere Wilhelmsstraße in der Kasseler Innenstadt.

An Heiligabend kann man eigentlich nichts verkehrt machen. Obwohl: Wenn man jetzt um kurz vor acht an einer roten Ampel steht, fragt man sich schon, ob man nicht doch fahren könnte. Es ist einfach niemand unterwegs. Im Alex-Bistro auf dem Friedrichsplatz gibt es noch bis zehn Happy Hour. Beim Chinesen in der Kurfürstengalerie treffen sich Familien zum Weihnachtsessen, aber sonst ist die Stadt leer. Man wundert sich darum, dass auf dem Straßenstrich in der Wolfhager Straße doch eine leicht bekleidete Osteuropäerin steht. Sie sagt, Weihnachten sei genauso viel los wie sonst. Dabei sieht sie traurig aus. Alles hier ist so trostlos wie ihre Frage: "Ficki machen?"

Der Einsame

Auch an der Aral-Tankstelle in der Frankfurter Straße ist es an Heiligabend wie an jedem anderen Tag. Die Leute kommen, um im "Rewe to go" Alkohol und das zu kaufen, was sie im Vorweihnachtsstress vergessen haben. Ein junger Mann kommt und kauft nichts. Stattdessen lässt er sich den Toilettenschlüssel geben. Als er wieder rauskommt, erzählt uns der 26-Jährige seine Geschichte, die eine der traurigsten Weihnachtsgeschichten ist.

Vor einem Jahr verlor er innerhalb von drei Wochen zwei Kumpel bei Verkehrsunfällen. Der Maler-Auszubildende fiel in eine tiefe Depression, ging nicht mehr zur Arbeit: "Ich aß auch nur noch das Nötigste."

Ein Nachbar, der sich Sorgen machte, weil er ihn lang nicht mehr gesehen hatte, rief den Krankenwagen. Der junge Mann, der seinen Namen nicht hier lesen will, wurde in die Psychiatrie nach Bad Emstal-Merxhausen gebracht. Später machte er eine Therapie im Kasseler Ludwig-Noll-Krankenhaus.

26 Jahre alter Arbeitsloser, der anonym bleiben will.

Seit einigen Wochen ist er wieder draußen im echten Leben. Über das Amt hat er ein Zimmer in einer WG bekommen, er hat aber weder Job noch Einkommen. Auf seine Bewerbungen gab es nur Absagen. Im Job-Center sagten sie ihm: "Gehen Sie erst einmal Flaschen sammeln oder betteln." Und so ist er nun Tag für Tag unterwegs, meistens am Bahnhof Wilhelmshöhe. Aber "von 100 Leuten, die ich frage, sagen 99 Nein, und der 100. gibt einem 40 Cent". Auch an Heiligabend lief es nicht besser. In der Aral-Toilette war er, um sich zu waschen. Seine Hose ist dreckig, seine Schuhe haben Löcher.

Weihnachten ist für ihn nicht das Fest der Liebe und auch nicht das der Familie, die sich nicht für ihn interessiert: "Ich kam schon mit sechs ins Heim." Weihnachten bedeutet für ihn nur "Überleben". Als er seine Geschichte zu Ende erzählt hat, hat er Tränen in den Augen. Er bedankt sich für die zehn Euro, die man ihm gibt, und wünscht einem frohe Weihnachten.

Am Schluss dieser Heiligabend-Tour denkt man an den Oasis-Gitarristen und Rock-Rüpel Noel Gallagher, der gerade eine Tirade losgelassen hat gegen Weihnachten, den "Schandfleck für die Gesellschaft". Weihnachten kann etwas sehr Schönes sein. Aber manchmal ist es auch nur eine Lüge.

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