Thomas G. will die Sucht hinter sich lassen

Leben als Junkie auf der Straße - Thomas G. hat "schon alles durch“

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Nimmt die Zukunft in Angriff: Thomas G. mit seinem Hund „Herr Miezekatze“. 

Junge Menschen ohne festen Wohnsitz, die bettelnd auf Decken sitzen: Sie gehören zum Straßenbild an der Oberen Königsstraße und anderswo, oft mit Hunden, müde, heruntergekommen. Thomas G. war einer von ihnen.

Er habe sämtliche Drogen konsumiert, die sich ihm geboten haben, sagt Thomas G., er war ein Junkie. Heroin und Kokain ruinierten ihm die Gesundheit und die Existenz. Heute ist er in einem Substitutionsprogramm, um vom Heroin wegzukommen. Er wird von einer Sozialarbeiterin der Drogenhilfe Nordhessen betreut und er hat eine Bleibe. Auch seine Schulden sollen jetzt mit einer Privatinsolvenz gebändigt werden.

Mit einem kleinen Hund an seiner Seite ist der 36-Jährige fest entschlossen, die Drogen und das beinharte Leben auf der Straße hinter sich zu lassen. Es ist der zweite Anlauf. Das erste Mal wurde er rückfällig, weil die Beziehung zu seiner Freundin zerbrach. „Ich habe schon alles durch, jetzt muss Schluss sein“, sagt Thomas G. Sogar den Zigaretten habe er abgeschworen: „Ich werd’ noch zum Asketen“, sagt er und grinst.

„Anderen Schaden zufügen, ist nicht mein Ding.“

Thomas G. übers Betteln

Er ist weit davon entfernt, das Leben auf der Straße zu romantisieren. Die meisten seien Junkies. Es gebe nicht viele Möglichkeiten, um an Geld für Drogen zu kommen. Er zählt sie auf: sich prostituieren, Einbrüche begehen, Überfälle, dealen, betteln. „Ich hatte mich fürs Betteln entschieden. Anderen Schaden zufügen, ist nicht mein Ding.“ 

Auf der Straße: Noch vor ein paar Jahren lebte Thomas G. wie seine Freunde aus der Szene als Punk auf der Straße und bettelte. 

Die gesamte Lebensenergie eines Junkies konzentriere sich darauf, an Geld für die Drogen zu kommen. „Die Straße ist ein Job, Stress, es fehlt nur noch die Stempelkarte“, sagt Thomas G. und streichelt seinen Hund, den er „Herr Miezekatze“ nennt, „weil er so sanftmütig ist". Irgendjemand hatte ihn als Welpen in einem Altpapier-Container entsorgt.

Hier erzählt ein Ex-Junkie, wie er seine Sucht überwunden hat.

„Ich war immer froh, wenn mir jemand was zu essen gegeben hat“, erinnert sich Thomas an seine Zeit auf der Straße. In der Weihnachtszeit habe ihm mal jemand eine Tüte mit Weihnachtsplätzchen und Kinderriegel an seinen Schlafplatz gestellt. „Sie glauben nicht, wie ich mich gefreut habe.“ Normalität sei das, was es für einen Wohnungslosen nicht gibt.

Man werde auf der Straße angepöbelt, angefeindet, angegriffen. „Ein Freund von mir ist angezündet worden.“ Zum Schluss kommt Thomas G. auf seine Kindheit zu sprechen. In einem gutbürgerlichen Elternhaus im Landkreis sei er aufgewachsen. „Materiell war alles da“, sagt er. Aber das Menschliche fehlte.

„Diese Kälte hat sich wie ein Schleier über mein Leben gelegt.“

Thomas G. über seine Kindheit

Seine Mutter kämpfte mit psychischen Problemen, trank und unternahm mehrfach Selbstmordversuche. Sie gab dem Sohn die Schuld. „Diese Kälte hat sich wie ein Schleier über mein Leben gelegt“, sagt Thomas G.. Später wurden bei ihm Depressionen diagnostiziert. Eine Bäckerlehre brach er ab. Bald war er in die Szene abgerutscht.

Heute ist Thomas G. zuversichtlich, auf gutem Weg zu sein. Sogar seine kaputten Zähne lässt er sich behandeln - ein weiterer Schritt ins normale Leben. Sein Traum: dieses Leben mal mit seinem Hund in einem Wohnwagen am Waldrand zu verbringen.

Ausstieg mit der Drogenhilfe

Als sozialer Dienstleister bietet die Drogenhilfe Nordhessen mit ihren 175 Mitarbeitern Beratung, Betreuung und Unterstützung, Therapie und Nachsorge für ein suchtmittelfreies Leben. Es gibt Präventionsangebote in 30 Projekten an 20 Standorten. Seit ihrer Gründung 1982 hat die Drogenhilfe ein Netz von Hilfen geknüpft. Ihre Angebote reichen von der stationären Jugendhilfe in Wolfhagen über die Fachklinik Böddiger Berg bis hin zum betreuten Wohnen an unterschiedlichen Standorten. 

In Kassel sind der Kontaktladen Café Nautilus an der Erzberger Straße mit seinen Angeboten wie einer Schuldnerberatung und die Beratungsstellen an der Schillerstraße 2 die Herzstücke der Drogenhilfe. 2016 wurden hier 800 Klienten (inklusive Angehörige) betreut. 

Eine ganze Truppe Sozialarbeiter betreut das Einzelwohnen im Nautilus-Verbund. In Kassel sind täglich zwei Streetworker unterwegs. Im vergangenen Jahr kam es auf dieses Weise zu insgesamt 4500 Gesprächskontakten. Insgesamt hat die Drogenhilfe 2016 pro Tag im Schnitt 25 Klientengespräche geführt, sagt Geschäftsführerin Angela Waldschmidt. Es werde eng mit der Stadt zusammengearbeitet, die die Angebote erheblich finanziere.

Kontakt: Tel. 0561 / 10 36 41

Hintergrund: In Hessen weniger Drogentote

In Hessen sind 2016 entgegen dem Bundestrend weniger Menschen am Konsum von Rauschgift gestorben. Nach den jetzt in Berlin vorgelegten Zahlen des Bundeskriminalamts wurden landesweit 90 Drogentote gezählt, ein Jahr zuvor waren es noch 104. 2014 waren in Hessen 66 Drogentote erfasst worden. 2016 wurden in ganz Deutschland 1333 Drogentote registriert, das entspricht einem Anstieg binnen Jahresfrist von 126 oder neun Prozent. 

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