60 Prozent mit Migrationshintergrund 

Kasseler Kita-Kinder können oft kein Deutsch

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Kulturelle Vielfalt: In der Kita Drachengarten in Bettenhausen haben von 18 Kindern 14 einen Migrationshintergrund. Trotzdem klappt der Kindergartenalltag sehr gut. Hinten rechts ist Kita-Leiter Norbert Simon zu sehen.

Der hohe Anteil von Kindern mit Migrationshintergrund stellt etliche Kindergärten in Kassel vor große Herausforderungen. Nach Auskunft der Stadt Kassel sprechen in städtischen Kindergärten 30 Prozent der Kinder kaum oder kein Deutsch.

Auch der Austausch mit deren Eltern sei für die Erzieherinnen und Erzieher oft erschwert oder sogar unmöglich. Diese Sprachlosigkeit führe zu Konflikten, teilt das Jugendamt mit.

In den städtischen Kitas haben von insgesamt 4261 Kindern 2532 ausländische Wurzeln – dies entspricht einem Anteil von 60 Prozent. Für die freien und konfessionellen Kitas gibt es keine Gesamtzahlen. Nach Auskunft des Dachverbandes der freien Kindertagesstätten (Dakits) und der Kirchen liegt der Anteil in ihren Einrichtungen – je nach Standort – zum Teil bei über 50 Prozent und in Einzelfällen bei mehr als 90 Prozent.

Neben den Sprachbarrieren sind laut Jugendamt auch kulturelle Unterschiede in Erziehungsfragen ein Thema. Im Gespräch mit der HNA berichten Kita-Leitungen von einem fehlenden Verständnis für die Gleichberechtigung von Mann und Frau, mangelnder Teilnahme an Elternabenden und Unpünktlichkeit beim Abholen der Kinder. Dies gelte natürlich nicht für alle Migrantenfamilien, aber für eine größere Gruppe. Mithilfe von Dolmetschern versuchen viele Kitas ihre pädagogischen Grundsätze den betroffenen Eltern zu vermitteln. Zudem verwenden viele Einrichtungen im Alltag Bilder, um etwa den Speiseplan für muslimische Menschen nachvollziehbar zu machen oder Regeln zu verdeutlichen.

„Die Integration und der Spracherwerb gelingen in kleinen Kita-Gruppen oft besser“, sagt Dakits-Geschäftsführerin Antje Proetel. Wenn die Mehrheit der Kinder Deutsch spreche, erlernten dies die restlichen meist spielend. Kitas, die aus multikulturellen Erzieherteams bestehen, hätten es zudem oft leichter, Brücken zu den Eltern zu bauen.

Hier klappt die Integration: Ein Beispiel aus Bettenhausen

Kassel. Kenia, Syrien, Iran, Türkei, Thailand, Kuba: Die 18 Kinder der freien Kita Drachengarten in Bettenhausen haben ihre familiären Wurzeln in aller Welt. Nur vier Kinder haben keinen Migrationshintergrund. Trotz der Vielfalt klappt der Kita-Alltag gut, wie Kita-Leiter Norbert Simon sagt. Das Geheimnis sei die kleine Gruppengröße und die familiäre Atmosphäre innerhalb der Elterninitiative, die schon seit 25 Jahren am Olebachweg besteht. Die Kinder im Drachengarten sind zwischen zwei und sechs Jahre alt. „Mit fünf Erziehern haben wir eine gute Personalausstattung. Wir liegen 20 Prozent über der Norm und haben zudem eine hohe Kontinuität im Team“, sagt Simon. Auch dies sei ein Faktor für die gelingende Integration.

Spielen funktioniert über Sprachgrenzen hinweg: Doch immer mehr Kindergartenkinder beherrschen die deutsche Sprache nicht.

