Dr. Thorsten Ebert im Interview

Städtische-Werke-Vorstand: Umstellung auf 100 Prozent Erneuerbare Energien ist möglich

"Die Klimaziele sind erreichbar", sagt Dr. Thorsten Ebert im Gespräch über Erneuerbare Energien.

Kassel. Etwa 500 Experten diskutieren am Dienstag während des Zukunftsforums Energiewende über den Einsatz Erneuerbarer Energien. Wir haben mit dem Vorstand der Städtischen Werke Dr. Thorsten Ebert gesprochen.

Mit dabei sind Vertreter von Kommunen und Regionen, die Energie-autark sind oder es werden wollen, Energiegenossen und Wissenschaftler. Veranstalter sind unter anderem das Netzwerk Deenet, die Denkfabrik an der Uni, „House of Energy“, das Regionalmanagement und weitere Akteure. Die Komplettumstellung ist technisch möglich und bezahlbar, sagt Städtische-Werke-Vorstand Dr. Thorsten Ebert im Interview.

Herr Dr. Ebert, welchen Zweck erfüllt das Zukunftsforum? Ist es lediglich eine Plattform zum Plausch zwischen Gleichgesinnten, oder hat es einen greifbaren Nutzen für die Teilnehmer?

Ebert:Der Nutzen des Forums ist, zu sehen, wo die Energiewende steht und wohin die Reise geht. Das Besondere an dieser Veranstaltung ist, dass wir uns nicht nur den Strommarkt, sondern auch die beiden anderen, größeren Energiebereiche anschauen, nämlich den Wärme- und den Verkehrsmarkt und hier insbesondere die Elektromobilität. Und wir gehen der Frage nach, wie Kommunen, Kreise und Regionen die Wende aktiv vorantreiben und die Bürger daran beteiligen können, statt von anderen getrieben zu werden.

Gibt es am Ende Beschlüsse oder wenigstens eine gemeinsame Erklärung?

Ebert:Nein. Das Forum ist in erster Linie ein Austausch und ein Vergleich zwischen den Kommunen und Regionen und wie sie die Energiewende angepackt haben. Wir können aufzeigen, welche Rolle Netzwerke wie das Deenet und das Regionalmanagement bei der Energiewende spielen. Über allem steht die Frage, wie wir sie am besten und am Ende am wirtschaftlichsten organisieren.

Welche Rolle spielen die Städtischen Werke als großer regionaler Versorger bei der Energiewende in Nordhessen?

Ebert: Als größtes nordhessisches Stadtwerk spielen wir dabei eine wichtige Rolle. Die Energiewende ist aber ein Gemeinschaftsprojekt. Daher kooperieren wir intensiv mit den Stadtwerken der Region etwa über die Stadtwerke Union Nordhessen (SUN), aber auch mit den Kommunen und Landkreisen. Zudem arbeiten wir in unseren Windparkgesellschaften eng mit Bürgerenergiegenossenschaften und in unseren Biogasgesellschaften mit Landwirten zusammen. Dabei zeigen wir, wie die Energiewende auch für unsere Partner wirtschaftlich interessant wird.

Welchen Erneuerbaren-Anteil haben die Städtischen Werke in ihrem Energiemix?

Ebert: Den Strombedarf für alle 97 000 Haushalte in der Stadt decken wir rein rechnerisch mittlerweile mit Ökostrom aus den von uns entwickelten Windparks und aus fünf Biogasanlagen, von denen drei in der Region und je eine in Südhessen und Mecklenburg-Vorpommern stehen. Hinzu kommt unser Heizkraftwerk im Industriepark Werk Mittelfeld, das mit Altholz arbeitet und somit auch regenerativ ist. Über den Gesamtenergieverbrauch – also privat und gewerbliche Kunden – sind es mehr als 50 Prozent.

Und der Strom aus den Windparks wird nicht in überregionale Netze eingespeist, sondern tatsächlich hier verbraucht...

