Ingrid Schiemann ist seit 40 Jahren im Sicherheitsdienst 

Sie war die erste Security-Frau der Stadt: Schiemann über Volksmusikfans und Chris de Burgh

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Seit 40 Jahren arbeitet Ingrid Schiemann (rechts) im Security-Bereich. Sie hat 16-Jährige aus Dorfkirmessen gezogen, Heavy-Metal-Fans ihre Nietengürtel abgenommen und den Chefs von Rocker-Gruppen Autogramme besorgt.

Ingrid Schiemann hat schon Chris de Burgh beim Pommes-Essen beschützt: Die erste Security-Frau Kassels erzählt, warum sie von Anfang an Frauen in der Branche einstellte – und wieso Fans der Volksmusik schlimmer sind als die von Heavy Metal.

In den 70er-Jahren gab es in Kassel keine Polizistinnen, keine Soldatinnen, keine Türsteherinnen. Aber es gab Ingrid Schiemann: geschickt im Umgang mit der Waffe, 1,85 Meter groß. „Wo ich stehe, steht kein anderer“, sagt sie mit ihrer dunklen Stimme. Das war vor 40 Jahren so, als sie beschloss, in die Sicherheitsbranche einzusteigen – als erste Frau der Stadt. Und so ist es bis heute geblieben. 

Schiemann ist heute 69 Jahre alt. Noch immer groß, noch immer selbstbewusst, manchmal steht sie noch heute an Türen, um für die Sicherheit von Veranstaltungen zu sorgen. Sie führt noch immer die Sicherheitdsdienst Schiemann GmbH, die sie damals mit ihrem mittlerweile verstorbenen Ehemann Harri gegründet hat. 

„Die Aufgabe macht einfach unglaublich viel Spaß“, sagt sie. Kasernen und Industrieunternehmen hat sie bereits bewacht, genauso wie Konzerte von Howard Capendale oder den Ärzten. Sie hat 16-Jährige aus Dorfkirmessen gezogen, Heavy-Metal-Fans ihre Nietengürtel abgenommen und den Chefs von Rocker-Gruppen Autogramme besorgt. In all den Jahren musste sie nie handgreiflich werden, ihre Waffen hat sie nicht benutzt. Für ihre Einsätze schwört Schiemann auf das weibliche Geschlecht. 

Warum Frauen in die Sicherheitsbranche gehören

„Ich hab von Anfang an Frauen eingesetzt“, erzählt sie. Der Grund: Frauen seien deeskalierend. Sie könnten Konflikte schnell lösen und treten seltener aggressiv auf. Dieser Ansatz ist heute keine Seltenheit mehr: In Deutschland sind laut Arbeitsagentur 24 Prozent der Mitarbeiter von Sicherheitsdiensten weiblich, in Kassel sind es sogar 28 Prozent. In den 70er-Jahren gab es in der Stadt allerdings noch niemanden, der Frauen in der Security einstellte. Niemanden, bis auf Schiemann. 

Auch im Jahr 1987 setzte Ingrid Schiemann (ganz rechts) ein Team aus Frauen und Männern ein.

Diese Ausnahme gefiel nicht allen. Fritz Rau etwa, der mittlerweile verstorbene Tourneeveranstalter von Größen wie Michael Jackson oder Bob Dylan, war geschockt. „Was ist das denn?“, fragte er beim Anblick der vier Frauen, die Peter Maffays VIP-Bereich während eines Konzerts in Kassel bewachen sollten. So etwas habe er noch nicht erlebt. Doch Schiemann hielt an ihrer Idee fest: Immer wieder hätten weibliche Fans versucht, zu Maffay vorzudringen. 

„Sie glauben gar nicht, was die Frauen den Sicherheitskräften alles versprechen, um durchgelassen zu werden“, Schiemann zwinkert. „Bei meinen Mitarbeiterinnen sollten sie das mal versuchen!“ Kein einziger Fan sei an ihren Sicherheitsleuten vorbei gekommen. Davon war sogar Fritz Rau beeindruckt. „Frauen in der Sicherheitsbranche – das ist klasse, das wird Zukunft haben“, habe er hinterher zu Schiemann gesagt. Er sollte recht behalten. 

Bei 100 Konzerten im Jahr waren Teams von Schiemann im Einsatz

In ihren besten Zeiten hatte Schiemanns Firma etwa 100 Konzerteinsätze im Jahr: Sie bewachte die Stadthalle, das Musiktheater, die Eissporthalle, die Messehalle. Und immer bestand das Team aus Frauen und Männern. Wenn einer aggressiv wurde, riefen die Mitarbeiter ihre Chefin. Und die senkte die Stimme, sprach ganz ruhig. „Komm, ist gut. Wir wollen doch hier keinen Krach.“ Wenn das noch nicht reichte, fragte sie: „Darf ich dich anfassen?“ und legte ihm eine Hand auf die Schulter. Es reicht, konnte das heißen, oder auch: Das hier ist kein Streit. 

Für ein Konfliktgespräch sei es wichtig, Abstand zum Gegenüber zu wahren. Man sollte den Blickkontakt halten, ruhig auftreten – aber bestimmt. Schiemann bemüht sich stets um Deeskalation. Dabei könnte sie auch anders: Bei Schießwettbewerben der Polizei belegte sie regelmäßig einen der ersten Plätze, sie beherrscht Goshin-Do, eine Form des Karate - wenn einer sie plötzlich angreift, könnte sie ihn noch heute mit gezielten Handgriffen abwehren. Konzertbesucher, die sich von der Menge bis zur Bühne tragen lassen wollten, konnte sie früher aus der Luft fischen. Und wenn sie stolperte, rollte sie sich noch vor wenigen Jahren über die Schulter ab und stand plötzlich wieder auf beiden Beinen. „Das verlernst du nicht“, sagt sie. 

