Kassel gilt als Paradies für Sprayer - ganz legal

Vom Gangster zum Künstler: Mein erstes Graffiti

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Kunstexperiment  mit Kindern: Matthias (von links), Charlotte und Julius Lohr mit Graffiti-Sprayer Gerrit Retterath vor dem Sieben-Schriftzug.

In Kunst hatte unser Autor immer nur eine 4. Nun wagt er den Selbstversuch und sprüht sein erstes Graffiti. Vorher outet er sich als Krimineller.

Vielleicht ist es vor dem ersten Graffiti ganz hilfreich, sich als Krimineller zu outen. Also: Ich habe in der zwölften Klasse meinen Kunstlehrer Herrn Lutz betrogen - und zwar noch schlimmer als der CSU-Heiland und Plagiator Karl-Theodor zu Guttenberg, der seine Doktorarbeit ja nur aus Zeitmangel abgeschrieben hat. Ich dagegen war zu schlecht und faul für den Kunstunterricht. Darum habe ich mir von einer künstlerisch begabten Freundin ein Porträt des Jungen vom U2-Cover "Boy" zeichnen lassen und es als meines ausgegeben. Vor der Abgabe habe ich es noch ein bisschen schlechter gemacht, damit der Betrug nicht auffällt. Am Ende bekam ich eine 4 dafür. Ich kam durch damit. Es tut mir wirklich leid, Herr Lutz.

Andererseits ist dieser Teil meiner Vergangenheit eine gute Voraussetzung für mein erstes Graffiti. Wände besprühen hatte ja auch lange ein Gangster-Image. Und bevor jetzt jemand fragt: Müsste es nicht Graffito heißen? Ja, streng genommen schon, aber kein Mensch sagt Graffito, wenn er ein Kunstwerk auf eine Häuserwand sprayen will. Streetart-Künstler sind Rechtschreibkriminelle.

Gerrit Retterath ist kein Gangster. Der 30 Jahre alte Soziologe schreibt an der Kasseler Uni gerade seine Doktorarbeit über die Ökonomie des Teilens und ist zweiter Vorsitzender des Kasseler Graffiti-Projekts KolorCubes. Gerrit will mir, dem Kunst-Legastheniker, und meinen Kindern Charlotte (11) und Julius (8) zeigen, wie man ein Bild an die Wand sprüht. Graffiti haben ihn schon immer interessiert, richtig angefangen hat er erst vor vier Jahren. Er sagt über sich: "Ich bin super untalentiert, aber Fleiß schadet nicht." Der Satz macht mir Hoffnung.

Wir treffen uns vor dem Schmackes-Bioladen im Schillerviertel. In dem Quartier zwischen Kulturbahnhof und Straßenstrich schlägt das Graffiti-Herz der Stadt. Hier haben die KolorCubes-Leute um den Vereinsgründer Dustin Schenk internationale Künstler Häuserwände besprühen lassen. Ein Spaziergang durch das Schillerviertel ist wie ein documenta-Besuch - nur dass man hier das Gefühl hat, die Kunst zu verstehen.

Auf dem Rasen vor dem Bioladen spannt Gerrit zwischen zwei Birken eine Plane, die wir besprühen wollen. So macht er es häufig, wenn er mit Jugendlichen Workshops veranstaltet. Es ist, als würde man erst einmal auf dem stillen Edersee surfen statt auf der rauen Brandung vor Sylt. Unser erstes Graffiti soll das Sieben-Logo mit Schriftzug werden. Das hat den Vorteil, dass es nur aus sechs Buchstaben und einer Ziffer im Kreis besteht. "Hessische/Niedersächsische Allgemeine" wäre deutlich schwieriger gewesen. Bevor wir zur Dose greifen, machen wir jedoch erst einmal Skizzen. Graffiti-Buchstaben, erklärt Gerrit, bestehen nicht aus Strichen, sondern aus Balken. Das R zum Beispiel ist ein Gerüst aus zusammengesetzten Blöcken.

Das klingt simpel, an der Leinwand ist es jedoch nicht mehr ganz so einfach. Ich stehe erst einmal zu weit weg von der Plane und bewege die Dose viel zu langsam. So verteilt sich die Farbe auf eine größere Fläche und ist weniger kräftig, zudem läuft sie nach unten. Ich schaffe also zu wenig und zu viel in einem Arbeitsgang. Ein bisschen fühle ich mich wie im Kunstunterricht der Oberstufe. Meine Arbeiten damals waren auf dem Niveau eines Fünfjährigen.

Die Talentlosigkeit scheine ich an Charlotte und Julius indes nicht weitergegeben zu haben. Die Kinder haben es schnell raus, malen gekonnt drüber, wenn ich wieder eine Rundung gesprüht habe, wo eigentlich eine Ecke sein sollte, und umgekehrt.

Ohne Atemschutzmaske stinkt's ganz schön.

Die Atemschutzmasken wollen sie nicht einmal fürs Foto abnehmen. Die Gas- und Partikelfilter sind gerade in Räumen sinnvoll, wo der Lackgeruch einem die Sinne benebelt und krank machen kann. Lungenkrebs ist unter Graffiti-Sprayern keine Seltenheit. Auch sonst ist diese Kunstform ziemlich dreckig. Zwar gibt es wiederauffüllbare Dosen, aber die wenigsten Sprayer nutzen die.

Alle Artikel zu unserem Monatsthema gibt es hier.

Dafür ist Graffiti "aufregend, sexy und illegal", wie ein Journalist schrieb. Ein anderer Journalist ist für die Legende verantwortlich, ein griechischstämmiger Pizzabote habe 1971 in New York Graffiti erfunden, indem er sein Pseudonym TAKI183 mit Edding überall an Wände schrieb. In Wirklichkeit haben Menschen auch schon vorher getaggt, wie man solche Markierungen nennt - in den Jahren zuvor in Kalifornien, davor im Mittelalter und ganz früher bei Höhlenmalereien der Neandertaler.

Graffiti befriedigen offensichtlich das menschliche Grundbedürfnis nach künstlerischer Selbstdarstellung im öffentlichen Raum. Am massenwirksamsten geht das natürlich auf Straßen- und Eisenbahnen, die zu rollenden Leinwänden werden. Angeblich entstehen jedes Jahr in Deutschland durch Graffiti auf öffentlichen Verkehrsmitteln Schäden in Höhe von 100 Millionen Euro.

Aber Graffiti sind längst mehr als Schmierereien. "Leute, die nur zerstören wollen, treten lieber einen Mülleimer kaputt", sagt Gerrit. Die Tatsache, dass Hausbesitzer im Schillerviertel ihre Wände für Künstler zur Verfügung gestellt haben, zeigt für ihn den Imagewandel der Kunstform. Gerade in Kassel, das in der Szene als Paradies für Sprayer gilt. In kaum einer anderen deutschen Stadt gibt es so viele legale Flächen wie in der Nordhessenmetropole, sagt Gerrit. Mittlerweile werden Graffiti sogar an Universitäten erforscht.

Unser gespraytes Sieben-Logo wird wohl kein Thema für eine Bachelor-Arbeit werden. Dank Gerrits Hilfe sieht es nach zwei Stunden Arbeit jedoch ganz vorzeigbar aus. Charlotte und Julius hat es so viel Spaß gemacht, dass sie die Aktion wiederholen wollen. Es kann sein, dass in ein paar Jahren die Polizei bei mir klingelt, weil die Kinder illegal eine Hauswand besprüht haben.

Infos zu den Workshops und Graffiti-Projekten von KolorCubes gibt es hier.

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