Tanzband

Liebling, lass uns tanzen gehen! Die „8 Töne“ prägten das Musikleben im Nachkriegs-Kassel

Vor 60 Jahren: Plakat für eine Fastnachtsveranstaltung 1957. 

Als das Plakat vor 60 Jahren musikalischen Fastnachtsspaß in Kassel versprach, durften sie nicht fehlen: die 8 Töne. Ein Name, gebaut aus der Tonleiter. Heute klingt er nach einer vergangenen Ära. Dabei war die Kasseler Band zur ihrer Zeit weit mehr, als der Name verrät.

Anfang der 50er-Jahre aus einer Schülerband hervorgegangen, half ihre Musik den jungen Leuten, die Last der vergangenen Jahre für ein paar Stunden zu vergessen, sich zu amüsieren und die Leichtigkeit des Lebens wiederzufinden. Teils war Kassel noch vom Krieg gezeichnet. Doch Swing und Dixie hatten überlebt. Und das war die Musik, mit der die 8 Töne neben allerlei angejazzten Schlagern ihr Publikum in Stimmung brachten.

Die Gruppe bestand neben Walter „Wabbel“ Schütte (Gitarre) im Kern aus Wolfgang Richter, der Jürgen Rickes am Klavier abgelöst hatte, dem Homberger Schlagzeuger Karl-Heinz „Heinibert“ Exter, Berni Rodemann (Bass, Trompete) sowie den Fadle-Brüdern Jörg (Klarinette, Saxophon) und Heinz (Posaune).

Gruppenbild: Die 8 Töne, hervorgegangen aus einer Kasseler Schülerband, waren in der Zeit von den 50er- bis in die erste Hälfte der 60er-Jahre bei jungen Leuten eine der populärsten Bands der Region. (Von links) Karl-Heinz Exter (Schlagzeug), Jörg Fadle (Klarinette, Saxophon), Wolfgang Richter (Klavier), Berni Rodemann (Bass, Trompete) und Heinz Fadle (Posaune).

Durch ihre Vielseitigkeit und Agilität prägten sie das nordhessische Musikleben. Die 8 Töne spielten in Jazzkellern, auf „Bunten Abenden“ in Schulen, bei Faschingsbällen im Haus der Jugend und Jugendbällen in der Stadthalle Musik zum Tanzen. Auch zu den Riverboat Shuffles mit der Elsa auf der Fulda machten sie musikalisch Dampf.

Nicht allen war die swingende Jugend mit ihrer Art von Jazz ganz geheuer. Als der Bärenreiter-Verlag die Band im Mai 1960 zum Betriebsfest für 20 DM pro Musiker verpflichtete, bat man – vorsichtshalber vertraglich fixiert: „Nicht wahr, es ist Ihnen klar, dass die Musik nicht allzu schräg ausfallen darf. Es kann ruhig auch einmal ein Walzer dabei sein.“

Jugendball: In der Stadthalle spielten die 8 Töne neben anderen Bands regelmäßig zum Tanz auf. Das Jugendamt hatte diese Bälle in den 60er-Jahren organisiert. Einlass war ab 16 Jahren, ausgeschenkt wurden nur alkoholfreie Getränke. Das Bild entstand um 1960.

"Viel proben musste man nicht,“ erzählt der heute 81-jährige Wolfgang „Ali“ Soethe, der zum erweiterten Kreis von Musikern gehörte, die über die Jahre zu den 8 Tönen stießen. „Wir waren alle sattelfest“. Die Titel habe man drauf gehabt, die Instrumente ausgepackt, „dann ging’s los“, erzählt Soethe, der damals noch eine schwere amerikanische Roger-Gitarre spielte. Über Schlagzeuger Karl-Heinz Exter, mit dem er bei Coca-Cola an den Quellhöfen in Kassel Kästen geschleppt hatte, war er zur Band gekommen. Beim Zissel-Umzug spielten die 8 Töne dann auf dem Coca-Cola-Pritschenwagen „fröhliche Dixieland-Musik“. Reich wurden sie damit nicht, bei den Riverboat Shuffles gab es zehn bis 20 Mark: „Der Spaß war die Gage“, erzählt Soethe, der sein Geld als Musiker vor allem in den Clubs bei den Amerikanern in Rothwesten verdiente.