Ebert: Ja, das führt auch dazu, dass wir bei einem Überangebot in den überregionalen Netzen – etwa wenn es gleichzeitig viel Wind und Sonne gibt – die Anlagen nicht abregeln müssen, weil die Stadt Kassel den Strom nahezu komplett aufnehmen kann. Wichtig dabei: Wir haben die Anlagen projektiert, vorfinanziert und gebaut, aber wir halten nur noch 25 bis 30 Prozent an ihnen. Die Mehrheit haben wir über Energiegenossenschaften direkt an Bürger, an Kommunen und andere Stadtwerke in der Region abgegeben.

Im November haben Sie zumindest für ein, zwei Stunden, erstmals die gesamte elektrische Last in der Stadt mit den vier Windparks abdecken können.

Ebert:Das stimmt. Am 10. November haben die 29 Windkraftanlagen fast ihre Maximalleistung von 87 Megawatt erreicht und für zwei Stunden den seinerzeitigen Strombedarf der Stadt gedeckt. Da die Maximallast in der Stadt bei bis zu 160 Megawatt liegt, zeigt das aber auch, dass Kassel den Strom weiterer Windkraftanlagen brauchen kann.

Es gibt bundesweit mittlerweile zahlreiche Kommunen/Regionen, die sich – zumindest bilanziell – komplett selbst versorgen beziehungsweise mehr Energie produzieren, als sie benötigen. Ist das auch in einer Stadt wie Kassel mit ihrer dichten Bebauung und ihrem hohen Energieverbrauch möglich?

Ebert: Ja. Das geht aber nur, wenn wir mit den anderen Versorgern in der Region eng zusammenarbeiten. In Kassel haben wir die Kompetenz, solche Projekte zu entwickeln, und in der Region gibt es die dafür geeigneten Flächen.

Sind die ehrgeizigen Klimaziele, die eine Reduzierung von 40 Prozent der Kohlendioxid (Co2)-Emissionen bis 2030 und bis zu 95 Prozent bis 2050 vorsehen, erreichbar?

Ebert:Ja, die sind erreichbar. Es gibt eine Studie, wonach Nordhessen seinen Strombedarf zu 160 und seinen Wärmebedarf unter Einbeziehung aller Sparpotenziale – also Dämmung und neue Heizungen – zu 120 Prozent decken kann.

Auch zu bezahlbaren Preisen?

Ebert: Auch das, wenn man die Energieproduktionskosten der aktuell gebauten Erneuerbaren mit denen neuer konventioneller Kraftwerke vergleicht, die ja irgendwann gebaut werden müssten, wenn man ohne den Erneuerbaren-Ausbau weitermachen würde. Die Kosten für Ökostrom aus Neuanlagen sind schon jetzt niedriger als die von neuen konventionellen Kraftwerken. Und die Kosten für regenerative Energiegewinnungsanlagen sinken weiter.

Städtische-Werke-Vorstand Dr. Thorsten Ebert

Dr. Thorsten Ebert wurde in Ahnatal-Weimar geboren, wuchs dort auf und machte an der Goetheschule in Kassel Abitur. Danach studierte der heute 52-Jährige Wirtschaftswissenschaften an der Uni Kassel. 1996 kam er zur Kasseler Verkehrs- und Versorgungs- GmbH (KVV), Muttergesellschaft der Kasseler Verkehrs-Gesellschaft (KVG) und der Städtischen Werke. 2009 wurde er in den Vorstand der KVG berufen, seit 2010 ist er Vorstandsmitglied der Stadtwerke. Ebert ist ehrenamtlich Vorstandsvorsitzender des Deenet, des Erneuerbare-Energien-Netzwerks unter dem Dach des Regionalmanagements Nordhessen, sowie Präsidiumsmitglied im House of Energy (HoE). Dr. Ebert ist verheiratet.

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