Manche Betrunkene vergessen sogar, wo sie wohnen

Mit dem Minicar durch Kassel: So geht es nachts zwischen Hot Legs und A7 zu

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Er fährt Stammkunden und spontane Fahrgäste durch die Stadt: Bekir Efe mag die Nachtschicht.

Fünf Nächte die Woche fährt Bekir Efe durch Kassel. Uns hat er erzählt, wie nett Feiernde in der Friedrich-Ebert-Straße sind, warum es am A7 so viele Schlägereien gibt und wie man Betrunkene nach Hause bringt, die ihren Wohnort vergessen haben. Eine Fahrt durch die Nacht.

Seit seinem Schlaganfall mag es Bekir Efe ruhig – also fährt er Minicar. „Nur in Kassel und nur in der Nacht“, betont er. Efe fährt im Dunkeln. Dann, wenn nicht so oft gehupt und gedrängelt wird, wenn die Straßen leer sind und die Bars, Kneipen und Clubs der Stadt voll. Wenn seine Stammkunden ihn auf dem Handy anrufen. „Holst du mich an der Friedrich-Ebert-Straße ab?“, fragen sie dann, denn sie kennen Efe seit Jahren. Sie wissen: Er ist der wohl einzige Minicarfahrer der Stadt mit langen Haaren. Und: „Ich bin nett, gut und das Auto ist sauber.“ Efe lacht, als er das sagt, die Ampel am Auestadion springt auf Grün und sanft gibt er Gas. Die Nacht ist noch jung, ins Bett gehen wird er erst am nächsten Morgen gegen 6 Uhr. Ein Problem ist das für ihn nicht. „Ich schlafe tief“, sagt er und lenkt das Minicar in aller Ruhe in die Schönfelder Straße. Seit drei Jahren fährt der 45-Jährige für Citycar durch Kassel. Fünf Nächte die Woche, fünf Stunden die Nacht, manchmal bis zum frühen Morgen.

Auf der Friedrich-Ebert-Straße

„Ich liebe Autofahren“, sagt er. „Gebt mir einen Kaffee und ich bringe euch Nonstop bis nach Italien oder Holland.“ In seiner Nachtschicht fährt er am liebsten nach Hofgeismar. „Das ist ein guter Weg, er ist gerade.“ Er mag Kunden, die er schon kennt, Strecken, die er bereits gefahren ist, Straßen ohne Kurven und Kreuzungen. In seinem Leben hatte er davon bereits viele: Efe kommt aus der Türkei, wo er unter anderem als Kellner arbeitete. Nach Deutschland zog er wegen seiner damaligen Frau – sie ist in Korbach geboren. 15 Jahre lang arbeitete er hier als Maschinenfahrer bei Continental, bis der Schlaganfall kam. 2017 folgte dann noch ein Herzinfarkt – kurz nach Weihnachten. „Gott liebt mich“, schlussfolgert er.

Vor Joe's Garage: In der Friedrich-Ebert-Straße ist Bekir Efe oft.

Hinter ihm hupt einer. In aller Ruhe fährt Efe an und biegt in die Friedrich-Ebert-Straße ein. Das macht er oft. „Die Menschen sind hier alle nett, alles gut“, findet er. Viele holt er am Club 22 ab und bringt sie nach Baunatal. Da kommen sie hier fast alle her, „mindestens 60 Prozent.“ Einmal, so erinnert er sich, stieg ein Paar aus Großenritte am Hot Legs ein. Der Mann fand, es reicht. Die Frau fand, es reicht noch lange nicht, sie wollte noch feiern. An der Ampel in der Querallee sprang sie plötzlich aus dem Wagen und verschwand. „Fahren Sie weiter!“, sagte ihr Mann. Erst, als Efe schon in Niederzwehren war, überlegte der Fahrgast es sich anders. „Ich vermisse meine Frau“, gab er zu – und bat Efe, ihn doch noch mal zum Hot Legs zu bringen.

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Efe passiert jetzt die Bar Seibert, rechts taucht das Bitburger Bierhaus auf. „Hier war einer mal total besoffen, der hat gekotzt und war aggressiv“, erzählt er und fährt vorbei. Den hat er nicht mitgenommen. Auch nicht einen etwa 50-Jährigen, der aus einer Spielbank kam, ohne Bargeld nach Marburg wollte und behauptete, er sei Oberarzt im Kasseler Klinikum. Er könne später zahlen. „Sie sind Oberarzt?“, fragte Efe. „Ja“, sagte der Mann. „Dann kennen Sie ja bestimmt auch den Bürgermeister von Kassel“, sagte Efe. „Äh“, sagte der Mann. Also breitete Efe die Arme aus. „Ich bins, Efe, der Bürgermeister. Bitte steigen Sie aus.“

