Bombennacht, Goebbels-Besuch und Todesanzeigen

Von Nationalsozialisten kontrolliert: Ausgaben der Kurhessischen Landeszeitung in Gartenlaube entdeckt

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Verkündungsorgan der Nationalsozialisten: So sah die Titelseite der Kurhessischen Landeszeitung am 5. November 1943 aus. Auch in dieser Ausgabe sind im Lokalteil jede Menge Todesanzeigen zu finden. 

In Kassel hat ein Gärtner in einer Gartenlaube Zeitungen aus der NS-Zeit gefunden. Sie geben Einblicke in Themen wie Bombennacht und Goebbels-Besuch.

  • Ein Gärtner hat in einer Gartenlaube in Kassel alte Zeitungen aus der NS-Zeit gefunden.
  • Darin geht es unter anderem um die Bombennacht vom22.10.1943.
  • Zahlreiche Todesanzeigen offenbaren das Ausmaß der Katastrophe

In einer Gartenhütte hat der 34-jährige Patrick Vogler gut erhaltene Zeitungen aus dem November 1943 gefunden. Es handelt sich um zwölf Ausgaben der von den Nationalsozialisten kontrollierten Kurhessischen Landeszeitung

Die strotzten vor NS-Kriegspropaganda, liefern aber auch interessante Einblicke in den Alltag nach der Kasseler Bombennacht vom 22.10.1943

Patrick Vogler: Er hat die Zeitung gefunden. 

Ob sein Fund für die HNA interessant sei, wollte Patrick Vogler, der aus Niestetal stammt und in Kassel als Gärtner arbeitet, wissen. Wir haben uns die Zeitungen angesehen.

Die Bombennacht

Wenn man sich vor Augen führt, dass die Kasseler Altstadt in der Bombennacht vom 22. Oktober nahezu komplett zerstört wurde, dann wirkt die lokale Berichterstattung sehr nüchtern. Über das wahre Ausmaß der Katastrophe gibt der Anzeigenteil Aufschluss. 

Dort wurden fast jeden Tag bis zu zwei Seiten mit Todesanzeigen veröffentlicht. Angesichts des schmalen Umfangs der Zeitung fällt das sofort ins Auge. Eine typische und immer wieder verwendete Formulierung: „Durch den Terrorangriff vom 22. Oktober 1943 verloren wir unsere liebe Mutter und Großmutter...“. Oder: „Durch den Terrorangriff opferten wir unsere lieben Eltern und Geschwister.“ 

Auch so viele Jahre später ist die Menge der Todesanzeigen erschütternd. Diese vielleicht besonders: „Unermessliches Leid brachte der Feindangriff. Er entriss mir meine über alles geliebte, treue und gute Frau knapp zwei Wochen vor der Entbindung des dritten Kindes.“

Kassel: Suche nach Vermissten

Einen Monat nach der Bombennacht gab es im Blauen Saal der Stadthalle eine bemerkenswerte Ausstellung. Hier präsentierte die Kriminalpolizei Fundstücke aus den Trümmern, die zur Identifizierung von Opfern beitragen sollten. 

„In großen Glaskästen sind alle die Dinge ausgestellt, die zur Erkennung der Vermissten beitragen“, ist da zu lesen. Jeweils mit einer Nummer versehen würden dort unter anderem Ringe, eine große Taschenuhr, ein Schlüsselbund, Teile eines Kleides, einer Strickjacke sowie ein Stück von einem Mantel mit Knopf und Schnalle ausgestellt.

Goebbels in Kassel

Normalerweise kamen lokale Meldungen auf der Titelseite der Kurhessischen Landeszeitung nicht vor. Eine Ausnahme ist der 5.11.1943. An diesem Tag wurde Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in der zerstörten Stadt erwartet. 

Aus heutiger Sicht unfassbar redet er davon, dass man die Ruinen schon bald als Garanten des Endsieges betrachten werde. Niemand könne sagen, dass „dieser Sieg der Stadt unverdient in den Schoß gefallen“ sei.

Kassel: Kontakt zu Bibliothek

Was jetzt mit den Zeitungen geschieht, ist noch nicht klar. Patrick Vogler will sie jedenfalls nicht behalten. Die HNA hat den Kontakt zum Kasseler Stadtmuseum und zur Stadtbibliothek hergestellt. 

In der Murhardschen Bibliothek kann man Zeitungen aus dieser Zeit am Bildschirm einsehen. Die Originale werden immer seltener und sind auch deshalb interessant.

Lesen Sie auch: Wir haben zahlreiche Berichte von Zeitzeugen zu der Bombennacht in Kassel gesammelt. Dazu gibt es ein außergewöhnliches Video

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