Sexuelle Gewalt, Raub und Verkehrsunfall

Sie erleben Todesängste: Nicht nur Opfer leiden unter Traumatisierungen

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Schreckliche Bilder: Betroffene oder Zeugen schwerer Unfälle können nach dem Erlebten traumatisiert sein, etwa wenn sie längere Zeit hilflos im Auto eingeklemmt sind – so wie hier bei einem Zusammenstoß von einem Zug und einem Auto an einem unbeschrankten Bahnübergang im Sauerland im vergangenen August. 

Das Zentrum für Psychotraumatologie begleitet seit über 20 Jahren Menschen, die unter Traumatisierungen leiden. Wir sprachen mit der Psychotherapeutin Friedegunde Bölt. 

Was versteht man genau unter einer Traumatisierung?

Man spricht von einer Traumatisierung, wenn Menschen eine extrem bedrohliche oder belastende Situation erlebt haben, die ihr Leben und ihre Gesundheit dauerhaft beeinträchtigen. Das kann beispielsweise sexuelle Gewalt, ein schwerer Verkehrsunfall oder ein Raubüberfall sein – übrigens nicht nur, wenn man selbst Opfer ist, sondern auch wenn man Zeuge schrecklicher Ereignisse wird. 

Die Betroffenen erleben dabei Todesangst oder das Gefühl völliger Ohnmacht. Traumatische Erfahrungen, die durch Menschen verursacht sind, sind in der Regel deutlich schwerer zu verarbeiten als solche durch Naturgewalten.

Was sind die Folgen?

Es kommt zu einer Form von psychischer Erstarrung. Den Betroffenen fällt es schwer, sich wieder als handelnde und verantwortliche Personen zu erleben. Typische Symptome nach einer akuten Traumatisierung sind innere Unruhe, Schlafstörungen, Angstzustände oder das Gefühl „verrückt zu werden“, wie es Betroffene häufig formulieren. Nach Außen wirken Menschen häufig abwesend, fahrig und leicht reizbar oder ungewohnt aggressiv.

Und auf Dauer?

Wenn das Trauma nicht behandelt wird, können sich Folgestörungen chronifizieren, beispielsweise als Angststörung, in schlimmen Fällen vor allem nach frühkindlichen Traumatisierungen auch als schwere Persönlichkeitsstörung. Häufige Folgen sind auch Suchterkrankungen, weil die Betroffenen über Alkohol oder andere Suchtmittel versuchen, ihre Erinnerungen wegzudrängen. 

Es kommt auch vor, dass Traumatisierte sich zunächst gut stabilisieren und dann merken, dass sie unter Druck nicht mehr belastbar sind. Sie fangen dann etwa scheinbar grundlos an zu weinen. Eher banale Auslöser wie etwa Kritik an der Arbeit können dann dazu führen, dass der Deckel, der über dem Erlebten liegt, wieder aufgeht.

Wie viele Menschen sind von Traumatisierungen betroffen?

Man sagt, dass etwa 30 Prozent der Menschen im Laufe ihres Lebens ein traumatisches Erlebnis haben. Nicht bei jedem führt das jedoch zu Folgestörungen. Schutzfaktoren sind gute familiäre Bindungen und ein stabiles soziales Netz. Ganz wichtig nach einem akuten traumatischen Erlebnis ist, dass man mit einer vertrauten Person darüber sprechen kann und mit Verständnis, Geduld und Klarheit aufgefangen wird.

Was leistet das Traumazentrum?

Wir verstehen uns als eine erste Anlaufstelle für Betroffene. Wir bieten Beratung, Information und Begleitung nach akuten Traumatisierungen oder bei länger andauernden Traumafolgestörungen an. Etwa 10 bis 15 Frauen und Männer kommen in der Woche zu uns. Zudem vermitteln wir Kontakte zu entsprechend spezialisierten Therapeuten. Viele Betroffene befinden sich schon jahrelang in „normaler“ Psychotherapie und kommen nicht richtig weiter. Wer als Therapeut mit traumatisierten Menschen arbeitet, braucht besondere Kenntnisse.

Was ist der Unterschied zu normaler Therapie?

Neben der Kenntnis hirnorganischer Hintergründe ist es zum Beispiel wichtig, zu wissen, wann man mit dem Patienten auf welche Weise arbeiten kann. Es gibt eine sogenannte Latenzphase etwa ein viertel bis halbes Jahr nach dem Ereignis, in der man die Psyche Ruhe braucht. Häufig geht das nicht, weil ein Gerichtsverfahren ansteht oder weil die Symptome so stark sind. 

Dennoch ist es kontraproduktiv, Betroffene in dieser Phase akribisch zu befragen, denn dann ploppt das Erlebte wieder auf. Das kann man sich vorstellen wie bei einem Gips, den man zu früh abmacht. In dieser Phase sind eher Ruhe und Wellness hilfreich.

Gibt es ausreichend Therapieplätze für Traumapatienten?

Leider nicht. Es gibt zu wenige traumatherapeutisch fortgebildete Therapeuten. Deshalb müssen Betroffene meiste mehrere Monate, nicht selten ein Jahr oder länger auf einen passenden Therapieplatz warten. Viele erfahrene Traumatherapeuten gehen derzeit in Rente und wir sehen noch nicht, das ausreichend traumatherapeutisch engagierte junge Kollegen nachkommen, besonders im Bereich schwerer komplexer Traumafolgestörungen.

Macht das Traumazentrum auch Begleitangebote, um Wartezeit zu überbrücken?

Nicht direkt im therapeutischen Bereich. Aber wir bieten neben der persönlichen Beratung auch Stabilisierungsgruppen an, in denen man spezielle Übungen erlernt, die dabei helfen, die Symptome in den Griff zu bekommen. Auch eine Wandergruppe sowie Bewegungs- und Entspannungskurse gehören zu unserem Programm. 

Körperliche Aktivität kann dazu beitragen, dass die Seele zur Ruhe kommt. Unsere Angebote werden unterschiedlich gut nachgefragt. Vielleicht gibt es auch Bedarfe bei Betroffenen, die uns noch nicht bekannt sind. Auch deshalb haben wir die Umfrage gestartet.

Was ist das Ziel der Umfrage?

Es geht darum, unsere Angebote noch besser an die Bedürfnisse anzupassen – sowohl von Betroffenen als auch von Menschen, die mit Traumatisierten arbeiten. Im professionellen Bereich ist für uns interessant zu erfahren, wo es Informations- oder Fortbildungsbedarf gibt. So ist es etwa auch für Hausärzte und Frauenärzte wichtig, ein grundlegendes Know-how zum Thema zu haben. Ziel der Umfrage ist auch, uns als Traumazentrum noch bekannter zu machen, damit unsere Angebote noch mehr Menschen erreichen.

Zur Person: Friedegunde Bölt 

Friedegunde Bölt (65) gehörte 1999 zu den Mitbegründerinnen des Zentrums für Psychotraumatologie. Sie ist Psychotheraupeutin und Traumatheraupeutin und arbeitet in der Vitos psychiatrischen Tagesklinik an der Karthäuser Straße. Sie lebt in Kassel und hat einen erwachsenden Sohn.

Von Katja Rudolph

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