Stadt äußert sich

Ärger um Neubauten im Vorderen Westen: "Bauherren haben viel Freiheit"

Gefallen nicht jedem Anwohner: Neubauprojekte im Vorderen Westen der jüngsten Zeit. Links oben Neubauten an der Gemaniastraße, darunter die Samuel-Beckett-Anlage und rechts der noch nicht fertiggestellte Wohnkomplex an der Reginastraße. Fotos: Koch

Kassel. Das Stadtbild hat sich durch zahlreiche Neubauten in den vergangenen Jahren verändert. Gut sichtbar ist das im beliebten Wohnviertel Vorderer Westen. Nicht jeder Neubau stieß auf Zustimmung der Anwohner. Darüber sprachen wir mit dem Leiter des Stadtplanungsamtes, Volker Mohr.

Der oberste Stadtplaner: Volker Mohr ist Leiter des Stadtplanungsamtes. Foto: Ludwig

Architektur ist Geschmacksache. Und auch im Stadtplanungsamt der Stadt Kassel ist man nicht mit jedem Neubau zufrieden, der in den vergangenen Jahren entstanden ist. Dies räumt Volker Mohr, der seit 1. Juli das Stadtplanungsamt leitet, im HNA-Gespräch ein. „Rückblickend hätten wir uns manches anders vorgestellt“, sagt er. Als Beispiel nennt er die Vielzahl gleichförmiger Stadtvillen.

Das Problem sei, dass die Stadt nur begrenzte Einflussmöglichkeiten auf die Gestaltung von Neubauten habe. „Nach Paragraf 34 des Baugesetzbuches müssen wir ein Bauvorhaben zulassen, wenn es sich nach Art und Maß in die Umgebung einfügt“, sagt Mohr. Diese eher schwammige Formulierung im Gesetz mache es für die Stadt schwierig, ein Projekt aus ästhetischen Gründen abzulehnen.

„Wenn ein Bauherr seinen Neubau pink streichen will, können wir ihn davon nicht abhalten. Bei der Farbgestaltung haben wir kaum Einfluss.“ Dies sei anders als bei Altbauten, wo der Denkmalschutz klare Vorgaben mache. Es gebe zwar für Neubauten den Gestaltungsbeirat, dieser sei aber nur ein beratendes Gremium für den Investor.

Gleichzeitig sei die Stadt wegen der steigenden Nachfrage nach Wohnraum an einer „Nachverdichtung“ der Bebauung interessiert. Also werde versucht, einen Kompromiss zu erzielen. Auch gebe es manchmal über Umwege Einflussmöglichkeiten. Etwa dann, wenn der Bauherr öffentliche Flächen von der Stadt benötigt. Dann könne die Stadt im Gegenzug Forderungen an die Gestaltung des Neubaus stellen.

Ein höherer Anspruch an die Qualität der Architektur lasse sich durch Gestaltungssatzungen erreichen, wie jetzt eine für die Villenkolonie Mulang erarbeitet wurde. Darin werden detaillierte Vorgaben für die Bebauung gemacht.

 

„Für den Vorderen Westen wäre eine Gestaltungssatzung auch sinnvoll gewesen. Aber jetzt kämen Vorgaben zu spät“, sagt Mohr. „Die Flächen sind fast alle bebaut. Wenn die Stadt vor zehn Jahren eine solche Satzung beschlossen hätte, wären sicher einige Projekte anders geworden.“ Beispiele wollte er nicht nennen.

Eine ähnliche Satzung hatte es für den Vorderen Westen einst gegeben: Die „Satzung zur Erhaltung baulicher Anlagen“. Das nicht mehr angewendete Regelwerk sei in den 1980er-Jahren erlassen worden, um dem damaligen Leerstand und Verfall von Altbauten zu begegnen, sagt Mohr. Seinerzeit hätten Eigentümer über Abriss und Neubau nachgedacht. Eine Situation, wie sie heute kaum vorstellbar sei.

Eine weitere Möglichkeit, um Qualität beim Bau zu erreichen, seien Architektenwettbewerbe, wie es sie zuletzt etwa für das geplante Wohnviertel auf dem Areal der Jägerkasernen gegeben habe.

• Volker Mohr war zuvor bei der Stadt Hameln beschäftigt, stammt aber aus Kassel, wo er lange im Städtebau arbeitete.

Von Bastian Ludwig

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