"Berlin kann jeder, Kassel muss man wollen."

So wurde aus einer unglücklichen Frau der größte Kassel-Fan

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Hat in Nordhessen eine Ausbildung zur Cutterin gemacht: Jennifer Kutnar, deren Kassel-Hommage auf dem Filmportal Vimeo zu sehen ist.

Jennifer Kutnar war todtraurig, als sie 2013 wegen eines Jobs von Hamburg nach Kassel zog. Mittlerweile liebt sie die Nordhessenmetropole, der sie eine hübsche Film-Hommage gewidmet hat. Doch nun ist sie wieder traurig.

Am 29. September 2013 verursachte Jennifer Kutnar auf der A 7 gleich mehrere Staus. Wegen eines Jobs in Nordhessen hatte die damals 21-Jährige ihre Heimatstadt Hamburg verlassen. Auf der 330 Kilometer langen Strecke nach Kassel fuhr sie nie schneller als 80 km/h. "Eigentlich wollte ich nie ankommen", sagt sie heute.

Damals wusste die Tochter einer Brasilianerin und eines Deutschen über Kassel so gut wie nichts. Sie hatte nur die Ratschläge ihrer Freunde im Ohr, die sie gewarnt hatten, in die angeblich so hässliche Provinzstadt zu ziehen, in der nichts los sei. Als Kutnar ihren Wagen vor ihrer neuen Wohnung in der Nähe des Waschsalons am Katzensprung parkte, fragte sie sich: "Alter, was machst du hier?"

Vier Jahre später ist aus der Kassel-Verächterin der größte Fan dieser Stadt im Wandel geworden. Kutnar ist mittlerweile 25, hat ihre Ausbildung zur Cutterin bei der Filmproduktionsfirma Fastmotion abgeschlossen und als Abschlussarbeit eine siebeneinhalbminütige Hommage an Kassel gedreht. "Als (der) Herkules mich ins Becken warf" heißt der Film, mit dem sie nicht nur einfach ihre Prüfung bestehen, sondern auch zeigen wollte, "dass ich Kassel liebe. Die Stadt ist ein Stück weit mein Zuhause geworden".

Ihr Film beginnt mit den Kassel-Vorurteilen von Freunden, die an der Nordhessenmetropole immer nur vorbeifahren. Dann zeigt Kutnar, was Kassel alles zu bieten hat - den Bergpark natürlich, in dem sich Kutnars Lieblingsplatz befindet, den Vorderen Westen, wo sie gern hingezogen wäre, die Grimmwelt, die Ahle Wurst und die Schmandschnitzel beim Lohmann, dem ältesten Biergarten der Stadt. Klassenkameraden aus Norddeutschland, die den Film gesehen hatten, meldeten sich bei Kutnar und sagten plötzlich, dass sie nicht mehr an Kassel vorbeifahren, sondern sie unbedingt dort besuchen wollten.

"Als (der) Herkules mich ins Becken warf" ist also nicht nur eine Hommage an einen Ort, sondern auch eine Geschichte über Vorurteile und darüber, dass man jedem und allem eine Chance geben sollte. "Berlin, München, Köln oder Frankfurt kann jeder", meint Kutnar, "Kassel muss man wollen." Die tragikomische Pointe ihrer ungewöhnlichen Liebe ist, dass sie gern in Kassel geblieben wäre, nach ihrer Ausbildung aber keine Stelle gefunden hat. Mittlerweile arbeitet sie bei der Filmproduktionsfirma TVN in Hannover und vermisst Ahle Wurscht, Schmandschnitzel und ihre Freunde, die sie in Nordhessen kennengelernt hat. Als eine Bekannte sie zuletzt fragte, wo ihr Zuhause sei, wusste sie nicht, was sie antworten soll: Hamburg? Die Lüneburger Heide, wo sie aufgewachsen ist? Oder Kassel? Wahrscheinlich ist es von allem ein bisschen.

Auch der Schauenburger Ortsteil Elgershausen gehört dazu. Denn dort und nicht in Kassel selbst hat Kutnar den größten Teil ihrer Zeit in Nordhessen gelebt. Ihre Wohnung hat sie noch nicht aufgegeben. Sie hofft, dass ihr doch noch jemand einen Job anbietet, und sie zum Herkules zurückkehren kann. Sie würde dann auch viel schneller als 80 Sachen fahren.

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