Vor dem A7

Schlimmer als in der Friedrich-Ebert-Straße oder vor Spielbänken gehe es am A7 zu. Vor der Großraumdiskothek beobachtet Efe viele Schlägereien. „Die Leute sind hier jünger, manche sind aggressiver, weil sie Alkohol noch nicht so gut vertragen“, erklärt er. Die meisten kommen von außerhalb, viele vertrinken hunderte Euro im A7. Einer wünschte sich unbedingt einen Festpreis. „Machen wir 10 Euro“, sagte er. „Ich hab heute schon 150 Euro versoffen.“ Doch Festpreise gehen nicht – was mehr verfahren wird, müsste Efe aus eigener Tasche draufzahlen, schließlich gibt er das Geld am Ende jeder Nacht in der Zentrale ab.

Bekir Efe hat viele Stammkunden - sie rufen immer wieder aus Kassel oder Umgebung bei ihm an. 

„Betrunkene sind so unterschiedlich wie fünf Finger einer Hand“, sagt der Minicarfahrer, manche mag er, andere nicht. Er selbst trinkt nur zu Hause, am liebsten Raki. „Löwenmilch“, nennt er es. „Das kann nicht jeder trinken.“ Er setzt den Blinker und fährt die Bürgermeister-Brunner-Straße hinauf in Richtung Hauptbahnhof, in Richtung des Clubs Arm. 

Vor dem Arm

Hier ist einmal ein sehr betrunkenes Mädchen mit zwei Jungs zu ihm eingestiegen – und hatte große Lust auf einen Döner. Sie wollte unbedingt zum Dönerladen Anadolu gefahren werden und verlangte von Efe, dort zu warten, während sie aß. „Dieser Ton…“, erinnert sich der Minicarfahrer. „Ich kann euch dahin bringen, aber wenn ihr erstmal essen wollt, müsst ihr euch danach ein neues Minicar rufen“, erklärte er den jungen Leuten. „Nein“, rief die Betrunkene. „Du machst das. Was ich sage, musst du machen.“ Also hielt Efe an, drehte sich langsam zu ihr um und sagte ganz ruhig: „Ich bin nicht dein Diener.“ Die drei mussten aussteigen.

Bei jeder Fahrt aufs Neue muss sich Efe entscheiden: Nehme ich die Kunden mit oder gehe ich damit ein Risiko ein? Schließlich ist er ganz allein mit ihnen im Auto, er muss sich auf seine Menschenkenntnis verlassen. Bisher hat das gut geklappt – passiert ist ihm noch nie etwas. „Und Gott sei Dank hat bisher auch noch keiner gekotzt.“

Auch zum Club Arm wird Efe oft gerufen.

Zurückgelassen haben die Leute in seinem Auto aber schon viel: Sie vergaßen ein Samsung S4, ein iPhone 6, einen Laptop, Damenschuhe, ihren Wohnort. „Fahren Sie mich bitte nach Hause“, hat ein Mann einmal gesagt. „Wo wohnen Sie denn?“, hat Efe zurückgefragt. „In Kassel.“ „Wir sind in Kassel. Wo genau?“ Doch der Fahrtgast wusste nur noch, mit wem er verheiratet war. Und so erhielt seine Ehefrau in der Nacht einen Anruf von unbekannter Nummer. „Guten Abend, hier ist Minicarfahrer Efe. Neben mir sitzt Ihr Mann und er weiß nicht mehr, wo er wohnt.“ Bekir Efe grinst, als er das erzählt, und unter seinem Vollbart zeichnen sich tiefe Lachfalten ab.

An der Ampel

Efe hat auch viele nette Kunden. Kunden, die 30 Euro Trinkgeld geben, weil Efe ihnen ihr Handy zurückbringt, die ihm Kaffee ausgeben, wenn er kurz auf sie warten muss, die ihm 50 statt 14 Euro für die Fahrt nach Vellmar bezahlen, weil sie ihn so nett finden. Viel schlimmer als Menschen findet Efe Ampeln. „Davon gibt es in Kassel viel zu viele“, sagt er und vor ihm springt eine auf Rot. Er seufzt, geht vom Gas und tritt vorsichtig auf die Bremse.

Zur Person

Bekir Efe

Bekir Efe ist 45 Jahre alt, wohnt in Kassel und ist hier seit drei Jahren Minicar-Fahrer. Er fährt ausschließlich Nachtschichten. Davor hat er 15 Jahre lang in Korbach gearbeitet. Geboren ist Efe in Aydin in der Türkei.

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