Richtige Spur durch anonymen Anruf 

Kasseler IS-Anhänger in syrischem Gefängnis entdeckt: Sein Vater hofft auf die Rückkehr nach Deutschland

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Ein Bild aus dem Jahr 2014: Joachim Gerhard mit seinen beiden Söhnen Fabian (links) und Manuel 

Fünf Jahre hat Joachim Gerhard nach seinen Söhnen gesucht, die sich 2014 dem IS angeschlossen haben. Jetzt meint der Kasseler, einen lebend in einem syrischen Gefängnis gefunden zu haben. 

So ganz fassen kann Gerhard es immer noch nicht. „Ich habe immer daran geglaubt, dass meine Jungs noch leben“, sagt der 56-Jährige mit Tränen in den Augen. Selbst als die Sicherheitsbehörden ihm im Jahr 2016 mitteilten, dass sie Fabian und Manuel für tot hielten, gab Gerhard nicht auf.

Der Kampf um seine Kinder scheint sich gelohnt zu haben. Gerhard ist sich sicher, seinen Sohn Fabian in einem kurdischen Gefängnis in der nordsyrischen Stadt Derik gefunden zu haben.

Nach fast fünf Jahren, unzähligen Hinweisen und zig Reisen ins Grenzgebiet zwischen Syrien und der Türkei, brachte den Kasseler Unternehmer ein anonymer Anruf auf die richtige Spur. Mithilfe der ZDF-Journalistin Anna Feist und dem Kameramann Syara Kareb gelangte Gerhard nach Syrien und in das Gefängnis, in dem sein Sohn inhaftiert sein soll, seit er sich vor gut drei Monaten ergeben habe.

Noch in Deutschland war ihnen ein Interview mit Fabian in dem Lager zugesagt worden. „Aber als wir in Syrien ankamen, haben die Behörden den Zugang untersagt“, berichtet Gerhard. Es habe kurze Zeit zuvor einen Ausbruchsversuch mehrerer IS-Anhänger gegeben. Deshalb sei der Besuch nicht mehr möglich. Doch dann habe es eines Nachts an seiner Hotelzimmertür in Qamischli geklopft. „Syara Kareb sagte, dass ich Fabian nun doch sehen dürfe.“ 

Wir berichteten bereits 2017 über Joachim Gerhard:  Ein Regisseur kontaktierte ihn, nachdem er Gerhards Buch „Ich hole euch zurück – Ein Vater sucht in der IS-Hölle nach seinen Kindern gelesen hatte. 

Früh am nächsten Morgen habe ein Militärfahrzeug mit verdunkelten Scheiben ihn und den Kameramann zu dem gut eineinhalb Stunden entfernten Lager in Derik gefahren. Die Journalistin habe die beiden nicht begleiten dürfen. Bild- und Tonaufnahmen seien ihnen untersagt worden.

Vom dritten Stock eines Gebäudes aus habe er Fabian in einem bewachten Außenbereich beobachten dürfen. „Sprechen durfte ich ihn aber nicht“, sagt Gerhard. Zwar sei er enttäuscht gewesen, aber letztlich sei ihm alles egal gewesen. „Hauptsache, ich konnte Fabian sehen“, so der 56-Jährige.

Einen Koffer mit Kleidung und Fotos habe er seinem Sohn dortgelassen. Gerhard hofft, dass Fabian die Sachen erhalten hat. Sollte er seinen Sohn besuchen dürfen, will Gerhard erneut nach Syrien reisen. Oder wenn es Hinweise auf seinen jüngeren Sohn Manuel gibt. Denn auch der heute 22-Jährige sei noch am Leben, glaubt Gerhard. Bei seinem Besuch in dem Gefängnis in Derik habe ihm der Außenbeauftragte der kurdischen Selbstverwaltung in Nordsyrien, Abdul Karim Omar, gesagt, es gebe Hinweise darauf, dass auch der jüngere der beiden Brüder am Leben sei.

„Für mich ist ein kleiner Stern aufgegangen“, so Gerhard. Jeden Tag habe er eine Kerze für seine Söhne angezündet. „Das hat sich offenbar gelohnt.“ Das Versprechen, das er seinen Kindern mit seinem Buchtitel „Ich hole euch zurück“ gegeben hat, er scheint es bei Fabian einlösen zu können. Zumindest hofft er das. Denn zwingen kann er seinen Sohn zur Rückkehr nach Deutschland nicht.

„Wenn Fabian sagt, dass er in Syrien bleiben will, dann ist das so“, sagt Gerhard. Aber er hofft, dass es anders kommt und er seinen Sohn zurückholen kann. Zumal er weiß, dass ihm die Todesstrafe droht, sollte er im benachbarten Irak vor Gericht gestellt werden.

Weitere Vermisste aus der Region

Auch die Jugendliche aus Baunatal, die mit Manuel und Fabian Gerhard sowie einem weiteren Jungen im Oktober 2014 nach Syrien ausgereist war, soll noch leben. Joachim Gerhards Informationen zufolge hält sie sich in einem syrischen Auffanglager im Norden des Landes auf. Bei ihr soll auch der siebenjährige Junge aus Kassel sein, der als vom Islamischen Staat (IS) verschleppt gilt (HNA berichtete). Seine Mutter soll angeblich in Kämpfen für die Terrormiliz gefallen sein. Auch der Vater, ein extremer Islamist, ist tot. Eine kleine Tochter des Paares wird vermisst.

Lesen Sie auch: Sie gingen zum IS: Kasseler Vater findet einen seiner Söhne in Syrien

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