Das Spielzeug soll gegen ADHS helfen

Cooler als Computerspiele: Warum alle Kinder auf den Fidget Spinner abfahren

+
Beherrscht nach zwei Wochen schon die coolsten Tricks: Der achtjährige Elias aus Kassel.

Der Fidget Spinner ist der Spielzeugtrend der Saison. Mancherorts ist der Fingerkreisel ausverkauft, einige US-Schulen haben ihn verboten. Dabei lieben selbst Lehrer den Spinner.

An der Kasseler Auefeldschule hat es nur wenige Wochen gedauert, bis der Computer bei den meisten Kindern abgemeldet war. Kurz nach den Osterferien tauchte der erste Grundschüler mit einem Fidget Spinner auf, dem Trendspielzeug der Saison. Heute gehört der Finger-Kreisel, der die Konzentration fördern soll, fast schon zur Grundausstattung wie ein Federmäppchen.

Einer von ihnen ist der achtjährige Elias, der fast jede freie Minute mit dem Spinner übt. Er lässt das Teil, das wie eine Mischung aus einem Ninja-Wurfstern und einer Ratsche für Handwerker aussieht, auf Kinn, Nase und Stirn balancieren: "Das beruhigt einen und ist viel cooler, als am Computer zu spielen, weil man ständig neue Tricks machen kann." Manche rotierende Spinner leuchten zudem im Dunkeln. 

Auch Nicole Rudolph ist verblüfft. "Dieser Trend kam aus dem Nichts", sagt die Leiterin der Auefeldschule. Zwischenzeitlich war der Spinner in manchen Geschäften ausverkauft, mittlerweile bekommt man ihn selbst am Zeitungskiosk. In seinem Heimatland USA gilt der Kreisel als "das größte Schulhof-Phänomen seit dem Jo-Jo" in den 80er-Jahren.

Dabei ist es auch schon zwei Jahrzehnte her, dass Catherine Hettinger ihn entwickelte, um ihre Tochter zu unterhalten. 2005 hatte die Tüftlerin aus Florida jedoch kein Geld, um das Patent zu verlängern. An dem weltweiten Hype um die etwa sechs Euro teuren Geräte, verdient sie heute keinen einzigen Cent. Dabei gibt es selbst Spezialausführungen, die mehr als 100 Euro kosten.

Nach diesen Spielzeugen waren wir verrückt 

Trotzdem freut sich Hettinger angeblich über den Siegeszug des Fidget Spinner. Fidget steht im Englischen für Zappeln und nervös sein. Der Hersteller wirbt damit, dass das Spielzeug zur Therapie für Kinder mit ADHS und Autismus geeignet sei. Einen wissenschaftlichen Beleg dafür gibt es aber nicht.

Dieter Herrmann von der Fridtjof-Nansen-Schule in Kassel hat festgestellt, dass der Spinner "eine beruhigende Wirkung" hat. An seiner Schule ging der Trend erst vorige Woche richtig los, heute schätzt er, dass 90 Prozent der Kinder das Spielzeug haben. Seine Kollegin Rudolph von der Auefeldschule hat dafür eine einfache Erklärung: "Mit ein bisschen Übung erzielt man wahnsinnig schnell Erfolge."

Zudem greift das Spielzeug einen generellen Trend in einer immer schneller werdenden Gesellschaft auf, in der man manchmal glaubt, selbst rastlose Rentner hätten ADHS. So gibt es für Erwachsene den Fidget Cube, einen Vinylwürfel, mit dem man "überschüssige Energie abbauen kann", wie Nico Gottschling, Geschäftsführer der Kasseler Spieleburg, sagt. In seinem Geschäft in der Innenstadt verkauft er täglich bis zu 20 Fidget Spinner - "wenn welche da sind". Einen ähnlichen Hype hat er zuletzt 2015 erlebt, als sich alle Mädchen plötzlich Loom-Bänder um den Arm knüpften.

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" lockt potenzielle Leser mittlerweile mit einem Spinner als Aboprämie. Und demnächst erscheint auch noch "Das Buch zum Mega-Trend". In den USA sind die Dinger so allgegenwärtig, dass einige Schulen sie bereits verboten haben. So weit wird es hierzulande wohl nicht kommen. Denn, so prophezeit der Spieleverkäufer Gottschling: "Nach den Sommerferien ist der Trend erfahrungsgemäß durch."

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.