„Autos wurden immer bevorzugt“

Radunfälle in Stadt und Landkreis steigen: Woran das liegt und wie sie vermieden werden können

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Sicher von A nach B kommen: Uwe Niede, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Vellmar, hier an der Holländischen Straße in Vellmar. Hinter ihm ist ein Gehweg zu sehen, den Radfahrer ebenfalls benutzen dürfen.

Es gibt immer mehr Radunfälle, vor allem in der Stadt Kassel. Auch im Landkreis steigenden die Zahlen leicht an. Was sind die Gründe? Was kann man dagegen tun?

Die Zahl der Radunfälle in der Stadt Kassel steigt. Das teilte Polizeisprecher Matthias Mänz auf HNA-Anfrage mit. Laut Mänz waren 2014 in Kassel noch 198 Radler in Unfälle verwickelt, 2018 dagegen mit 255 rund ein Drittel mehr. „Die Zahlen fürs vergangene Jahr haben wir noch nicht, aber da dürften sie ähnlich hoch sein“, sagte Mänz. 

Auch im Landkreis Kassel seien immer mehr Radfahrer in Kollisionen verwickelt: „Hier ist der Anstieg zwar nicht so deutlich, aber für uns spürbar, von 57 im Jahr 2015 auf 60 im Jahr 2018.“ 

Einer der Hauptgründe sei die wachsende Beliebtheit des Fahrrads: „Immer mehr Menschen nutzen das Rad, um ihre Wege zurückzulegen“, sagt Mänz. Damit nehmen die Unfallzahlen zwangsläufig zu. „Durch die beiden warmen Sommer hintereinander sind natürlich noch mehr Menschen aufs Rad gestiegen.“ Auch das führe zu höheren Fallzahlen. 

Oliver Reidegeld vom ADAC Hessen-Thüringen stimmt Mänz zu: „Mehr Menschen auf Rädern führt auch zu mehr Radunfällen.“ An den meisten Unfällen seien die Autofahrer schuld, fügt Reidegeld hinzu. 

Auch das Alter spiele eine Rolle: „Vor allem ältere Menschen sind wegen ihrer nachlassenden Konstitution gefährdet.“ Das treffe bei Rädern ohne, aber zunehmend bei solchen mit E-Antrieb zu. Denn E-Bikes erfreuten sich nach wie vor immer größerer Beliebtheit. Das Problem: „Höhere Geschwindigkeiten, anderes Fahrverhalten und mangelnde Übung sind hier die Unfallursache“, erläutert Reidegeld. 

Das bestätigt auch Lennart König vom ADFC Kassel Stadt und Land: Senioren stiegen teils auf die E-Räder, ohne sich vorher damit vertraut gemacht zu haben. „Manchen Fahrern fehlt es an Training, aber auch an Erfahrung – mit den entsprechenden Folgen.“ 

Nach Auskunft der Polizei spiegelt sich der Trend bei den Elektrorädern auch in der Unfallstatistik wider: Während die Beamten 2017 in Kassel noch 9 Fälle verzeichneten, waren es im Folgejahr schon 33. Im Landkreis stieg die Fallzahl von 9 auf 10. Insgesamt machten die Unfälle mit E-Bikes aber bislang nur einen kleinen Teil der Kollisionen aus.

Wie Radunfälle vermieden werden können

Die Zahl der Radunfälle steigt, vor allem in der Stadt Kassel. Doch auch im Landkreis verzeichnet die Polizei zumindest einen leichten Trend nach oben. Das liege aber nicht nur daran, dass mehr Menschen aufs Rad steigen oder Radler teils älter und mit E-Rädern unterwegs sind – es sind auch die örtlichen Gegebenheiten, die die Verkehrsteilnehmer herausfordern.

„Der Autoverkehr wurde seit der Nachkriegszeit in den Planungen immer bevorzugt“, sagt Uwe Niede, Radverkehrsbeauftragter der Stadt Vellmar. So werde den Autos rund 90 Prozent der Fläche auf den Straßen zugestanden, der Rest bleibe für Radfahrer und Fußgänger übrig. Das sei nicht nur in Vellmar oder in der Region, sondern in ganz Deutschland der Fall.