Simon hat es schon oft erlebt, dass Kinder ohne Sprachkenntnisse in seine Gruppe kommen. „Die Kinder lernen untereinander am besten. Zudem achten wir im Team darauf, dass sehr deutlich gesprochen wird“, sagt der Sozialpädagoge. Mithilfe von Liedern und Sprechspielen werde an der Sprachfähigkeit gearbeitet. Die altersübergreifende Gruppe sei dabei förderlich, da die Jüngeren von den Älteren lernen könnten. Auch auf die Elternarbeit wird im Drachengarten großen Wert gelegt. „Die Eltern geben ihre Kinder hier nicht bloß ab und verschwinden dann sofort wieder“, sagt Simon. Häufig werde in der Tür auch ein längeres Gespräch geführt. „Multikulti funktioniert bei uns“, freut sich der Kita-Leiter. Die Kita Drachengarten ist mit ihrem sehr hohen Anteil an Kindern mit Migrationshintergrund ein Extrembeispiel, sagt Antje Proetel, Geschäftsführerin des Dachverbandes der freien Kindertagesstätten (Dakits). Die Einrichtung zeige aber auch, dass insbesondere kleine, elterngeführte Initiativen bei der Integration im Vorteil seien. Dies liege an der engen Einbindung aller Eltern in den Kita-Alltag.

Proetel macht aber auch klar, dass dieser Austausch mit den Eltern in anderen Kitas keine Selbstverständlichkeit ist. Neben sprachlichen Hürden gebe es zum Teil inhaltliche Differenzen. Einige Erzieherinnen hätten Sorge, Eltern aus anderen Kulturen von den Problemen mit ihren Kindern zu berichten, weil sie fürchteten, die Kinder würden deshalb zu Hause geschlagen. Auch berichteten Erzieherinnen immer mal wieder von Jungs, die in ihren Familien wie „kleine Prinzen“ erzogen würden und sich – insbesondere gegenüber Frauen – entsprechend respektlos verhielten. „Dies lässt sich natürlich nicht verallgemeinern und ist auch nicht in erster Linie ein kulturelles Problem, sondern eher eine Frage des Bildungsstandes“, sagt Proetel.

Marita Gill arbeitet seit 40 Jahren in der katholischen Kita St. Bonifatius an der Ihringshäuser Straße. „Von unseren 98 Kindern haben 91 einen Migrationshintergrund“, sagt die Kita-Leiterin. Vor allem der mangelnde Kontakt mit den Eltern – der oft an der Sprachbarriere scheitere – sei ein großes Problem. 

„Mit den meisten Eltern kann ich kein Gespräch führen. Das wäre aber wichtig, um eine Bindung aufzubauen“, sagt Gill. Häufig würden sich andere Eltern als Dolmetscher anbieten, dies sei aber problematisch, wenn über die Probleme anderer Kinder gesprochen werden solle. 

Für Gill und ihre Kollegen ist es zudem oft schwierig herauszufinden, ob bei Kindern eine Sprachentwicklungsstörung vorliegt. „Weil wir einfach nicht wissen, ob diese nur in der deutschen Sprache besteht“, sagt sie. Aber auch auf kultureller Ebene erlebt sie Unterschiede. „Obwohl klar ist, dass die Kinder bis 16 Uhr abgeholt werden müssen, kommt es regelmäßig vor, dass die Eltern erst um 16.15 Uhr oder später aufschlagen. Pünktlichkeit ist ein schwieriges Thema.“ Zum letzten Elternabend seien nur 30 Prozent der Eltern erschienen.

Zudem würden Mädchen und Jungs in muslimischen Familien oft nicht gleichwertig behandelt. „Von den Mädchen wird häufig viel verlangt, aber die Jungs lässt man machen“, sagt Gill. Dies zeige sich auch bei den Vätern, die in der Kita gern nach „dem Chef“ fragten. Auch sei es für ihre Kolleginnen und sie eine Herausforderung, Eltern auf Entwicklungsdefizite hinzuweisen. „Viele haben dann den Eindruck, ihr Kind sei behindert.“ 

Rita Liese, Leiterin der Kita St. Joseph in Rothenditmold, hat ebenfalls mit vielen Nationen zu tun. Ihre Kinder kommen aus 15 Ländern. „Viele kommen ohne Deutschkenntnisse. Dann ist die Arbeit in der Gruppe gefragt“, sagt Liese. Die Integration laufe in vielen kleinen Schritten. „Dabei bewegen wir uns in einem Spagat: Denn wir dürfen auch die Kinder nicht vernachlässigen, die keinen Migrationshintergrund haben oder bereits gut integriert sind.“ Liese kann auf ein multikulturelles Erzieherteam zurückgreifen, was sehr hilfreich sei. 

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