Mit ihrem Team sorgte Ingrid Schiemann (Mitte) auf etwa 100 Konzerten im Jahr für Sicherheit.

„Pass mal auf, lieber Freund“, sagte sie einmal zu einem Mann, der einfach über die Absperrung auf einen Tisch geklettert war, um in ein Konzert einzudringen. Ein beherzter Griff an den Tisch, ein strenger Blick von Schiemann und er kletterte wieder runter. Angst sei in heiklen Situationen zwar fehl am Platz, wichtig sei dennoch ein grundlegendes Gefahrenbewusstsein.

Ein solches Vorgehen sei auch aktuell auf der Friedrich-Ebert-Straße von Vorteil. Wegen wiederholter Gewaltvorfälle auf Kassels Partymeile wollen die Gastronomen hier nun Türsteher einsetzen. Mit einzelnen Kräften sei es allerdings nicht getan, gibt Schiemann zu bedenken: Wichtig sei es, mehrere gut ausgebildete Sicherheitsleute auszuwählen, die gerade in den Sommermonaten eine durchgängige Präsenz zeigten. Und das nicht nur am Eingang von Kneipen, was die Probleme einzig verdrängen würde. Es müsste stattdessen ein Konzept erarbeitet werden, in das Gastronomie, Polizei, Ordnungsamt und Sicherheitsmitarbeiter eingebunden werden.

Fans von Volksmusik sind schlimmer als die von Heavy Metal

Das überlegte Handeln hat Schiemann schon oft weitergeholfen. Um Rockergruppen im Zaum zu halten, hat sie mit deren Chefs verhandelt und Autogramme versprochen. Hooligans bekam sie mit einem ruhigen Gespräch vor dem Spiel und auch mal mit einem gemeinsamen Bier in den Griff. Schlimmer als Besucher von KSV-Spielen oder Heavy-Metal-Konzerten seien allerdings so manche Volksmusikfans gewesen. „Da gibt es einige, die Sie nicht unter Kontrolle kriegen“, sagt Schiemann und lacht. 

Während die Rock-Fans ein Verbund seien, zusammen hielten und innerhalb ihrer Gruppe einen Chef hätten, müsse man die Leute bei Volksmusikkonzerten einzeln ansprechen – und immer wieder darauf hinweisen, dass das Foto-Verbot auch für sie gelte. „Bei dem ein oder anderen hatte man das Gefühl, sie hätten mit ihrer Karte die ganze Halle gekauft.“ 

Auch beim Kasseler Sportlerball 2006 war Schiemann im Einsatz.

Am meisten Spaß habe Schiemann bei Konzerten von Deep Purple oder Motörhead gehabt. Einmal hat sie Chris de Burgh beim Pommes Essen beschützt, sie hat Rod Stewarts Hosen gewaschen, weil sein Team es vergessen hatte – „So kleine Hosen hatte ich noch nie auf der Leine“, erzählt sie – und bei einem Konzert von Santana wollte sie am liebsten den Stecker ziehen. „Er hörte bis 2 Uhr nachts nicht auf, zu spielen!“ 

Mittlerweile steht Schiemann nicht mehr am Einlass von Konzerten. Ihre Firma ist kleiner geworden, sie nimmt nicht mehr jeden Auftrag an. Nur noch bei wenigen Veranstaltungen ist Schiemann selbst im Einsatz. Manche Kunden bitten sie noch darum. „Einmal noch, du hast so eine beruhigende Wirkung“, sagen sie. Hin und wieder lässt sie sich dann breitschlagen und schlüpft noch mal in ihren Hosenanzug, positioniert sich an Eingängen, vor Türen, schaut auf Ausweise. Sie sei ja nicht alt, sie sei nur früher geboren. „Ich wollte schon längst aufhören“, sagt die 69-Jährige. „Aber so lange ich noch Spaß daran habe, mache ich weiter.“

Wie wird man Security-Frau?

Schiemann ist immer auf der Suche nach guten Mitarbeitern – auch nach Frauen. Wer Interesse an diesem Job hat, sollte kontaktfreudig sein. „Ein stilles Mäuschen geht nicht“, sagt sie. Die körperliche Größe sei hingegen nicht entscheidend. Sie selbst ist zwar groß und auch die ersten Frauen, die sie eingestellt hat – ihre Schwester etwa oder die Freundinnen ihrer Söhne – maßen über 1,75 Meter. Schiemann hatte aber auch Mitarbeiterinnen, die sich mit ihren 1,65 Meter stets durchgesetzt hätten. Sie nehme dabei die Seminarangebote ihrer Berufsgenossenschaft wahr und schicke ihre Leute zu Konfliktlösungsseminaren oder zu Kursen von Eingriffs- und Sicherungstechniken. Das allerwichtigste sei aber, keine Aggressivität in sich zu tragen. „Mit Worten kann man sehr viel erreichen“, betont sie.

Kontaktdaten des Sicherheitdsdienstes Schiemann GmbH findet ihr hier

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