Vier5 hat auch Modemagazin und eigene Modelinie

documenta-Designer erobern von Kassel aus die Welt

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So sah die documenta 14 in Athen aus: Für die Kunstschau in Griechenland entwickelten Marco Fiedler und Achim Reichert Hydrantenschilder zur Orientierung (links).

Normalerweise verlassen Kreative, die für die documenta nach Kassel kommen, die Stadt schnell wieder. Marco Fiedler und Achim Reichert sind geblieben.

  • Das weltweit gefragte Designer-Duo Vier5 lebt die Hälfte des Jahres in Kassel.
  • Sie haben unter anderem an der documenta 12 mitgewirkt. 
  • Fiedler und Reichert sagen Kassel sei lebendig aber nicht anstrengend. 

Wie die documenta 14 in Athen aussehen sollte, erlebte Adam Szymczyk zum ersten Mal in einer Kasseler Waschküche. Der Kurator war gerade zu einem der wichtigsten Menschen der Kunstwelt gekürt worden und blickte im Keller auf das, was Marco Fiedler und Achim Reichert sich vorstellten.

Kassel: documenta-Designer leben im Vorderen Westen

Als Vier5 sind die beiden ein weltweit gefragtes Design-Duo. Ihr Büro haben sie in Paris. Fast die Hälfte des Jahres leben sie aber im Vorderen Westen

Hier waren die beiden auf die Idee gekommen, Hydrantenschilder als Wegweiser in Athen aufzustellen, die es dort nicht gibt. „Im Keller haben wir Athen nachgebaut“, sagt Fiedler heute.

Schilder auf der documenta 14 in Athen vom Büro Vier5 von Marco Fiedler und Achim Reichert die beiden in Kassel und Paris leben.

Die Entstehungsgeschichte des documenta-Auftritts in Griechenland ist so ungewöhnlich wie das Wirken von Fiedler und Reichert. Sie lassen sich nicht fotografieren und sagen auch nicht, wie alt sie sind. Früher haben sie nicht mal ihre Namen verraten. Die Experimentaldesigner waren eine Art Phantom.

Kassel: Designer-Duo lernte sich als Teenager kennen

Kennengelernt haben sie sich als Teenager in ihrer schwäbischen Heimat. Seitdem gehen sie gemeinsam durchs Leben, sind aber kein Paar. 

Als Vier5 gestalteten sie 2007 schon das Leitsystem der documenta 12 sowie die Außendarstellung des Museums für Angewandte Kunst in Frankfurt und der Busan Biennale in Südkorea. Zudem haben sie ein Modemagazin und eine eigene Modelinie im Programm.

Wie kommt es, dass so jemand in einer Wohnung in einem Kasseler Nachkriegsbau zuhause ist? Die meisten anderen Kreativen, die für die documenta arbeiten, verschwinden so schnell aus der Stadt, wie sie gekommen sind.

Kassel: Designer erkrankt plötzlich

Vor acht Jahren erkrankte Fiedler von einem Tag auf den anderen an einer Angststörung. Er war wie gelähmt und hielt es nicht mehr unter Menschen aus, schon gar nicht in einer Metropole wie Paris. 

Selbstporträt: Marco Fiedler und Achim Reichert lassen keine Bilder von sich machen. So sehen sie sich selbst.

Also zogen die beiden nach Kassel. Auch hier verließ Fiedler ein Jahr lang seine Wohnung nicht. Mittlerweile ist er wieder der Alte.

Ihre Firma haben die Absolventen der Offenbacher Hochschule für Gestaltung Vier5 genannt, weil sie in Frankfurt einst in der Hausnummer 45 wohnten. 

Ihre 38 Quadratmeter große Wohnung in Paris haben sie immer noch, außerdem ein altes Bauernhaus in einem Dorf bei Schwäbisch Hall. Kassel ist für Reichert „die ideale Stadt als Zwischending, weil sie lebendig, aber nicht anstrengend ist“.

Kassel: Designer-Duo mit außergewöhnlichen Ideen

Von den Vier5-Arbeiten kann man Letzteres nicht behaupten. Die beiden entwickeln keine 08/15-Lösungen. Ihre Schriften haben Ecken und Kanten. Hinter ihren Entwürfen steckt aber immer eine Idee, auf die man selbst gern gekommen wäre.

Als sie sich überlegten, wie man Menschen durch die documenta 12 leitet, fragten sie sich: Besucher sollen anderen Besuchern folgen, doch woran erkennt man Menschenmassen? An den Spuren ihres Konsums. 

Sie entwickelten Kronkorken als Eintrittskarten. Ein genialer Einfall, aber die documenta verkaufte die Schmuckstücke lieber als Anstecker für 2,50 Euro.

Kassel: Vier5 gehen wenige Kompromisse ein

Das war einer der wenigen Kompromisse, den Vier5 bislang eingingen. Auch deshalb erhalten sie ihre Aufträge vor allem im Ausland. Ein Katalog, den sie einst für das Pariser Centre Pompidou entwarfen, kostet heute 1200 Euro. „In Deutschland hat man zu viel Angst“, sagt Fiedler.

Trotzdem sehnt man sich hier nach Typen wie ihm. Vor drei Jahren veranstaltete er in seinem Keller eine Party mit DJ, Nebelmaschine, Kunstpornos auf Bildschirmen und Gästen aus der ganzen Welt. 

Noch heute wird er gefragt, ob es bald nicht wieder so eine coole Party im Vorderen Westen geben könnte. Seine Antwort: vielleicht.

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