84 Zwillingsgeburten im vergangenen Jahr

Doppeltes Glück: Steigende Zahl von Mehrlingsgeburten auch in der Region

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Schnuller im Doppelpack: Immer mehr Mütter bringen Zwillinge zur Welt.

In Kassel und Umgebung werden immer häufiger Zwillinge geboren. Nach Angaben des Statistischen Landesamts gab es im vergangenen Jahr 84 Zwillings- und 2 Drillingsgeburten in Stadt und Kreis Kassel.

Das entspricht – bezogen auf die Gesamtzahl der Geburten – einem Anteil von 2,1 Prozent. Im Jahr 2000 lag der Wert noch bei 1,4 Prozent. Damals gab es 55 Zwillings- und 2 Drillingsgeburten.

Grund für die Entwicklung ist einerseits die wachsende Zahl der Paare, die ihrem Kinderwunsch nachhelfen. So verzeichnet das Medizinische Versorgungszentrum (MVZ) für Reproduktionsmedizin am Klinikum Kassel seit seiner Gründung vor 13 Jahren eine stetig wachsende Nachfrage. Nach Angaben des Ärtzlichen Leiters Dr. Marc Janos Willi wurden voriges Jahr mehr als 700 künstliche Befruchtungen vorgenommen. 2007 lag die Zahl bei 170.

Bisher wurden dabei in vielen Fällen zwei Embryonen eingesetzt, erläutert Willi. In den vergangenen fünf Jahren gab es laut MVZ 670 Geburten nach künstlicher Befruchtung, davon waren 159 Zwillingspaare und 6 Drillingsgeburten. Das entspricht einer Mehrlingsrate von 24,6 Prozent. Zum Vergleich: Die natürliche Zwillingswahrscheinlichkeit liegt bei etwa 1,2 Prozent. Man rate inzwischen zunehmend dazu, dass die Frau sich nur ein Embryo einsetzen lasse, betont Willi. Denn Mehrlingsschwangerschaften seien für die Frauen und die Kinder mit höheren Risiken behaftet. Auch bei Hormonbehandlungen der Frau überwache man daher die Eizellreifung.

Neben der Reproduktionsmedizin ist aber auch das höhere Alter von Müttern ein Grund für die wachsenden Zwillingsraten. Denn paradoxerweise steigt bei sinkender Fruchtbarkeit im höheren Alter die Wahrscheinlichkeit für mehr als einen Eisprung pro Zyklus.

Folgen dieser Entwicklungen seien mehr Risikoschwangerschaften mit einem höheren Betreuungsaufwand sowie mehr Frühgeburten, sagt Dr. Wouter Simoens, Chefarzt der Geburtshilfe in den Diakonie-Kliniken Kassel. Das bedeute auch steigende Kosten für das Gesundheitssystem.

Mediziner hätten gern die Wahl

Der Kindersegen kommt immer häufiger im Doppel- oder sogar Dreierpack. Wir beantworten Fragen zur steigenden Zahl der Mehrlingsgeburten.

Wieso kommt es bei künstlicher Befruchtung häufiger zu Zwillingsschwangerschaften?

Bei künstlicher Befruchtung werden in der Petrischale eine zuvor der Frau entnommene Eizelle und der Samen des Mannes zusammengebracht. Bei erfolgreicher Befruchtung wird der Embryo wieder in die Gebärmutter eingesetzt. Um die Erfolgschancen zu erhöhen, wünschen viele Paare, dass zwei Embryonen eingesetzt werden.

Wie hoch ist die Wahrscheinlichkeit, dass es dann Zwillinge gibt?

Bei zwei Embryonen betrage das Risiko einer Mehrlingsgeburt 20 Prozent, sagt Dr. Marc Janos Willi vom Medizinischen Versorgungszentrum (MVZ) für Reproduktionsmedizin am Klinikum Kassel. Man rate Paaren dringend davon ab, drei Embryonen einsetzen zu lassen, sagt Willi. Denn einerseits erhöhe dies nicht die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft. Andererseit seien Drillingsschwangerschaften für Mutter und Kinder mit hohen Risiken behaftet. Mehr als drei Embryonen dürfen laut Gesetz ohnehin nicht eingesetzt werden.

