Hier lassen alle die Hosen runter

Besuch in einem der ältesten Waschsalons Kassels: Warum man sich hier so schnell verliebt

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Mario Hauck ist zwischen Waschmaschinen groß geworden. Heute leitet er den Salon in der Kasseler Weserstraße.

In einem der ältesten Waschsalons Kassels haben wir den Leiter Mario Hauck besucht. Uns hat er erzählt, wie es hier früher aussah, wie intim und romantisch es heute ist – und warum man Bettwäsche verstorbener Großmütter unbedingt waschen sollte.

Wer gerade seine Unterhosen wäscht, fängt keinen Streit an. Das sagt Mario Hauck – und der muss es wissen. Schließlich leitet er Kleitex in der Weserstraße, einen der ältesten Waschsalons Kassels, sein Vater und sein Bruder führen außerdem zwei Filialen in Göttingen. „Es ist immer friedlich“, sagt Hauck und lächelt. Er sitzt inmitten der rotierenden Wäsche, dem Rauschen der Maschinen, und sagt: „Hier lassen alle die Hosen runter.“ Touristen, Familien und Arbeitslose, Flüchtlinge und AfD-Wähler. Ihre Hosen wirbeln in Trommeln, die bis zu 15 Kilo Wäsche fassen können – weiß, blau, rot, schwarz. 35 bis 45 Minuten lang, dann sind sie sauber. In der Zwischenzeit gibt es keinen Stress, keine Streitereien. Draußen am Katzensprung hupen die Autos, hier drin lächeln die Menschen einander zu.

So romantisch war es nicht immer: In Haucks Kindheit war ein Waschsalon noch ein schummriger Ort: Es wurde geraucht, Bier getrunken, Karten gespielt. Abends versuchten Obdachlose, sich im Salon einzurichten. „Viele dieser Kindheitserinnerungen an die 80er-Jahre sind düster“, gibt Hauck zu. Er ist im Waschsalon aufgewachsen. Später sicherte er als gelernter Schlosser Banken ab oder war mit Gerichtsvollziehern unterwegs, um fremde Türen zu öffnen. Dass er bald Fremden seine Türen öffnen würde - Waschmaschinentüren, Trocknertüren, die Ladentür - das hätte er nicht vermutet. Den Waschsalon, den sein Vater Roland Hauck 1983 gegründet hatte, wollte er nicht übernehmen.

Insgesamt stehen im Waschsalon in der Weserstraße 29 Waschmaschinen.

Doch dann hätte Hauck Senior seinen Waschsalon fast verkauft, da er sich mit nur einem Mitarbeiter vor Ort nicht so um den Laden kümmern konnte, wie er es gern gewollt hätte. „Da hab ich gedacht: Ok, ich probiere es“, erzählt sein Sohn. Er merkte schnell, wie viel Spaß es ihm machte: Die Waschmaschinen, die Kunden, die spannenden Gespräche. Er setzte auf immer mehr Mitarbeiter im Geschäft – und das Konzept ging auf. 

Heute ist der Salon ein heller, freundlicher Ort. Haucks Leute bringen auch mal Erstsemestern das Waschen bei, erklären den Kunden auf Wunsch, wie man Wäsche trennt und die Maschinen einschaltet. Früher haben die Menschen hier gewaschen, weil sie kein Geld hatten, erzählt Hauck. Heute kommen sie her, weil sie keine Zeit haben. „Im Waschsalon geht Waschen und Trocknen einfach schneller“, sagt er. Wenn es irgendwo hakt, repariert er das selbst. Er will seine Maschinen kennen. „Wenn ich hier sitze, muss ich hören, ob dahinten was kratzt.“

Während die Waschmaschinen laufen, kann man einkaufen, mit dem Smartphone spielen, Kaffee trinken, Zeitung lesen oder die Frau fürs Leben kennen lernen. Hauck hat das hautnah miterlebt: Sie saß hier, er dort. Zufällig wuschen sie ihre Wäsche gleichzeitig, warfen sich Blicke zu – und verliebten sich ineinander. Für den Soziologe Jean-Claude Kaufmann macht erst der Kauf einer Waschmaschine, der gemeinsame Schleudergang, zwei Menschen zu einem Paar. Und Hauck kann berichten: „Am Ende haben sich die zwei gemeinsam eine Waschmaschine gekauft."

Teodora Boldeonce ist heute zum ersten Mal im Waschsalon an der Weserstraße.

So ein Waschsalon sei ein intimer Ort. Es gebe zwar den einen oder anderen Kunden, der sich zielstrebig die Maschine ganz hinten in der Ecke aussuche, in der Regel seien seine Gäste aber offene Menschen, sie waschen ihre dreckige Wäsche gemeinsam, reden über Politik, Fußball, Tagesgeschehen. 

