Man kleidete sich elegant

Als sich Kassel wieder schick machte: Ein Blick zurück in die 1950er-Jahre

Showband im Schlosshotel: (Von links) Heinz Urff, Günter Schaak, Erwin Schaub, Adi Heinl und Rudolf Gilly. Hier spielte das Quintett Ende der 50er-Jahre am Wochenende für Einheimische und Gäste nachmittags zum Tanztee in der Hotelhalle und abends in der Eva-Bar im Keller. Foto: Schaub/nh

In den 50er-Jahren blühte das Unterhaltungsangebot der Stadt auf. Wir blicken zurück in ein Kassel, in dem Musik in der Luft lag und Heinz Urffs Quintett Tanzmusik fürs Bürgertum spielte.

Musik liegt in der Luft. Die Gäste tanzen Slowfox. Von draußen kommen neue, elegant gekleidete Besucher über die Grünflächen in den modernen, neusachlich gestalteten Bau. Es ist ein Samstagnachmittag im Spätsommer 1957. Wir sind im Schlosshotel, wo das Heinz-Urff-Quintett als Showband mit dezentem Swing zum Tanztee spielt. In den 50er-Jahren entdeckte Kassel wieder seine Lust am Leben. Die Stadt begann, sich schick zu machen: Man ging aus zum Musikhören und Tanzen. Nicht nur junge Leute hatten in den Clubs ihren Spaß beim Jitterbug. Auch dem Bürgertum wurde einiges geboten. Den Soundtrack dazu spielten viele gute Musiker, allen voran Heinz Urff.

Sein Quartett war zunächst die Hausband des Kellerlokals „Tube“ am Stern gewesen, bevor die Gruppe, zu der sich Adi Heinl (Saxophon, Klarinette) gesellte, in Wilhelmshöhe auftrat. Welch ungewohnte Welt für die den Gewölben entstiegenen Jazzer! Von der ballsaalgroßen Empfangshalle, wo die Tanztee-Veranstaltungen stattfanden, führte eine kühn geschwungene Treppe die Etagen hinauf. Die Hotelleitung achtete auf Etikette. Der Oberkellner, der sich bei Bedarf seine Brille mit Grandezza auf die Nase bugsierte, trug Frack. Lässiges Existenzialisten-Outfit verbot sich also für die Bandmitglieder. Schneider Melchior am Ständeplatz („Das Fachgeschäft für hochwertige Modellkleidung“) fertigte ihnen daher eigens stilvolle Garderobe an: weinrotes Sakko, schwarze Hose, weißes Hemd und Fliege.

Glamourfaktor: Die Kasselerin Erni Buchner amüsierte sich 1958 im Hotel Reiss bei der Premierenfeier zur Komödie „Der Page vom Palast-Hotel“, der im „Kaskade“ aufgeführt worden war. Ihr Tanzpartner beim Filmball, Schauspieler Claus Biederstaedt, war auch Gast im Schlosshotel. Archivfoto

Die Stadt, die Anfang der 50er-Jahre noch von den Wunden des Krieges gezeichnet war, zeigte allmählich neuen Glanz. Architekt Paul Bode (1903 - 1978), der jüngere Bruder von documenta-Gründer Arnold Bode, war daran maßgeblich beteiligt. 1952 – Kassel zählte 176 000 Einwohner – begann das modernste Kino der Region, die Kaskade am Königsplatz, Filme auszustrahlen; drei Jahre später empfing das Schlosshotel die ersten Gäste; und im September 1959 eröffnete das neue Staatstheater. Alle drei Bauwerke hatte der Kasseler Baumeister entworfen, den der „Spiegel“ 1955 als „Avantgardisten“ lobte.

„Wohlstand für alle“ lautete der Slogan der Adenauer-CDU vor der Bundestagswahl 1957. Moderne Architektur gehörte zum Wirtschaftswunder-Deutschland genauso wie die Möglichkeit, schick auszugehen. Das Hotel Reiss, gebaut nach Plänen von Paul Bode und Ernst Brundig, war eine der besten Adressen dafür: Es hatte Glamourfaktor. Dort fanden neben Modenschauen und Miss-Kassel-Wahlen auch Gesellschaftstanz-Veranstaltungen statt. Im Januar 1958 zählten Claus Biederstaedt, Harald Juhnke, Erika Remberg und Mady Rahl zu den Stargästen, die sich beim Filmball im Festsaal amüsierten. Auf der Bühne spielte das Kölner Esquires-Quartett, dem sich Kassels Jazz-Pionier Fritz Bönsel vorübergehend angeschlossen hatte.

Abwechslung schrieben die Veranstalter groß. Neben einheimischen Combos verpflichteten sie als besondere Attraktion wechselnde internationale Tanz- und Schauorchester, wie man die Showbands damals eindeutschte. Im Café und Hotel Atlantik („Haus führender Kapellen“) in der Wilhelmsstraße trat die Spitzengruppe Sol de España aus Valencia auf. Abends konnte sich das Publikum beim Preisdirigieren amüsieren.

