Professor Dr. Hermann Bullinger im Interview

Die rüden Praktiken der Vermieter: „Eingeschüchterte Mieter geben auf“

Auch in Kassel versuchen Vermieter mit allen Mitteln ihre Profite zu erhöhen. Aber Mieter in Kassel sind nicht alleine im Kampf gegen die Miethaie. 

Der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Bullinger ist als Vorstandsmitglied des Vereins Kassel-West Ansprechpartner bei Mietproblemen infolge von Gentrifizierung, also der Vertreibung von Altbewohnern. In zwei Wochen spricht er zu diesem Thema im Rahmen einer Stadtteilkonferenz (siehe Information unten). Wir befragten ihn im Vorfeld.

Herr Bullinger, sie haben zahlreiche Gespräche mit Mietern geführt, die Angst um ihre Wohnungen haben. Was bekommen sie da zu hören?

Viele schildern mir sehr übergriffiges Verhalten vonseiten der Eigentümer. Bei mir melden sich häufig Menschen, die lange in ihren Wohnungen gewohnt haben und jetzt daraus zum Teil auf übelste Weise vertrieben werden. Ich höre von ganz rüden Praktiken.

Zum Beispiel?

Da ist plötzlich der Keller mit einer Eisentür verschlossen und nur der Eigentümer hat den Schlüssel. Es werden teure Sanierungen angekündigt, ebenso wie Kündigungen wegen Kleinigkeiten angedroht. Ein andermal wird das Wasser abgestellt oder die Heizung. Das sind arge Zermürbungsstechniken.

Oft könnte man dagegen juristisch vorgehen, aber die Mieter sind häufig eingeschüchtert und geben auf.

Diese Beispiele gibt es nicht nur im Vorderen Westen, sondern in der ganzen Stadt.

Kassel: Vermieter wollen sichere Geldanlage statt bezahlbaren Wohnraum 

Was steckt hinter diesem Verhalten?

Im Vorderen Westen befanden und befinden sich noch viele Wohnhäuser in Besitz von älteren Frauen. Das Elend fängt an, wenn deren Erben verkaufen. Dann stehen die Immobilienmakler Schlange. Sie wollen kaufen, um die Immobilie optimal zu verwerten. Das heißt in der Regel: die Wohnungen als Eigentumswohnungen verkaufen. 

Dazu will man praktischerweise die Mieter raus haben. Der Grund: Immobilien sind sichere Geldanlagen. Die negative Auswirkung: Auf diese Weise geht bezahlbarer Wohnraum verloren.

Was sieht es mit Neubauten aus?

Auch hier wird in der Regel hochpreisig gebaut. Sogar im neuen Martini-Quartier entstehen zum großen Teil Eigentumswohnungen. Da hätte die Stadt im Vorfeld eingreifen und steuern können. Sie hätte eine Sozialquote festlegen müssen.

Warum, glauben Sie, wurde das nicht getan?

Ich kann es nicht sagen. Ich weiß nur: Wenn Bauherren freie Hand haben, fragen sie sich: Warum soll ich, wenn ich investiere, Sozialwohnungen bauen? Ich könnte doch auch leicht einen viel höheren Erlös erzielen.

Ist das Problem Gentrifizierung nur ein Problem des Vorderen Westens?

Nein, die Gentrifizierung hat inzwischen auch andere Stadtteile Kassels erfasst. Denken Sie an das Schillerviertel in der Nordstadt. Dann kippt durch die Hintertür auch die Sozialstruktur. 

Wenn man zulässt, dass bezahlbarer Wohnungsbestand abgebaut wird, dann hat man tendenziell im Stadtteil nur noch eine Bevölkerungsschicht.

Provozierend gefragt: Was ist denn daran schlimm?

Man weiß, dass in Stadtteilen, die sozial durchmischt sind, weniger Probleme auftauchen. Auf der anderen Seite entstehen anderswo soziale Brennpunkte. Es ist ja auch eine Frage der Gerechtigkeit: Warum zum Beispiel soll die Infrastruktur von privilegierten Stadtteilen nicht für alle da sein?

Die Stadt muss sich Gedanken machen, um das zu stoppen. Selbst Bundesminister Seehofer hat jetzt gefordert: Die Umwandlung von Mietwohnungen in Eigentum müsse gebremst werden.