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Manchmal begleiteten die 8 Töne auch Sängerinnen wie Bärbel Scharf alias „Ina Barbarina“ und - „südamerikanisch besetzt“ - beim Faschingsvergnügen 1957 in der Stadthalle Ise Wiebach. Der Bedarf an Bands war groß. In Marburg haben sie gespielt, und in der Gaststätte „Alte Liebe“, einer ehemaligen Wohnbaracke für Marineoffiziere, auf der Halbinsel Scheid am Edersee. Bei einer Feier im Juni 1959 auf einem schwimmenden Steg unweit der Staumauer waren abends bei Lampionschein und Livemusik der 8 Töne derart viele Ausflügler von ihren Booten hinzugekommen, dass der Steg immer tiefer ins Wasser drückte und sich unter der Last der Ankommenden so stark neigte, dass das Klavier ins Rutschen kam und im Edersee versank.

Fotokarte des Jazz Clubs vom Juni 1959: Sie zeigt den Drummer der 8 Töne, Karl-Heinz Exter, im Kasseler Oehlsen-Keller am Ständeplatz. Der Kellerclub war mit Wandbildern von Jazzgrößen, hier Charlie Parker, gestaltet.

Gab’s einen Job, hat man sich untereinander angerufen. So entstand ein Netzwerk aus Musikern, die in wechselnden Besetzungen mitspielten. In einer Gaststätte in Holzhausen, erinnert sich der Bassist und Trompeter Berni Rodemann, habe mal ein Gast-Schlagzeuger mitgespielt, der als Markenzeichen vor seine Basstrommel einen großen Rinderknochen befestigt hatte.

„Die Musik hat uns allen goldene Brücken gebaut“

Berni Rodemann

Ab und zu stieg auch der blutjunge und später weltberühmte Trompeter Manfred Schoof ein, der damals in Kassel Musik studierte. Eine weitere spätere Größe der internationalen Szene: Jaki Liebezeit saß ein paar Mal bei den 8 Tönen an den Drums. Als Elfjähriger hatte Liebezeit zuerst Trompete in der Schulblaskapelle in Hannoversch Münden gelernt. Der gebürtige Dresdner wechselte zum Tenorsaxophon und landete über die Tanzmusik beim Schlagzeug. Später wurde er bei der Münchner Avantgarde-Rockband „Can“ weltbekannt, bevor er für Brian Eno und Depeche Mode trommelte.

Irgendwann in der ersten Hälfte der 60er-Jahre trennten sich die Wege der Musiker, und damit war die Ära der 8 Töne zu Ende. „Die Musik hat uns allen goldene Brücken gebaut“, blickt Rodemann auf die Bedeutung der Kasseler Gruppe zurück. Brücken von der Nachkriegszeit in ein modernes Land – für die Band und für ihr Publikum.

Auch am Edersee durften sie nicht fehlen: Die 8 Töne, hier 1959 mit Trompeter Berni Rodemann.

Was aus den 8 Tönen wurde

Was macht die Stammbesetzung nach ihrer Zeit als 8 Töne?

  • Wolfgang Richter ging zunächst als Tontechniker zum Hessischen Rundfunk, danach ins Ausland, 
  • Karl-Heinz "Heinibert" Exter, eigentlich Konditor, zog an den Bodensee, weil er gern segelte und dort eine Sekt-Vertretung übernahm, 
  • Heinz Fadle studierte Posaune, nahm zahlreiche CDs auf, spielte in Bayreuth und Berlin unter Lorin Maazel und Herbert von Karajan, absolvierte Konzerttourneen durch die ganze Welt und arbeitete als Professor an der Hochschule für Musik in Detmold, 
  • Jörg Fadle studierte in Berlin und arbeitete bei dem Deutschen Symphonie-Orchester unter Herbert von Karajan sowie Vladimir Ashkenazy und war als Honorarprofessor an der Berliner Universität der Künste tätig, 
  • Berni Rodemann wurde kaufmännischer Angestellter bei der früheren Hessischen Heimstätte und blieb der Musik treu. Noch heute steht der 80-jährige Trompeter und Bassist, der mit seiner Frau in Harleshausen lebt, gelegentlich mit der neunköpfigen Band "Blue Heaven Jazz Men" auf Kasseler Bühnen.

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