Ärzte setzten Maßstäbe

Odyssee einer Heilstätte: Von der Krüppelanstalt zur Orthopädischen Klinik

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Anlegen eines Gipskorsetts: Vor allem junge Patienten mit einer Wirbelsäulenverkrümmung wurden einst auf diese Weise behandelt.

Einst wurde sie gegründet, um vornehmlich Kriegsverletzte zu versorgen. In 100 Jahren entwickelte sich die Vitos Orthopädische Klinik Kassel zu einer der größten Fachkliniken für die Behandlung des Haltungs- und Bewegungsapparats.

Den einstigen Namen „Krüppel-, Heil- und Lehranstalt“ hat die Vitos Orthopädische Klinik längst abgelegt. Hier liegen jedoch ihre Wurzeln. Genauer gesagt in Bettenhausen, wo 1917 die Heilstätte Lindenberg errichtet wurde. Das ist das Gründungsjahr der Orthopädischen Klinik, die erst 1965 ihre endgültige Heimat in Wilhelmshöhe am Rande des Bergparks fand.

In den ersten Jahren kümmerten sich Ärzte und Schwestern vor allem um die Verletzten des Ersten Weltkriegs. 950.000 Reichsmark kostete der Neubau in Bettenhausen, der 1921 seiner eigentlichen Bestimmung als „Orthopädisches Krankenhaus für allgemeine Krüppelfürsorge“ übergeben wurde. Schwerpunkt war die Behandlung von Kindern, die unter angeborenen Fehlbildungen, vor allem aber auch an Verformungen durch Rachitis aufgrund von Mangelernährung und fehlendem Sonnenlicht litten. Hier sollten auch die „Freiluftstationen“ zur Heilung beitragen.

Neubau in Wilhelmshöhe: 1965 wurde die Orthopädische Klinik bezogen. Im Hintergrund ist die Baunsbergstraße zu sehen. Seit 2009 ist die Klinik eine Tochtergesellschaft der Vitos GmbH, deren Alleingesellschafter der Landeswohlfahrtsverband Hessen ist.

Sanitätsrat und Landeskrüppelarzt Dr. Adolf Alsberg machte sich damals dafür stark, Menschen mit Behinderung gezielt zu behandeln und zu fördern, damit sie die Chance erhalten, „ganz normal am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen“.

1933 wurde Alsberg jedoch wegen seines jüdischen Glaubens zum Rücktritt gezwungen. Und die Nationalsozialisten, die kranke und behinderte Menschen ausgrenzten und deren Zwangssterilisationen und sogar Tötungen anordneten, schlossen 1934 die Heilstätte am Lindenberg. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde nach vergeblicher Suche nach einem geeigneten Gebäude im zerbombten Kassel eine Orthopädische Klinik mit 65 Betten im Bathildisheim in Arolsen (Kreis Waldeck-Frankenberg) eingerichtet. Vier Jahre später fand sich schließlich ein Gebäude in der weitgehend zerstörten Wittichkaserne in Kassel-Wilhelmshöhe. 600.000 D-Mark wurden damals investiert, um eine 140-Betten-Einrichtung und nach dem damaligen Stand Vorzeige-Klinik zu schaffen.

Röntgengerät mit fluoreszierendem Schirm: Prof. Dr. Heinrich Breitenfelder, der die Klinik von 1952 bis 1970 leitete, bei der Untersuchung eines Patienten.

Ihre endgültige Heimat fand die Orthopädische Klinik jedoch erst 1965, nachdem die Bundesregierung das Kasernengebäude für die Stationierung einer Bundesgrenzschutzeinheit zurückgefordert hatte.

Die Stadt Kassel stellte ein Gelände in der Nähe des Bergparks zur Verfügung, das den künftigen Patienten viel Grün und frische Luft bieten sollte. In zweijähriger Bauzeit entstand eine moderne Klinik mit 204 Betten, die 20 Millionen Mark kostete.

Kissenhörer mit Radioempfang

Nach dem neuesten Stand der Technik wurden nicht nur die Operationssäle und die Röntgenabteilung ausgestattet. Fürs Wohlbefinden der Patienten wurden sogar Kissenhörer angeschafft, über die zwei Radioprogramme empfangen werden konnten.

Heute verfügt das Lehrkrankenhaus der Philipps-Universität Marburg, das im Laufe der Jahrzehnte mehrfach modernisiert, umgebaut und erweitert wurde, über 140 Betten und Spezialzentren beispielsweise für Schmerztherapie, Rheuma-Erkrankungen, Kinderorthopädie, Wirbelsäulenorthopädie und Traumatologie. Im vergangenen Jahr wurden hier 5500 stationäre und 15.000 ambulante Patienten behandelt.

Kinder in der Orthopädie: Die Therapie von Kindern war nach der Behandlung von Kriegsverletzten der Schwerpunkt der vor 100 Jahren gegründeten Orthopädischen Klinik. Damals litten viele Kinder unter Fehlbildungen und Fehlstellungen sowie Folgeschäden der Kinderlähmung und der Knochentuberkulose. Sie wurden zunächst in der Heilstätte Lindenberg in Bettenhausen (hier eine Mädchenstation um 1921) mitunter über Monate oder sogar Jahre behandelt. Erst 1965 zog die Fachklinik nach Wilhelmshöhe um.

Wussten Sie schon....?

  • ... dass der damalige Klinikdirektor Dr. Wolfgang Krause Anfang der 70er-Jahre eine Kniegelenkbandage der Firma Bauerfeind mit entwickelte, die einen neuen Maßstab für orthopädische Bandagen setzte?
  • ... dass Dr. Matthias Buch 1989 in Zusammenarbeit mit der Firma Dornier ein Stoßwellengerät entwickelte, das heute in der Orthopädie vielfach beispielsweise zur Behandlung von Fersensporn und schlecht heilenden Knochenbrüchen angewendet wird?
  • ... dass der heutige Klinikleiter Prof. Dr. Werner Siebert 1995 erstmalig in Europa in Kassel eine Kniescheibe transplantierte?
  • ... dass die Orthopädische Klinik Kassel als erste Klinik in Deutschland ein eigenes Endoprothesenregister aufbaute, um die Qualität der implantierten künstlichen Knie- und Hüftprothesen überprüfen zu können?
  • ... dass im Jahr 1965 die jährlich 1615 Patienten im Schnitt über einen Monat in der Klinik blieben? Heute beträgt die durchschnittliche Verweildauer nur noch sieben Tage. Dafür ist die Zahl der Operationen von 578 im Jahr 1965 auf inzwischen rund 4000 Eingriffe gestiegen. 

Fotoausstellung

An die Geschichte der Orthopädischen Klinik Kassel erinnert eine Fotoausstellung, die ab dem 17. Mai in der Klinik, Wilhelmshöher Allee 345, zu besichtigen ist. Ein Tag der offenen Tür ist am 24. Juni geplant.

Licht und Luft zum Wohle der Kranken: Die Veranda der Heilstätte Lindenberg (1917 bis 1934) wurde intensiv zur besseren Genesung der Patienten genutzt. 

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