Oberhalb des Rathauses im Tanzcafé Däche spielte – wenn das Orchester im großen Saal pausierte – auch der junge Kasseler Horst Zeuch. Georg „Schorsch“ Sachse vom Bandoneonorchester hatte ihm das Gitarrespielen beigebracht. Anfang der 50er-Jahre erkundigte sich Zeuch nach einer Auftrittsmöglichkeit im Däche. Er brauchte Geld, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten. Weil er etwas „abgegriffen“ aussah, spendierte ihm Meisterkoch Hugues Innocenti, der mit seiner Frau Gertrud und der Familie Fritz und Luise Däche das Café bewirtschaftete, erst einmal ein üppig belegtes „Restaurationsbrot“.

Nach erfolgreichem Vorspielen durfte sein Trio mit Kontrabassist Werner Griesel und Hermann Stiehl (Akkordeon) fortan samstags und sonntags bis Mitternacht auftreten. „Im Däche war es stets gerammelt voll“, erinnert sich Zeuch, der heute in der Nordstadt lebt. „Abends kamen die Nachtschwärmer, betuchte Leute aus der Kasseler Prominenz“. Frauen trugen Hut, Männer Anzug. Das Trio stimmte dann Stücke wie „Ich tanze mit dir in den Himmel hinein“ an sowie amerikanische Popsongs.

Mitunter konnte sich Zeuch, der Flugzeugmechaniker bei Flugmotoren Junkers in Bettenhausen lernte und später als Mechaniker in einer Messtechnikfirma arbeitete, im Däche sogar als Sänger versuchen. Denn gegen einen Tausch, sie bekamen von der damals gängigen Marke „Juno“ Zigaretten, mussten sie ihr Programm unterbrechen und Werbung singen. „Aus gutem Grund ist Juhuunooo rund“, intonierte er dann. Zeuch profitierte von dem Geschäft doppelt: Er war starker Raucher.

Wirtschaftlich ging es aufwärts. 1956 zählten Stadt und Kreis zusammen nur noch 4722 Arbeitslose. Ein Jahr zuvor war der millionste VW-Käfer als vergoldetes Sondermodell in Wolfsburg vom Band gerollt. Man gab wieder mehr Geld aus, der Konsum wurde bequemer, und so drängten sich die Kunden um Kassels erste Rolltreppe in der Neckermann-Verkaufsstelle am Ständeplatz. Aus den Radios klangen internationale Songs, wenngleich die Deutschen ihrem Schlager treu blieben: Doris Days „Que sera sera“ war damals genauso ein Hit wie „Sterne der Heimat“ von Fred Frohberg.

Paul Bode

Heinz Urff, der mit seinen Kollegen das Ein-Jahres-Engagement im Schlosshotel auskostete, leuchteten die Sterne in Wilhelmshöhe besonders hell. Selbst in dem vornehmen Ambiente hatten sie ihren Spaß. Während der Nachmittags-Pausen spülten die Fünf hinter den Kulissen die Buttercremetorte mit viel Bier herunter. Das verwunderte Personal dachte, es sei eine Marotte der Musiker.

Abwärts des Foyers lag die „Eva“-Bar. Dort konnte die Band jazziger zur Sache gehen. Auch Filmschauspieler wie Claus Biederstaedt („Nach Kassel komme ich immer gern“) kippten hier noch einen zur Nacht, erinnert sich Urffs Bassist Erwin Schaub. Das Quintett, das amerikanische Titel, Vorkriegsschlager und Gassenhauer im Repertoire hatte, war gefragt. Man spielte in den Henkel-Gaststätten, dem Hessenland sowie im Hotel Bergschlösschen von Hannoversch Münden.

Bald gingen die Musiker jedoch wieder getrennte Wege. Der gebürtiger Egerländer Adi Heinl zog mit seiner Frau Christa, die er in Kassel kennengelernt hatte, Richtung Trier. Dort wurde er Soloklarinettist im Orchester. Erwin Schaub stieg ebenfalls Ende der 50er-Jahre aus. Er arbeitete als Architekt und lebt heute, mittlerweile 83-jährig, mit seiner Frau in Kaufungen.

Für den beruflich in der Immobilienbranche tätigen Bandleader schloss sich der Kreis fast 50 Jahre später. Ende 2001 trat der längst als „Henner“ Urff zur Szene-Legende gewordene Pianist und Vibraphonist mit einem verjüngten Quintett zum Jazzfrühschoppen wieder im Schlosshotel auf. Es war sein letztes Konzert, bevor er mit 73 Jahren starb.

Lange ist das her, verklungen sind die Songs von einst. Doch Urff, Zeuch und all die anderen seien unvergessen: Ihre Musik beschwingte die Stadt beim Aufbruch in eine neue Zeit.

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