Stadtverordneter Reuter versetzt Richter: Gericht verwirft Berufungsantrag

Frank Reuter

Kassel/Fürstenhagen. Frank Reuter wollte statt auf der Anklagebank lieber auf dem Mähdrescher sitzen. Eigentlich hätte am Dienstag vor dem Kasseler Landgericht über die Berufung verhandelt werden sollen, die der Landwirt und parteilose Stadtverordnete aus Hessisch Lichtenau gegen seine Verurteilung eingelegt hat.

Das heißt: Eigentlich hätte noch einmal ganz von vorn über die massiven Auseinandersetzungen verhandelt werden sollen, die sich der 49-Jährige mit Nachbarn seines Hofs in Fürstenhagen geliefert haben soll. Und die ihm im Mai die Verurteilung zu einer sechsmonatigen Bewährungsstrafe durch das Amtsgericht in Eschwege wegen Körperverletzung, Beleidigung und Bedrohung eingetragen hatten.

Vor dem Landgericht hätte der Fürstenhagener nun erneut versuchen können, seine stets beteuerte Unschuld zu beweisen. Doch dazu kam esnicht. Denn Reuter erschien gar nicht erst zur Verhandlung. Dem Gericht blieb damit nichts anderes übrig, als die Berufung zu verwerfen.

Rechtskräftig ist die Strafe für den streitbaren Lokalpolitiker, der Anwohner seines Gehöfts unter anderem als "Verbrecher" und "Schlampe" tituliert und einen 60-Jährigen mit der Mistgabel attackiert haben soll, damit allerdings immer noch nicht: Auch diese Entscheidung kann Reuter anzufechten versuchen. "Seien Sie auf alles gefasst", sagte Strafkammervorsitzender Erwin Carl, als er die Zeugen schließlich unvernommen nach Hause schickte.

Auch ohne Verhandlung waren bis dahin mehr als fünf Stunden vergangen. Denn Reuter hatte noch am Vorabend einen Befangenheitsantrag gegen Richter Carl eingereicht, über den zunächst entschieden werden musste. "So wie Sie mich behandeln, behandeln mich nur meine Nachbarn", klagte Reuter darin. "Und das ist nicht fair." Sogar mit einer Strafanzeige wegen Beleidigung drohte er dem Richter und warf ihm vor, er habe ausschließlich Zeugen geladen, "die von meinen Nachbarn sprichwörtlich gekauft worden sind". Was die empört zurückwiesen.

Mit den Anwohnern liegt Reuter seit Jahren im Clinch, weil ihnen die Viehhaltung auf seinem Bauernhof stinkt. Und weil sie glauben, dass er sich nicht an Regeln hält. "Er ist der König", schimpfte ein Anwohner. "Was er sagt, ist Gesetz."

Vor Gericht galt das nicht: Der Befangenheitsantrag scheiterte - genauso wie alle anderen Bemühungen, die der Angeklagte unternommen hatte, um nicht nach Kassel kommen zu müssen. Erst hatte er um Terminsverlegung gebeten: Es sei Erntezeit. Als Bauer habe er frühestens im November wieder Zeit, ließ er das Gericht wissen.

Dann versuchte er es mit einem Attest: Von seinem Hausarzt ließ er sich Verhandlungsunfähigkeit bescheinigen - seit sein Hof kurz vor Silvester 2005 abgebrannt sei, leide er unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Ermittlungen des Gerichts ergaben jedoch, dass Reuter gar nicht zum Arzt gegangen war, sondern seine Mutter geschickt hatte. Weil er selbst sich ja um die Landwirtschaft kümmern musste. Auch damit konnte er das Gericht nicht überzeugen. (jft)

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