Nach dem Ebay-Prinzip

Second-Hand-Läden in Kassel: Kleine Schätze im "Regal"

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All das gibt’s im Regal: Andrea Falk (links) ist Verkäuferin und Kundin bei „Regal“-Inhaberin Antje Heyn (rechts). In ihrem Regal stehen Schuhe, Spielzeug und Schallplatten. Die rote Handtasche, die sie um die Schulter hat, hat sie beim Stöbern in einem anderen Regal entdeckt.

Kassel. Immer mehr Menschen kaufen lieber gebrauchte Dinge, als Geld für Neues auszugeben. In Kassel gibt es zahlreiche Second-Hand-Läden: Das "Regal" funktioniert nach dem Ebay-Prinzip.

„Wie Ebay zum Anfassen“ schrieb die HNA 2006, als „Das Regal“ öffnete. „Das trifft es ziemlich gut“, sagt Inhaberin Antje Heyn. Und das Ebay-Konzept hat sich auch über zehn Jahre danach noch nicht abgenutzt. Ihr Laden auf der Marbachshöhe ist perfekt für Flohmarktmuffel – denn die müssen sich nicht selbst um den Verkauf kümmern. Teil vier unserer Serie über Kassels Second-Hand-Läden:

Das Konzept

Für feste Preise kann man sich ein Regal, Kleiderbügel, eine Stellfläche im Gang oder einen Schaufenster- oder Vitrinenplatz mieten und dort zum Verkauf stellen, was immer man möchte. Ein Regalboden kostet zum Beispiel 10,50 Euro pro Woche – und etwas weniger, wenn man die Fläche länger mietet. Die Regalmieter legen die Preise für ihre Artikel fest und bekommen das Geld direkt aufs Konto, wenn etwas verkauft wurde. Provisionen müssen sie nicht zahlen. Wenn allerdings beispielsweise ein im Regal gekaufter Fernseher nicht funktioniert, haftet der Verkäufer.

Die Idee

Antje Heyn arbeitete zunächst als Hebamme und in einer Ergotherapiepraxis, bis sie 2006 etwas Neues wagen wollte. Nachhaltigkeit sei ihr schon immer wichtig gewesen – die Etiketten für die Preisschilder stellt sie aus Altpapier her. 2006 seien außerdem viele Menschen arbeitslos und auf günstige Einkaufsmöglichkeiten angewiesen gewesen. Und so entschloss sich die heute 54-Jährige kurzerhand dazu, einen Laden zu eröffnen. „Ein paar Tage später haben RTL und die HNA darüber berichtet – seitdem ist bei mir immer Betrieb“, sagt sie.

Die Atmosphäre

„Es ist mehr als ein Laden – hier trifft man sich, schließt Freundschaften“, sagt Dauerregalmieterin Andrea Falk. Die 58-Jährige kommt zweimal pro Woche und schaut nach ihrer eigenen Regalfläche, stöbert aber auch in den übrigen Gängen in dem 180 Quadratmeter großen Laden. „Ich erkenne viele Verkäufer schon an ihrer Handschrift auf den Preisschildern“, sagt die Niederzwehrenerin. Manchmal laufe man sich auch in der Stadt über den Weg und rufe sich im Vorbeigehen zu: „Füll mal wieder dein Regal auf!“ Andrea Falk verkaufte hier erstmals, als sie den Haushalt ihrer Eltern auflösen musste. Außerdem hat sie schon jede Menge Kinderspielzeug und -kleidung ins Regal gelegt – und derzeit Schuhe, Schallplatten und einen Spielzeugelefant. „Irgendwas hat man doch immer zu Hause, was man eigentlich nicht mehr braucht“, sagt Andrea Falk, die sich gerade eine rote Handtasche für vier Euro ausgesucht hat, als wir sie im Laden treffen. „Hier kann man jede Menge kleine Schätze entdecken“, sagt sie.

Das Günstigste

Bücher gibt es schon für zehn Cent das Stück. Die meisten sind bestens erhalten.

Das Teuerste

Häufig gibt es Fahrräder in gutem Zustand für weit über 100 Euro. 350 Euro habe das Teuerste gekostet, erinnert sich Antje Heyn. Erst vor Kurzem hatte sie einen Loewe-Flachbildfernseher zu verkaufen. „Die kosten neu über 1000 Euro. Der Regalmieter wollte 90 Euro dafür haben – aber es gab keinen Käufer.“

Das Kurioseste

Da muss Antje Heyn nicht lange überlegen: Das Kurioseste, was sie bisher im Laden gehabt habe, sei ein Dildo gewesen. „Der war in einer Verpackung und von außen hat man nicht gesehen, was das ist. Sah aus wie ein Handy oder so.“ Doch als sie die Verpackung geöffnet habe, sei ihr schnell klar gewesen, was sie da in der Hand gehalten habe. Das Sexspielzeug war noch ungenutzt. Der Verkäufer mietete einen Platz in der Vitrine – und fand schnell einen neuen Besitzer für den Dildo.

Der Dauerbrenner

Kleidung ist, wie in den meisten Second-Hand-Läden, der Dauerbrenner schlechthin. Anprobieren kann man sie in einer Umkleidekabine – „oder mal eben schnell hinter einem Regal, wenn die Kabine besetzt ist“, sagt Andrea Falk und lacht. Oft gehen auch CDs und DVDs über die Ladentheke; ein Regaldauermieter hat früher mal einen Laden gehabt.

Der Ladenhüter

Immer mal wieder versuchen Regalmieterinnen, ihre gebrauchten Brautkleider im Laden von Antje Heyn zu verkaufen. Das klappt aber so gut wie nie. „Sowas wollen die meisten anscheinend dann doch lieber neu kaufen“, sagt die Inhaberin.

Die Kundschaft

Alte, Junge, sozial Schwache, gut Betuchte – ihre Kundschaft sei vielfältig, weil fast jeder etwas in den Regalen finde, sagt Antje Heyn.

Info: Das Regal, Ludwig-Erhard-Straße 13. Geöffnet montags bis freitags von 10 bis 19 Uhr, samstags von 10 bis 14 Uhr

In den ersten drei Teilen unserer Second-Hand-Serie haben wir im Kontaktladen, bei Second Hand Schmidt-Hutten und im Zweipunktnull vorbeigeschaut. 

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