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Freundschaft ist stärker als der Krieg: Sie kamen aus Charkiw und Moskau nach Kassel

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Von: Anna Weyh

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Machen ihre Ausbildung bei der GNH in Kassel: Egor Denisov aus Moskau und Sascha Lazarenko aus Charkiw vor dem Klinikum.
Machen ihre Ausbildung bei der GNH in Kassel: Egor Denisov aus Moskau und Sascha Lazarenko aus Charkiw vor dem Klinikum. © anna weyh

Egor Denisov und Sascha Lazarenko sind erst seit ein paar Monaten in Kassel zu Hause. Wegen des Krieges kamen sie aus Charkiw und Moskau nach Nordhessen und arbeiten nun im Klinikum.

Kassel – Die nordhessische documenta-Stadt Kassel ist noch nicht lang das Zuhause von Egor Denisov und Sascha Lazarenko. Erst vor ein paar Monaten haben die beiden Freunde ihre Heimatländer verlassen. Der Grund ist derselbe, und doch sind die Auswirkungen auf ihre Leben ganz unterschiedlich. Der russische Angriffskrieg auf die Ukraine hat Sascha Lazarenko aus Charkiw vertrieben und Egor Denisov Moskau den Rücken kehren lassen. Nun machen sie gemeinsam eine Ausbildung zum Anästhesietechnischen Assistenten am Klinikum in Kassel.

Zuerst kam Egor Denisov zur Gesundheit Nordhessen (GNH). Von dem Unternehmen erfahren hatte der 20-Jährige über das Ausbildungsportal der GNH im Internet. Deutsch zu sprechen strengte ihn damals noch an, mittlerweile spricht er es nahezu fließend.

Bei seinem Bewerbungsgespräch per Videotelefonie überzeugte er die Vertreter der GNH dennoch. Die Zusage hatte er bereits Anfang des Jahres sicher, eigentlich stand alles schon fest. „Aber dann kam der Krieg dazwischen“, sagt Denisov.

Weg aus seinem Heimatland und sich eine bessere Zukunft ermöglichen, wollte er schon vor dem Angriff auf die Ukraine. „Das Zahnmedizin-Studium in Russland bringt mich nicht weiter“, sagt er. Doch seit Beginn des Krieges war ihm klar: „Ich muss das Land unbedingt so schnell wie möglich verlassen.“ Seine Familie lebt noch in Moskau. „Sie haben nicht gedacht, dass ich es wirklich schaffe, aus Russland rauszukommen“, sagt Denisov.

Die Ausreise habe vor allem auch durch die Mithilfe der GNH so schnell funktioniert, sagt er. Der Hinflug war aufwendig. Er musste viel Geld zahlen und mehrfach umsteigen. Endlich in Deutschland angekommen, wurde das erste Klischee für Denisov direkt entkräftet. „Ich habe gehört, dass alles in Deutschland sehr pünktlich ist. Mein erster Zug kam aber zwei Stunden zu spät“, sagt er und lacht. „Mit der Deutschen Bahn fahren, ist schwer.“

So langsam gewöhnt sich Egor Denisov an die Region. Bei der GNH fühle er sich wohl. „Die Leute hier sind nett und die Stadt hat viele Vorteile“, sagt der 20-Jährige. Über die Sozialen Medien hat er Sascha Lazarenko kennengelernt, die seit sieben Monaten in Malsfeld im Schwalm-Eder-Kreis bei ihrer Mutter und deren Partner lebt. Denisov und Lazarenko haben sich auf Anhieb gut verstanden. „Ich habe ihr vorgeschlagen, sich auch bei der GNH zu

bewerben“, sagt Egor Denisov – und das mit Erfolg. Denn seit dem 1. Oktober ist die 18-Jährige nun auch Teil des Ausbildungskurses zur Anästhesietechnischen Assistentin. Sascha Lazarenko stammt aus Mariupol und hat bis zum Frühjahr in Charkiw gelebt und dort Medizin studiert.

Dann fielen die ersten Bomben. „Es gab eine große Panik, niemand kam weg aus der Stadt. Alle Plätze in den Zügen waren belegt“, sagt sie. Irgendwann konnte sie in ein kleines Dorf etwa 70 Kilometer westlich von Mariupol fliehen. Dort verbrachte sie drei Wochen mit ihrer Schwester und ihrem Schwager. „Es gab viele Panzer. Aber dort ist uns nichts Schlimmes passiert. Wir hatten nur manchmal keinen Strom“, sagt Lazarenko.

Zuerst wollte niemand von ihnen die Ukraine verlassen. „Wir dachten alle, der Krieg ist schnell wieder vorbei.“ Als Sascha Lazarenko klar wurde, dass sie sich irrt, entschied sie, allein zu ihrer Mutter nach Deutschland zu reisen. Denn ihre Schwester und weitere Verwandten hielten noch immer an der Heimat fest. Über die Republik Moldau flüchtete die damals 17-Jährige in einem Bus. An der ukrainischen Grenze traf sie noch einmal ihren Vater, er durfte nicht ausreisen. „Ich hatte das Gefühl, dass ich weiterfahren muss“, sagt Lazarenko.

Insgesamt war sie 30 Stunden lang unterwegs, bis sie ihr Ziel erreichte. Ihre Mutter nahm sie bei sich im Schwalm-Eder-Kreis auf. Mit ihrem Stiefvater übte Lazarenko die deutsche Sprache, die sie bis dahin kaum beherrschte.

Über ihren Job in Kassel freut sich die 18-Jährige. „Ich bin ein Stadtkind. Es war schwer für mich auf dem Dorf“, sagt sie. „Hier in Kassel gibt es so viele Möglichkeiten. Ich habe noch nie so ein großes Krankenhaus gesehen“, schwärmt Lazarenko. „Ich bin so dankbar, dass ich Egor getroffen habe.“

Den Freunden fehlt ihre Heimat. Egor Denisov vermisst seine Freunde und seine Familie. Auch von Sascha Lazarenko sind nicht alle Angehörigen nach Deutschland gekommen. Ob der Krieg zwischen Sascha Lazarenko und Egor Denisov eine Rolle spielt? „Nein“, sind sich beide einig. Sie sprechen darüber kaum.

Denisov habe zwar eine klare Meinung zu dem Thema, aber verbreiten dürfe er diese nicht einfach. „Denn ich möchte auch wieder zurück nach Russland kommen können, um meine Familie zu besuchen“, sagt er.

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