Von Georg Henkel gegründet

Mit Elefant: Der Stadtpark war Kassels Vergnügungstempel

Von den Kasselern bestaunt: Der Elefant Toto wurde durch die Kasseler Innenstadt geführt, um für den Auftritt des Zauberers Alois Kassner im Stadtpark zu werben. Die Aufnahme entstand in den 1930er-Jahren. Fotos: Privatarchiv Rolf Lang

Kassel. Dieses Jahr wäre Georg Henkel - einst der beliebteste Kasseler - 150 Jahre alt geworden. Der Kapellmeister führte mit dem Stadtpark in Kassel eines der größten Unterhaltungsetablissements der damaligen Zeit.

Im Krieg zerstört: Der Stadtpark an der heutigen Garde-du-Corps-Straße in der NS-Zeit. Heute steht dort das Parkhaus.

Der Stadtpark an der heutigen Garde-du-Corps-Straße war kein Park im eigentliches Sinne – es war der erste große Vergnügungstempel in Kassel, zu dem auch ein großer Garten gehörte. Nach dessen Zerstörung im Zweiten Weltkrieg wurde kein vergleichbares Etablissement mehr eröffnet.

Langjähriger Chef des Stadtparks war Georg Henkel (1865-1932), der dieses Jahr 150 Jahre alt geworden wäre. Der Mann, der in den 1920er-Jahren zum beliebtesten Kasseler gekürt wurde, führte den Stadtpark zu seinen größten Erfolgen. Dafür engagierte er berühmte Künstler wie den Zauberer Alois Kassner, der vor den Augen der Kasseler einen Elefanten verschwinden ließ.

Die Geschichte des Stadtparks begann 1876. Musikdirektor und Gastronom Martin Berghöfer eröffnete dort, wo heute das Parkhaus Garde-du-Corps-Straße steht, den ersten Saalbau. Zehn Jahre später war der größere von zwei Sälen fertiggestellt. Sie wurden ab 1912 auch als Kino genutzt.

Der große Saal: Dies war die größte Spielstätte im Stadtpark. Sie wurde für viele Shows passend dekoriert.

1918 übernahm Henkel die Geschäfte und brachte den mittlerweile heruntergewirtschafteten Betrieb auf Vordermann. Zum Vergnügungstempel gehörten nicht nur der große und kleine Saal, sondern auch ein Gesellschaftshaus, ein Restaurant und ein großes Gartenlokal mit Freilichtbühne.

Im Gartenlokal veranstaltete Henkel nicht nur Konzerte und Operetten, sondern auch das erste deutsche Freiluftkino. In den Sälen fanden Masken- und Kostümbälle statt, aber auch Alpenfeste. Für jeden Anlass ließ Henkel seine Säle aufwendig dekorieren. Er holte zudem viele Stars nach Kassel: Angefangen von dem damals sehr bekannten Clown Grock, den Comedian Harmonists, Willy Millowitsch oder auch den Zauberer Kassner. Um für dessen Show zu werben, wurde der Elefant Toto durch die Innenstadt geführt.

Beliebt waren auch die Schaukämpfe von Ringern, die im Stadtpark ausgetragen wurden. Ein Auszug aus einem alten Artikel unserer Zeitung gibt einen Eindruck, an was die Menschen sich damals erfreuten: „Es gab Pfiffe und donnernden Applaus, wenn der Neger Sigi einen Athleten aus Polen am Vollbart zerrte.“

Henkel setzte sein Showtalent auch auf einer Tournee durch Südamerika ein. Anfang der 1920er-Jahre war er dort mit seiner „Original-Schwälmer-Kapelle“, die er in Schwälmer Trachten steckte, zunächst mit dem Circus Sarrasani und später auf eigene Faust unterwegs. Nach Georg Henkels Tod übernahmen die Söhne Wilhelm und Herbert den Stadtpark.

Mit der Geselligkeit war am 25. August 1939 Schluss. Der Direktor des Stadtparks brach am Abend eine Feier von Schülern ab und bewilligte einen letzten Tanz. Er sprach vom „Ernst der Stunde“. Hitler hatte den Angriff auf Polen befohlen. In der Bombennacht am 22. Oktober 1943 wurde der Stadtpark völlig zerstört.

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