Oberbürgermeister standen Nazis näher als bekannt

Stadt will Gewissheit über Branners NS-Zeit

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Dr. Karl Branner bei seiner ersten Rede nach der OB-Wahl.

Kassel. Die früheren Kasseler SPD-Oberbürgermeister Willi Seidel, Karl Branner und Lauritz Lauritzen standen den Nazis offenbar näher, als sie zu Lebzeiten zugaben. Dies ergaben Recherchen zweier Autorinnen um den Kasseler Historiker Dietfrid Krause-Vilmar.

Um die Rolle des Ehrenbürgers Branner in der NS-Zeit zu ergründen, will die Stadt auf Betreiben des Oberbürgermeisters Bertram Hilgen weitere Historiker beauftragen.

Die pikanteste Enthüllung ist die um den beliebten Politiker Branner: In den Beständen des Bundesarchivs finden sich in der NSDAP-Mitgliederkartei klare Belege für die Parteizugehörigkeit Branners, der von 1963 bis 1975 Oberbürgermeister war. 1933 war der gebürtige Kasseler in die NSDAP eingetreten und im NS-Rechtswahrerbund führend tätig.

Artikel im HNA-Lexikon

Karl Branner

Willi Seidel

Lauritz Lauritzen

Aber nicht nur das: In seiner 1937 verfassten Doktorarbeit an der Uni Göttingen bedient sich der damals 27-jährige Volkswirt nationalsozialistischem Gedankengut und macht bei seinen Zitaten jüdische Autoren kenntlich. Dies wurde von der Uni nicht verlangt. Branners Doktorvater war der nationalsozialistische Wirtschaftswissenschaftler Klaus Wilhelm Rath.

In den 60er-Jahren war der 1997 verstorbene Branner von einem Landtagsabgeordneten auf seine NS-Vergangenheit angesprochen worden. Damals stritt er die Vorwürfe ab.

Lauritzen, von 1954 bis 1963 Oberbürgermeister und später Bundesverkehrsminister, war von 1934 bis 1938 Mitglied der Reiter SA, der Kampforganisation der NSDAP. Auch er war im NS-Rechtswahrerbund. Seine SA-Mitgliedschaft räumte er 1973 nur auf Nachfrage ein.

Seidel, der bislang als Nazi-Gegner galt, hatte 1937 einen NSDAP-Aufnahmeantrag gestellt. In alten Briefen der NSDAP-Gauleitung wird er als „Parteigenosse“ angeschrieben. Seidel, von 1945 bis 1954 Oberbürgermeister, hatte später behauptet, sein Antrag auf Mitgliedschaft sei abgelehnt worden.

Von Bastian Ludwig

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