Der Einheitskurzschriftverein Kassel 

Stenografie stirbt aus? Vereinsende nach 139 Jahren

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Schriftprobe: Mit der Stenografie kann man bis zu zehn Mal schneller schreiben als mit normaler Schrift. 

In Kassel löst sich wieder ein Verein auf. Der Einheitskurzschriftenverein beendet sein Bestehen nach 139 Jahren. 

  • Verein für Einheitskurzschrift (Stenografie) Kassel bewahrte Kulturtechnik 
  • Kassel: Der Ex-Vorsitzende wurde für sein Ehrenamt mehrfach ausgezeichnet 
  • Nach 139 Jahren ist nun Schluss für den Verein 

Kassel– In den vergangenen Monaten waren sie nur noch zu dritt, jetzt ist Schluss. Der Einheitskurzschriftverein Kassel (Stenografie) hat sich aufgelöst. Und das nach 139 Jahren. Derjenige, der als Letzter das Licht ausmacht, heißt Horst Diehl und ist der ehemalige Vorsitzende. Mit 73 Jahren war er der Jüngste im Vorstand. 

Seine Stellvertreterin Gisela Feyerabendt und Kassiererin Karin Weisheit waren mit ihm zusammen die einzigen verbliebenen Mitglieder. Jetzt werden die Kasseler Freunde der Einheitskurzschrift aus dem Vereinsregister gestrichen.

Auch in Helsa gibt es einen lang bestehenden Verein. Der Verein die Liedertafel Helsa ist mittlerweile über 175 Jahre alt. 

Kassel: Verein kann ohne Nachwuchs nicht überleben 

„Das ist zwar schade, aber ohne Nachwuchs geht es einfach nicht weiter“, sagt Horst Diehl, der in Neukirchen (Schwalm-Eder-Kreis) wohnt und als Bezirksvorsitzender den Kasseler Verein für Stenografie seit drei Jahrzehnten über Wasser gehalten hat. 

Löst den Kasseler Verein auf: Horst Diehl 

Dessen Aushängeschild war viele Jahre Fred Blöbaum, der bei den Wettkämpfen der Stenografen immer wieder ganz vorn dabei war.

Das Anliegen des Vereins in Kassel war aktueller als man denkt 

Doch wozu, so werden sich viele fragen, braucht man die Kurzschrift (Stenografie) heute eigentlich noch? „Früher gehörte das völlig selbstverständlich zur kaufmännischen Ausbildung“, sagt Horst Diehl. 

Bis heute sitzen zum Beispiel im Deutschen Bundestag Stenografen, die bis zu 500 Silben in der Minute in Kurzschrift protokollieren können.

Dabei handele es sich um eine Kulturtechnik, sagt der ehemalige Berufsschullehrer Horst Diehl. Die Geschichte geht sehr weit zurück. Die erste Aufzeichnung in Kurzschrift ist aus dem Jahr 63 vor Christus überliefert. Seit diesen „Trionischen Noten“ haben sich in vielen Ländern Kurzschriftverfahren entwickelt. 

Die Geschichte der Einheitskurzschrift - Kassel war da keine Ausnahme

Der Bayer Franz Xaver Gabelsberger gilt als Wegbereiter der deutschen Stenografie im 19. Jahrhundert. Es entstanden viele Varianten, ehe man sich 1924 auf die Deutsche Einheitskurzschrift einigte. 

Mit der Industrialisierung sollte damals nicht nur die Produktivität angekurbelt werden. Auch beim Schreiben setzte man zunehmend auf Geschwindigkeit.

Kassel war da keine Ausnahme. Hier wurde 1881 der „Stenografenverein Gabelsberger“ gegründet, der großen Zulauf hatte und 1926 über 2000 Mitglieder zählte. 1950 änderte der Verein seinen Namen in „Einheitskurzschriftverein Kassel“.

Kassel: Vorsitzender des Vereins mehrfach ausgezeichnet 

Mit Horst Diehl, der für sein ehrenamtliches Engagement mehrfach ausgezeichnet wurde, wird jetzt der letzte Vorsitzende zum Liquidator. Zumindest für den Kasseler Verein. In Neukirchen, Bad Hersfeld und Eschwege gibt es noch organisierte Stenografen. 

Die geben weiterhin Kurse, nicht nur in Kurzschrift (Stenografie), sondern auch im Tastaturschreiben. „Und das mit zehn Fingern, nicht nur mit dem Daumen am Handy“, sagt Horst Diehl.

Er hat vor Kurzem ein stenografiertes Tagebuch übersetzt. Geschrieben wurde es von einem Soldaten aus der Region, der im Zweiten Weltkrieg in Frankreich gekämpft hat. Die schnellen Notizen haben mehr als sieben Jahrzehnte überstanden.

In der Region wurden schon einige für ihre Ehrenamtliches Engagement ausgezeichnet. So auch Viktor Lapuchin, der über 40 Jahre Ortsvorsteher war. 

Video: Ehrenamt als Kitt der Gesellschaft 

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