Mädchenpensionat stand auf der Marbachshöhe

Historische Spurensuche in Kassel: 100 Jahre altes Fotoalbum hilft bei der Lösung eines Rätsels 

Bewohnerinnen des Töchterheims: Rechts im Bild Herta Götze, die das Fotoalbum angelegt hatte.
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Bewohnerinnen des Töchterheims: Rechts im Bild Herta Götze, die das Fotoalbum angelegt hatte.

Ein historisches Rätsel ist gelöst: Dank alter Fotos kann die Geschichte des Töchterheims auf der Marbachshöhe in Kassel aufgearbeitet werden. Die Bilder laden ein zu einer Reise in die 1920er-Jahre. 

  • Das Töchterheim "Landhaus" wurde in den 1920ern in Kassel gegründet
  • Dabei handelte es sich um eine private Mädchenschule
  • 100 Jahre alte Fotos halfen bei der Rekonstruktion der Geschichte des Töchterheims 

Kassel – Dutzende E-Mails und Anrufe erreichten die HNA-Redaktion, nachdem wir die Leser dazu aufgerufen hatten, Hinweise zur Geschichte und zum Standort des Töchterheims „Landhaus“ zu liefern.

Der Kasseler Buchgestalter, Typograf und Sammler Friedrich Forssman hatte ein historisches Fotoalbum erworben, dass das Leben in dem Töchterheim in den Jahren 1924/25 zeigt. Allerdings wusste er lange Zeit nicht, wo sich dieses Pensionat befunden hatte. Dies hat sich nun geändert.

Kassel: Mehrere HNA-Leser lieferten Hinweise zum historischen Töchterheim 

Gleich mehrere Leser lieferten Hinweise aus historischen Telefonbüchern. Dort ist das Schwesterwohnheim mit der Adresse Wiegandsbreite 9 angegeben. Diese ist heute Teil der Marbachshöhe. Die Wiegandsbreite selbst verlief damals aber etwas weiter südlich, dort wo sich heute die Ludwig-Erhard-Straße erstreckt. Der Historiker Christian Presche konnte anhand alter Karten und Luftbilder den Standort exakt ermitteln. Das Haus stand ziemlich genau im Mündungsbereich von Ludwig-Erhard-Straße und Wilhelmine-Halberstadt-Straße. Heute befinden sich in der Nachbarschaft das Biorestaurant Biond und der Circus Rambazotti.

Kassel: Das Töchterheim wurde wohl 1923 errichtet 

Das Gebäude selbst wurde nach Recherchen von Historiker Presche wahrscheinlich um 1923 vom Juristen Dr. Erwin Rocholl errichtet. Damals stand es noch auf dem freien Feld. Ringsherum gab es nur einige Obstgärten. Betrieben wurde das Pensionat von dessen Frau Helene Rocholl. Das Paar hatte 1923 geheiratet. Nach Recherchen des Archivs der deutschen Frauenbewegung war es für Helene Rocholl nicht das erste Töchterheim. Zuvor war sie Vorsteherin des Töchterheims „Bergér“ an der Landgraf-Karl-Straße gewesen.

Kassel: Töchterheim auf der Marbachshöhe in Kassel

Um 1923 erbaut: Das Töchterheim Landhaus stand in der Nähe des heutigen Circus Rambazotti auf der Marbachshöhe. Das Gebäude wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört.

Das Töchterheim „Landhaus“ wurde nicht einmal drei Jahre bis 1926 betrieben. Dann zog das Ehepaar in die Baunsbergstraße um. An der Burgfeldstraße 13 eröffnete Helene Rocholl mit Pensions-leiterin Else Tetzner das neue Töchterheim „Tücking“, das aber offenbar auch nur bis 1930 Bestand hatte. In der Nachkriegszeit wurde an dem Standort das Burgfeldkrankenhaus errichtet.

„Die große Zeit der privaten Mädchenschulen war in der Weimarer Republik allerdings bereits vorbei, wie an der kurzen Existenz des Töchterheims Landhaus erkennbar“, erläutern Tamara Block und Dr. Kerstin Wolff vom Archiv der deutschen Frauenbewegung in Kassel. Hauptziel der Einrichtungen war die Vorbereitung der Mädchen auf ihre späteren häuslichen Pflichten als Ehefrau und Mutter. Aber auch Bildung wurde vermittelt.

Kassel: Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus stark beschädigt 

Das Gebäude an der Wiegandsbreite verkauften die Rocholls 1927 an den Architekten Curt von Brocke. „Von Brocke war schon in den 1920er Jahren Werksarchitekt bei Henschel“, sagt Historiker Presche. Der Architekt wiederum verkaufte das Haus samt 4000 Quadratmeter großem Grundstück 1936 an den Landwirt Karl Berneburg weiter.

Im Zweiten Weltkrieg wurde das Haus sehr stark beschädigt. Bei einer städtischen Ortsbesichtigung im Jahr 1948 wurde der Zerstörungsgrad mit 94 Prozent angegeben. In der Nachkriegszeit wurde das großzügige Grundstück vom Landwirt nur noch für den Obstanbau genutzt. Der Landwirt war in die Südstadt umgezogen.

Kassel: Anfang der 1990er entstand das Wohngebiet Marbachshöhe 

Im Jahr 1957 wandte sich die Bundesrepublik Deutschland an den Landwirt und weitere Eigentümer von benachbarten Grundstücken der Wiegandsbreite. Denn die zwischen Wittich- und Hindenburg-Kaserne gelegenen Flächen sollten zur Erweiterung der Kasernen genutzt werden. Anfang der 90er-Jahre wurden die Kasernen aufgelöst und das Wohngebiet Marbachshöhe entstand.

Von Bastian Ludwig 

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