Vorlesungen zuhause 

Digitales Semester an der Uni Kassel: Lehre vor dem Bildschirm - Beteiligte ziehen erste Bilanz 

Bildschirm statt Hörsaal: Sara Degen schaut sich die Online-Vorlesung von Prof. Dr. Heinz Bude an.  Die Studentin der Uni Kassel genießt die Vorteile des digitalen Semesters. 
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Bildschirm statt Hörsaal: Sara Degen schaut sich die Online-Vorlesung von Prof. Dr. Heinz Bude an.  Die Studentin der Uni Kassel genießt die Vorteile des digitalen Semesters. 

Was sich vor Corona noch nach Zukunftsmusik angehört hat, ist wahr geworden: das digitale Semester. Studierende und Lehrende der Uni Kassel ziehen nun eine erste Bilanz 

  • Im Zuge derCorona-Krise findet das Semester digital statt
  • Das stellt Lehrende und Studierende der Uni Kassel vor Herausforderungen
  • Bietet ihnen aber auch viele Vorteile an 

Kassel – Hörsäle und Seminarräume stehen leer, die Lehre an der Universität Kassel findet dieses Semester fast ausschließlich online statt. Das digitale Semester, bisher nur Zukunftsmusik, ist durch Corona Hals über Kopf Realität geworden. Eine erste Zwischenbilanz fällt überwiegend positiv aus.

Digitales Semester in der Corona-Krise: Die Studentin

Für Sara Degen, die in Kassel im achten Semester für das gymnasiale Lehramt studiert, hat das digitale Semester viele Vorteile. Einer ist privater Natur: Weil sie ohnehin vor dem Laptop an ihren Lehrveranstaltungen teilnimmt, kann sie derzeit bei ihrem Freund in Berlin wohnen. Statt Fernbeziehung also Lehre auf Distanz. Die 23-Jährige ist positiv überrascht, wie gut das funktioniert.

Für einige ihrer Seminare in Französisch und Geschichte schaltet sie sich in Videokonferenzen ein, andere finden als Live-Chats statt – also in einem schriftlichen Austausch. Das komme ihr entgegen, sagt die Studentin. Sie sei eher zurückhaltend und melde sich in Seminaren normalerweise selten. „Im Chat fällt es mir viel leichter, mich einzubringen.“

Angetan ist sie auch von den Vorlesungen, die als Aufzeichnungen zur Verfügung gestellt werden. So könne man sich die Lernzeiten flexibel einteilen. Auch die Möglichkeit, auf „Pause“ zu drücken oder zurückzuspulen, sei von Vorteil fürs Mitschreiben und Verstehen des Lernstoffs.

Einen Wermutstropfen gibt es für die Lehramtsstudentin dennoch: Ihr für dieses Semester vorgesehene Schulpraktikum fällt wegen Corona ersatzlos aus.

Digitales Semester in der Corona-Krise: Der Dozent

Auch die Dozenten arbeiten derzeit fast ausschließlich vor dem Bildschirm. Prof. Dr. Dr. Walter Blocher vom Institut für Wirtschaftsrecht der Uni Kassel hat sich zuhause in Wien ein regelrechtes kleines Studio mit Mikro, Kamera und Ringleuchte für seine Online-Lehrveranstaltungen eingerichtet. Auch auf die Distanz schätzt er die Zusammenkunft zu Vorlesung oder Seminar. „Lehre ist keine Einbahnstraße“, betont der Professor, „es geht darum, dass man gemeinsam über etwas nachdenkt und in einen Austausch kommt.“

Prof. Dr. Dr. Walter Blocher, vom Institut für Wirtschaftsrecht der Uni Kassel. Er hat sich zuhause eine regelrechtes kleines Studio für das digitale Semester während der Corona-Krise eingerichtet. 

Er stelle fest, dass viele Studenten Hemmungen hätten, ihre Kamera anzuschalten. Anders als im Hörsaal sitze auf dem Bildschirm ja gewissermaßen jeder direkt vor dem Dozenten. So habe er auch bei Vorlesungen mit bis zu 100 Teilnehmern oft nur ein Dutzend Gesichter als Gegenüber, berichtet Blocher. Für ihn sei der Anblick aber wichtig, um zu erkennen, ob er die Gruppe langweile oder überfordere. „Mir macht es auch nichts, wenn jemand zuhause noch zu Ende frühstückt oder der Mitbewohner mal hinten durchs Bild läuft.“

Insgesamt klappe die Online-Lehre sehr gut, sagt Blocher. Selbst Gruppenarbeitsphasen ließen sich über die entsprechenden Softwaresysteme realisieren. Fast noch besser als im Hörsaal könne er sich dabei als Dozent von Gruppe zu Gruppe schalten und Hilfestellungen geben.

Die Hochschulleitung zum digitalen Semester während der Corona-Krise 

Als „Riesenkraftakt“ bezeichnet Prof. Dr. René Matzdorf, Vizepräsident für den Bereich Studium und Lehre, die nahezu komplette Umstellung auf Online-Formate innerhalb kürzester Zeit. Dafür gebühre den Lehrkräften Dank und Respekt. Als „Goldstück“ habe sich dabei das Servicecenter Lehre der Uni erwiesen, das technisch und organisatorisch Hilfestellung leistete.

Prof. Dr. René Matzdorf, der  Vizepräsident der Uni Kassel. Er bilanziert, dass Corona für einen Schub in der digitalen Lehrer gesorgt habe. 

Nahezu alle für das Semester geplanten Lehrveranstaltungen – zumindest im Pflichtbereich – könnten stattfinden, sagt Matzdorf. „Unser Anspruch war, dass wir trotz Corona den regulären Studienfortschritt gewährleisten können.“ Dafür habe man auch die Prüfungsordnungen flexibilisiert, falls die vorgesehene Reihenfolge von Studienmodulen nicht eingehalten werden könne.

An die Grenzen stießen digitale Formate allerdings bei Kursen in Laboren oder an Apparaten in den Ingenieur- und Naturwissenschaften. Hier laufe der Betrieb erst in diesen Tagen in Kleinstgruppen und unter strengen Hygienevorkehrungen wieder an.

Die Perspektive für das Wintersemester: Über digitales Semester und Cororna 

Klassische Lehrveranstaltungen werden trotz einiger Lockerungen dieses Semester allenfalls in Ausnahmefällen möglich sein. Unter den geltenden Auflagen könnten in Hörsälen und Seminarräumen nur 20 Prozent der Plätze belegt werden, erläutert Matzdorf. Die Räume benötige man aber, um ausgefallene Klausuren des vergangenen Semesters nachzuholen und die Klausurtermine dieses Semesters anbieten zu können.

Eine Prognose für das Wintersemester, das etwas später als normal am 2. November starten soll, wagt Matzdorf noch nicht. „Wenn die Abstandsregeln so bleiben wie bisher, sind die Möglichkeiten für Präsenzlehre sehr begrenzt.“

Corona habe einen Schub für die digitale Lehre bedeutet, bilanziert der Vize-Präsident. Künftig gelte es, eine sinnvolle Kombination aus Präsenz- und Online-Formaten zu finden. In der Regel sollten digitale Angebote zusätzlich zur Präsenzlehre oder in diese integriert angeboten werden, um den wertvollen persönlichen Austausch nicht zu verdrängen, so Matzdorf. 

Von Katja Rudolph  

Viele Studenten der Uni Kassel leiden finanziell und psychisch unter der Corona-Krise. Es wird schnelle Hilfe gefordert. 

Alle neuen Informationen zur Corona-Krise in und um Kassel gibt es im Ticker

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