Das stelle Kommunen wie Vellmar vor große Herausforderungen: „Mancherorts ist es schwer, Radfahrern und auch Fußgängern mehr Platz einzuräumen, weil alles baulich gewachsen ist.“ In Vellmar treffe das auf die Holländische Straße, aber auch die Heckershäuser, Hamburger sowie Kasseler Straße zu. „Weil die Sicherheit der Radfahrer durch die Autodominanz auf diesen Straßen gefährdet ist, dürfen hier Radfahrer auf Gehwege ausweichen, wenn sie sich auf der Straße nicht sicher fühlen.“

Außerdem könnten Radfahrer durch die Ahneaue fahren, betont Bürgermeister Manfred Ludewig (SPD), wenn sie die genannten Hauptverkehrsadern meiden wollen. Kommt dann noch die Raddirektverbindung durch Vellmar und nach Kassel, könnten Radler noch sicherer unterwegs sein.

Diese Richtung wünscht sich auch Lennart König vom ADFC Kassel Stadt und Land: Ihm zufolge sind mehr bauliche Veränderungen für die Radfahrer in Kreis und Stadt Kassel nötig. „Wir müssen Radwege räumlich von Straßen und Bürgersteigen trennen.“ Sofern Radwege nur an Straßen entlang verlaufen könnten, müssten sie deutlicher markiert sein. „Das lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen“, weiß der ADFC-Mann. Trotzdem bestehe hier Nachholbedarf.

Eine weitere Stellschraube für die Sicherheit seien Busse und Lastwagen. Durch ausgefeilte Technik an und in den Fahrzeugen hätten die Fahrer einen besseren Überblick beim Abbiegen nach rechts, sagt Stefan Arend. Der Kreis-Radverkehrsbeauftragte betont, dass diese Technik auch dann helfen könne, wenn eine Straße gerade radfreundlich umgebaut wurde. „Manchmal brauchen Verkehrsteilnehmer Zeit, um sich an Umbauten zu gewöhnen.“

Ob nun Straßenveränderungen oder Umbauten an Bussen und Lkw: All das dauert. Deswegen müsse sich auch in den Köpfen der Menschen etwas ändern, sagt Hönig vom ADFC. „Autofahrer können vorsichtiger fahren, Fußgänger weniger aufs Handy schauen und Radfahrer sollten mehr mit Licht und im Zweifel auch mit Warnweste unterwegs sein.“

Bei alledem dürften die Kinder nicht außer acht gelassen werden, findet der ADFC-Vertreter. „Ich beobachte, dass Eltern mit ihren Kindern Schulwege abfahren und auf die Verkehrsregeln achten.“ Sein großer Wunsch: „Dass eine Generation ranwächst, die sich sicher mit dem Rad bewegt.“

Verkehrserziehung

Damit Schulkinder auf die Herausforderungen im Straßenverkehr vorbereitet werden, bietet die Polizei auf Anfrage Fußgängererziehung schon in Kindertagesstätten an. „In den Grundschulen sind die Kollegen dann gleich ab der ersten Klasse aktiv“, teilt Polizeisprecher Matthias Mänz auf Anfrage mit. Ziel sei es, jedes Vor- und Grundschulkind so zu schulen, dass es Bescheid weiß und einen Fußgängerpass bekommt. 

Meist folge ab der vierten Klasse die Radfahrausbildung. „Auch die findet, wie die Fußgängerausbildung, flächendeckend in Stadt und Landkreis statt“, sagt der Polizeisprecher. Wenn die Schüler ihre fünf Übungsfahrten machen, werden sie von den Polizisten angeleitet. Drei Fahrten finden im Straßenverkehr statt, zwei auf dem Sensenstein. Am Ende gibt es einen Fahrradpass. 9- bis 13-Jährige können auch in den Ferien im Jugendverkehrsschulgarten üben.

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