Kassel: Vermieter tragen nicht die alleinige Schuld 

Wie ist die Situation in Kassel?

Nach dem neuen Armutsbericht beträgt der Anteil der Armen an der Bevölkerung in Kassel 15 Prozent. Das sind rund 30.000 Menschen. Entsprechend müssten wir 10.000 bis 15.000 Sozialwohnung haben. Da liegen wir aber weit darunter.

Wir brauchen bezahlbaren Wohnraum, nicht nur für Menschen mit Wohnberechtigungsschein, sondern auch für andere. Wenn mehr als 30 Prozent des Einkommens für Wohnen aufgebracht werden muss, wird es kritisch.

Das ist ein reales Problem, aber künftige Generationen werden noch weniger Rente, noch höhere Mieten und noch mehr Probleme haben. Es droht Altersarmut. 

Aber das wird unter den Teppich gekehrt. Die Stadt müsste weiter denken: Wenn man die Daten hochrechnet, ist das die neue soziale Aufgabe.

Kann man denn das Ruder nicht noch rumreißen?

Es gibt eine Fülle von Möglichkeiten gegenzusteuern. Unter anderem indem man verhindert, dass bezahlbare Wohnungen in Eigentumswohnungen umgewandelt werden und indem man mehr Geld für Sozialwohnungen bereitstellt.

Welche Rolle spielt Leerstand?

Früher konnte man Eigentümer abmahnen und wenn nötig Ersatzvornahmen verlangen. Dann mussten die dringenden Sanierungen erledigt werden. Die Stadt muss auch hier eine Position einnehmen und klarmachen, dass es gegenüber Mietern Verpflichtungen gibt. Wir haben das Sozialstaatgebot und müssen Mieter schützen.

Veranstaltung: „Wohnen im Vorderen Westen – Zügelloser Wohnungsmarkt oder strategische Wohnungspolitik?“

„Wohnen im Vorderen Westen – Zügelloser Wohnungsmarkt oder strategische Wohnungspolitik?“ ist der Titel einer Stadtteilkonferenz am Samstag, 22. Februar, 14 Uhr, im Stadtteilzentrum Vorderer Westen, Elfbuchenstraße 3. Veranstalter ist der Verein Kassel-West. Der Ablauf der Veranstaltung sieht Referate und Statements von Experten vor unter anderem von Stadtbaurat Christof Nolda, von Immobilien-Makler Dr. Hans-Jürgen Kampe, Maximilian Malirsch vom Mieterbund Nordhessen und anderen. 

Die Einführung hält der Sozialwissenschaftler Prof. Dr. Hermann Bullinger, der zusammen mit Bärbel Praßer auch moderiert. Es werden Betroffene zu Wort kommen und von ihren Erfahrungen berichten.

Sozialwissenschaftler aus Kassel wohnt selbst zur Miete

Prof. Dr. Hermann Bullinger, Sozialwissenschaftler.

Prof. Dr. Hermann Bullinger ist 1948 in Rottenburg am Neckar geboren. Er studierte katholischen Theologie, Sozialpädagogik, Soziologie und Psychologie in Tübingen und in Berlin. Danach Arbeit als Sozialarbeiter in Berlin. Es folgten Dozententätigkeiten für soziale und pflegerische Berufe. Ab 1986 wissenschaftlicher Mitarbeiter des Wissenschaftsladens Kassel. 

Von 1990 bis 1992 pädagogischer Mitarbeiter bei der Gesellschaft für Fort- und Weiterbildung im Gesundheits- und Sozialbereich Kassel. Aufbau des Männerzentrums Kassel, 1993 Promotion am Fachbereich Erziehungs- und Unterrichtswissenschaften der TU Berlin. Von 1998 bis 2000 Lehrkraft für Sozialpädagogik an der Staatlichen Berufsakademie Sachsen. Ab 2000 Professor für Arbeitsformen und Methoden der Sozialen Arbeit an der Fachhochschule Erfurt.

Derzeit Lehrbeauftragter an der Uni Kassel, der Fachhochschule Erfurt und an der Diploma Fachhochschule Nordhessen. Er ist im Vorstand des Vereins Kassel West und hier spezialisiert auf den Bereich Wohnungspolitik. Hermann Bullinger ist Vater eines Sohns und lebt mit seiner Frau im Vorderen Westen zur Miete.

Rubriklistenbild: © privat/nh

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