Immer wieder landen dabei auch Gegenstände in der Trommel, die nicht hineingehören: Handys, Führerscheine, Brillen. Einmal entfalteten sich in der Waschmaschine nach und nach immer mehr 100-Euro-Scheine. „Da hatte jemand die Bettwäsche der verstorbenen Oma gewaschen – und 1700 Euro übersehen“, erzählt Hauck. Dieser Besuch machte den Kunden reich. Manchmal lassen die Menschen aber auch Dinge da: T-Shirts, Hosen, BHs. Neben dem Süßigkeitenautomat steht eine Kiste voll sauberer Wäsche. Zwei Säcke Klamotten bringt Hauck im Monat zum Roten Kreuz. „Die Leute waschen und trocknen sie – und vergessen sie dann.“ Sie laden viel bei ihm ab. Beschwerden über Krankheiten, Sorgen über ihre Arbeit. Ein Mann weinte bitterlich, weil seine Frau gestorben war, eine Familie erzählte von einem Wohnungsbrand, bei dem sie alles verloren hatte. „Wer in einem Waschsalon arbeitet, sollte zuhören können. Der muss ein offenes Ohr für die Menschen haben.“

Er hat zwar eine eigene Maschine, der Kasseler John Olzhausen will seine nasse Wäsche aber nicht in seiner Altbauwohnung aufhängen.

Heute ist es ruhig in der Weserstraße. In der Ecke sitzt Jürgen Mümken, 52, weißer Rauschebart. Seit Ende der 80er-Jahre geht er einmal die Woche in den Waschsalon. „Für eine eigene Maschine habe ich keinen Platz“, sagt er und zuckt mit den Schultern. Zwei Reihen weiter unterhalten sich Teodora Boldeonce (18) und Petrea Heculai (24) aus Rumänien, die in Deutschland arbeiten wollen. Sie sind zum ersten Mal im Waschsalon – genauso wie die beiden Studenten Tim Gutberlet (23) und Jonas Krimmel (24). „Wir kommen gerade vom Festival“, sagen sie, grinsen und packen ihre Badehosen in die Maschinen. „Es war sehr matschig – das wollten wir Mama nicht antun.“ Sie lachen. Waschen können sie schon selbst, betonen sie, ihnen fehle in der gemeinsamen WG nur das Equipment.

John Olzhausen (33) aus Kassel hat zwar eine eigene Waschmaschine. „Aber die ist alt und kackschwer“, sagt er. Im vierten Stock will er sie ungern gegen eine neue austauschen. Außerdem könnte es in seiner Altbauwohnung schimmeln, wenn er die Wäsche hier zum Trocknen aufhängen würde.

„Viele meiner Kunden haben selbst eine Waschmaschine“, sagt Hauck. Sie waschen trotzdem bei ihm. „A beautiful place“ – ein schöner Ort, sagt die 18-jährige Teodora Boldeonce, sieht sich um und lächelt.

Die beiden Studenten Tim Gutberlet (hinten) und Jonas Krimmel kommen gerade vom Festival: "Das wollten wir Mama nicht antun", sagen sie.

Tipps vom Profi: So wascht ihr richtig

  1. Trennt unbedingt helle und dunkle Wäsche. 
  2. Verzichtet auf die neuesten Produkte der Industrie und nehmt besser das Altbewährte: Gallseife und Fleckensalz. Beides gibt es in der Drogerie. 
  3. Nehmt nur wenig Waschmittel: Für sieben Kilo Wäsche reichen 100 Milliliter. Wer mehr verwendet, schadet nicht nur der Umwelt, er kann auch Hautausschlag bekommen. 
  4. Wascht mit 30 oder 40 Grad. 60 oder 90 Grad sind nur bei starker Verschmutzung nötig. 
  5. Sprüht ältere Flecken ein. 
  6. Reibt verdreckte Kragen mit Haarshampoo ein. 
  7. Gebt bei Fettflecken einen Tropfen Spüli in die Wäschetrommel. 
  8. Benutzt die Waschmaschine regelmäßig, dann bilden sich keine Kulturen und Bakterien darin.

Hintergrund: Wohin verschwinden die Socken?

Laut Mario Hauck gibt es da zwei Möglichkeiten: 

  • Zum einen können die Socken zwischen Trommel und Trommelrand geraten: Hier werden sie nach und nach in feine Stoffteile aufgerieben. 
  • Zum anderen werden die Socken in der Waschmaschine vergessen – und dann vom nächsten Kunden aus Versehen erneut mitgewaschen und mit nach Hause genommen.

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