"Wir wollen nicht nur ein Arbeitsplatz sein"

Trend Coworking: Die Neue Denkerei in der Kasseler Innenstadt zeigt die Arbeitswelt von morgen

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Viel Platz für Kreative: Veronica Josch und Nils Oertel beim Arbeiten in der Neuen Denkerei am Rande der Kasseler Innenstadt.

In Metropolen wie Berlin boomt das Geschäft mit mietbaren Arbeitsplätzen in Büros. Nun will auch die Neue Denkerei in Kassel Kreativen ein Zuhause auf Zeit bieten – inklusive Massage. Was ist Coworking eigentlich?

Die Neue Denkerei in Kassel könnte die Rettung für Veronica Josch sein. 2016 hat die 32-Jährige aus Rotenburg einen E-Commerce-Betrieb gegründet. Seitdem arbeitet sie von zu Hause aus. Aber manchmal hält sie es dort nicht mehr aus. Das Internet am Waldrand der Kleinstadt ist langsam. "Außerdem sehe ich hier keinen, mir fehlt die Struktur im Tagesablauf", sagt Josch. Darum will Josch bald einmal in der Woche in der Neuen Denkerei in der Friedrichsstraße am Rand der Kasseler Innenstadt arbeiten.

Julia Heimeier (links) und Madlen Freudenberg

Wo früher Redaktion und Druckerei der Hessischen Allgemeinen waren, haben Julia Heimeier (32) und Madlen Freudenberg (38) ihr Coworking-Center eröffnet. Hier können Kreative und Selbstständige ein Büro auf Zeit mieten. Auf knapp 300 Quadratmetern gibt es Platz für 30 Arbeitsplätze mit dem angeblich schnellsten Internet der Stadt und Austausch mit anderen.

Das, wonach sich Josch sehnt, ist vielleicht die Zukunft der Büroarbeit, wie Forscher prophezeien. Die Zeit der Großraumbüros mit vielen Abteilungen und klaren Hierarchien ist angeblich vorbei. In Geschäftsräumen auf Zeit finden junge Start-up-Unternehmer nicht nur günstige Büros, die es in der Neuen Denkerei bereits für 15 Euro am Tag gibt. "Wir wollen nicht nur ein Arbeitsplatz sein. Die Menschen sollen hier zusammenkommen und sich gegenseitig unterstützen", sagt Freudenberg.

In Metropolen wie New York und Berlin, wo viele digitale Nomaden leben, boomen Coworking-Center schon länger. Dort tauschen sich die Kreativen untereinander aus und machen zwischendurch Yoga. Die Neue Denkerei arbeitet mit einem Pilates-Studio zusammen. Wer will, kann sich massieren lassen.

Das alles klingt nach einer schönen neuen Arbeitswelt. Doch laut einer aktuellen Studie macht nur ein Viertel der deutschen Coworking-Büros Gewinn. Auch das Angebot des Science Parks an der Kasseler Uni, das jungen Start-ups ein Zuhause gibt, wurde mangels Nachfrage von mindestens zwanzig auf sechs Arbeitsplätze zusammengestrichen. Für Geschäftsführer Jörg Froharth liegt das jedoch daran, dass Coworking "bei uns nur so nebenher lief". Auch in der Region, wo bereits Anbieter wie die Kasseler Work Oase und ein Working-Space in Baunatal existieren, gäbe es eine Nachfrage.

Trotzdem weiß Freudenberg: "Reich wird man mit Coworking nicht." Darum setzen die Jungunternehmerinnen, die sich beim Solar-Konzern SMA kennengelernt haben, vor allem auf Veranstaltungen. Das Duo moderiert Workshops (etwa im Bereich Wissensmanagement) und wird mit Firmen kooperieren. "Es steckt so viel ungenutztes Potenzial in Unternehmen. Wir wollen dies hervorholen, indem wir das Wissen der Kollegen zusammenbringen", sagt Heimeier.

Davon könnte auch eine Einzelkämpferin wie die Rotenburgerin Josch profitieren. Bei einem ersten Probearbeitstag saß sie neben dem Produkdesigner Nils Oertel, der in seiner Abschlussarbeit eigentlich ein Gründerzentrum für Absolventen der Kunsthochschule konzipieren wollte, was aber "den Rahmen sprengte", wie er feststellen musste. Nun entwickelt er bis zur offiziellen Eröffnung im Februar die Inneneinrichtung der Neuen Denkerei. Unter anderem wird es einen Raum für die Aufnahme von Podcasts geben. Und aus dem kleinen Fahrstuhl wird ein Zweier-Arbeitsraum. Zumindest symbolisch geht es nach oben.

Nächstes Coworking in der Neuen Denkerei, Friedrichstraße 28, am 5. Februar (9 bis 18 Uhr).

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