Was raten die Mediziner?

Inzwischen berate man die Paare dahin, sich nur einen Embryo einsetzen zu lassen, sagt Willi. Zwar sei die Erfolgswahrscheinlichkeit etwas geringer. Dafür umgehe man die erhöhten Risiken, die mit Mehrlingsschwangerschaften einhergehen. Es gebe aber auch Paare, die die Aussicht auf Zwillinge attraktiv fänden, berichtet der Reproduktionsmediziner.

Gibt es das erhöhte Mehrlingsrisiko nur bei künstlicher Befruchtung?

Nein. Bei Hormonbehandlungen der Frau wachsen auch manchmal mehrere Eizellen pro Zyklus heran. Anders als bei der künstlichen Befruchtung gebe es hier zwar keine Gesetzesvorschriften, sagt Willi. Doch auch in diesen Fällen rate man den Paaren bei mehr als zwei reifen Eizellen von Geschlechtsverkehr in den fruchtbaren Tagen ab.

Gäbe es Möglichkeiten, die Zwillingsrate bei künstlicher Befruchtung zu senken?

Ja, allerdings nicht unter dem derzeitigen gesetzlichen Rahmen, sagt Marc Janos Willi. Denn in Deutschland dürfen nur so viele Eizellen zu Embryonen kultiviert werden, wie dann auch eingesetzt werden sollen. In anderen Ländern ist es hingegen erlaubt, mehr Eizellen zu befruchten und dann den Embryo oder die Embryonen herauszusuchen, die sich am besten entwickelt haben. Die Chance auf eine Schwangerschaft sei bei einem einzelnen selektierten Embryo mindestens genauso hoch wie bei zwei eingesetzten Embryonen, die nicht ausgesucht wurden. „Es wäre wünschenswert, dass der Gesetzgeber uns diese Auswahlmöglichkeit auch gibt“, sagt Reproduktionsmediziner Willi. Auch Dr. Andreas Worms, Leiter der Geburtshilfe am Klinikum Kassel sagt: „Damit könnte man das Zwillingsrisiko deutlich senken.“

Wieso führt das höhere Gebäralter von Frauen auch zu einem erhöhten Zwillingsrisiko?

Dr. Andreas Worms, Leiter Geburtshilfe Klinikum Kassel

Weil die Ausschüttung des Hormons, das die Eizellreifung anregt, gegen Ende der fruchtbaren Phase bei Frauen vermehrt ausgeschüttet wird, erklärt Gynäkologe Worms. Dadurch ist die Wahrscheinlichkeit zweier Eiersprünge pro Zyklus bei älteren Frauen höher als bei jüngeren. Abgesehen von diesen spontanen Zwillingsschwangerschaften im höheren Gebäralter, seien es meist auch Frauen jenseits der 30, die die Hilfe der Reproduktionsmedizin suchten, um ihren Kinderwunsch noch zu erfüllen. Daher seien in dieser Altersgruppe Zwillingsschwangerschaften besonders häufig.

Wieso sind die erhöhten Zwillingsraten überhaupt ein Problem?

Dr. Wouter Simoens, Chefarzt Geburtshilfe Diakonie-Kliniken

Weil jede Zwillingsschwangerschaft – ob auf natürlichem oder künstlichem Wege zustandegekommen – mit Risiken für Mutter und Kinder verbunden ist. Zwillinge kommen häufig als Frühchen zur Welt und haben daher ein höheres Risiko für Beeinträchtigungen. Gerade bei älteren Frauen seien die Schwangerschaftsrisiken ohnehin höher, sagt Worms. Der Aufwand der Betreuung und Überwachung sei bei Mehrlingsschwangerschaften viel höher, sagt auch Dr. Wouter Simoens von den Agaplesion Diakonie-Kliniken, der am Samstag in Kassel eine geburtshilfliche Fachtagung ausrichtet, bei der es auch um Mehrlingsschwangerschaften und Frühgeburten geht. Dennoch betreue er sehr gern Zwillings- und Drillingsschwangerschafen. „Das ist ja auch etwas Schönes, ein kleines Wunder.“ Zudem habe er Respekt vor den Eltern, die den mehrfachen Kindersegen auf einen Schlag bewältigten.

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