"Wenn wir nicht wären, würden noch mehr Menschen sterben"

Rettungsaktion auf dem größten Grab der Welt: Kasselerin zog Hunderte Flüchtlinge aus dem Mittelmeer

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Ein von der Organisation Sea-Eye gerettetes Flüchtlingskind auf dem Schiff Seefuchs.

Die Kasseler Studentin Anna Czubayko hielt es nicht mehr aus, dem großen Sterben zuzusehen. Mit der Organisation Sea-Eye rettete sie mehr als 100 Flüchtlingen im Mittelmeer das Leben. Für die Tragödie macht sie auch die deutsche Politik verantwortlich.

Weil manche Deutsche etwas dagegen haben, dass Anna Czubayko in den vergangenen Wochen mehr als 100 Menschen das Leben gerettet hat, würde sie ihren Namen hier am liebsten gar nicht lesen. Die 26-Jährige aus Kassel hat im November mit anderen Freiwilligen der Hilfsorganisation Sea-Eye Flüchtlinge aus dem Mittelmeer gezogen. Kollegen von ihr, die in Interviews über ihre Arbeit sprachen, bekamen hinterher böse Briefe von Zeitgenossen, denen es zur Abschreckung lieber wäre, wenn noch mehr Afrikaner ertrinken würden.

Czubayko hat uns trotzdem ihre Geschichte erzählt, die von einer riesigen Tragödie am Rande Europas handelt, während in Deutschland über Obergrenzen gestritten wird.

Die Helferin

Man braucht nicht viel Fantasie, um festzustellen, dass die Welt besser wäre, wenn es mehr Menschen wie Anna Czubayko gäbe. Sie studiert nicht nur Soziologie, sondern auch Soziale Arbeit, unterstützt als Jugendhelferin Familien und setzt sich als Hobby-Reiterin für eine artgerechte Pferdehaltung ein. Als sie für ihr Studium nun ein Praktikum machen musste, war ihr sofort klar, dass es "etwas Aktionistisches" sein musste. Für eine andere Nichtregierungsorganisation hätte sie auch in einem Berliner Büro arbeiten können. Doch Czubayko entschied sich dafür, von Malta aus mit einem alten Fischkutter aufs Mittelmeer zu fahren, das als größtes Grab der Welt gilt.

Anna Czubayko

Die Organisation

Als dort im April 2015 innerhalb von wenigen Tagen 1400 Flüchtlinge starben, wusste der Regensburger Unternehmer Michael Buschheuer, dass er etwas unternehmen muss. Er gründete die Organisation Sea-Eye und kaufte einen alten Fischkutter. Mit dem fahren Freiwillige seit April 2016 vor der libyschen Küste hin und her, um Flüchtlinge aus dem Mittelmeer zu fischen. So haben sie bis heute 13.284 Menschen das Leben gerettet.

Es gibt Kritiker, die meinen, Organisationen wie Sea-Eye und Sea-Watch würden die Leute erst aufs Mittelmeer locken. Czubayko hält das für zynisch und belegt das mit Zahlen: Nachdem italienische Küstenwache und Marine 2014 ihre Rettungsoperation "Mare Nostrum" beendet hatten, wurde das Elend nur noch größer. "Wenn wir nicht wären, würden noch mehr Menschen sterben", sagt die Nordhessin, die von ihrer fünfwöchigen Rettungsmission überzeugt ist: "Selbst wenn wir nur einen Menschen gerettet hätten, wäre das ein Erfolg gewesen."

Die Flüchtlinge

Zweimal fuhr Czubayko mit einer elfköpfigen Crew und dem Kutter Seefuchs von Malta aus aufs Meer. Zuvor gab es eine Einweisung, wie man die Beiboote mit dem Kran ins Wasser lässt und was man bei Feuer oder anderen Notfällen macht. In der bunt gemischten Mannschaft aus Studenten, Ärzten und Rentnern denken viele wie Czubayko: Man muss etwas tun, auch wenn es bei meterhohen Wellen gefährlich ist.

Infos zur Arbeit von Sea-Eye gibt es hier.

Seitdem die libysche Regierung eine breite Such- und Rettungszone für sich proklamiert hat, trauen sich die Leute von Sea-Eye nur noch bis auf 74 Seemeilen vor die Küste. Flüchtlinge, deren Boote von den Libyern vorher entdeckt werden, müssen wieder zurück in die Lager. Czubayko berichtet von einer Frau, die es erst im vierten Versuch schaffte, Italien zu erreichen. Bis dahin ist es weit. An der libyschen Küste zeigen die Schlepper den Flüchtlingen die Ölbohrinseln am Horizont und sagen: "Das ist Italien." Doch da beginnt das Meer erst richtig. Wer nicht ertrinkt, weil sein überfülltes Boot kentert, wird seekrank oder verdurstet. Als Czubayko mit der Seefuchs zum ersten Mal ein Schlauchboot voller Flüchtlinge erreichte, wurde ihr vom Gestank aus Benzin, Urin und Erbrochenem fast schlecht.

Die meisten Flüchtlinge, denen der Seefuchs das Leben rettete, kamen aus Eritrea, Syrien, Gambia und dem Sudan. Sie hatten ihr Land verkauft und meist 5000 Euro an die Schlepper bezahlt. "Viele mussten sich in libyschen Lagern freiarbeiten", sagt Czubayko.

Mit den anderen Helfern verteilte sie Wasser, Essen und Rettungswesten. Sie spielten Karten und redeten einfach, bis irgendwann Schiffe der Seenotleitstelle Mittelmeer (MMRC) eintrafen und die Menschen nach Italien brachten.

Die Zukunft

Was dort aus ihnen wird, weiß auch Czubayko nicht. Sie fragt sich, wie es mit den Kindern weitergeht. Auf einem Boot waren unter den 33 Flüchtlingen gleich zehn Jungen und Mädchen, darunter auch zwei Säuglinge. Geht es nach den Helfern von Sea-Eye, könnten Flüchtlinge auch in ihren Heimatländern Asyl beantragen. Seitdem die EU die Balkan-Route zugemacht hat, gibt es keine sicheren Fluchtwege nach Europa mehr. So lang sich daran nichts ändert, da ist sich Czubayko sicher, werden die Menschen weiter massenhaft im Mittelmeer ertrinken.

Darum wird sie nächsten Jahr ein weiteres Mal auf den Seefuchs-Kutter steigen. Dass es dazu keine Alternative gibt, wurde ihr noch mal beim Heimflug klar: Im Flugzeug von Malta nach Frankfurt hörte sie, wie Passagiere mäkelten, dass der Salat gestern nicht geschmeckt habe und die Frisur nicht sitze. Gewiss können auch das Probleme sein, aber im Vergleich zu den Problemen der Flüchtlinge, die ihr Leben aufs Spiel setzen, sind sie doch sehr klein.

ace

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