Frau berichtet von ihrem Leid

Wie eine Kasselerin zum Stalking-Opfer wurde

Kassel. Sie rufen ungezählte Male am Tag an, schreiben SMS und warten stundenlang vor der Haustür. 61 Anzeigen wurden im Jahr 2012 wegen Stalking bei der Polizei Kassel erstattet. Wir haben mit einem Opfer gesprochen.

Es war nur eine kurze Zeit, die die junge Frau aus Kassel mit dem Mann zusammen war. Dem Mann, der sich zu ihrem Stalker entwickeln sollte. „Er konnte ein Nein nicht akzeptieren“, sagt die Frau, die nach drei Monaten die Beziehung beendete. Doch das Aus nahm er nicht hin. Stattdessen schrieb er ihr täglich einen Brief, viele SMS und wartete vor ihrer Haustür.

Bei einem Umzug eines Freundes hatten sich die beiden im Dezember 2012 kennengelernt. Es folgten erste Treffen. Er legte beim ersten Spaziergang den Arm um sie, versuchte sie zu küssen. Sie empfand das als aufdringlich. „Schau mir doch in die Augen“, soll er gesagt haben. „Ich habe gesagt, ich möchte das nicht sofort“, sagt sie. Vielleicht wollte man in der Anfangsphase nicht gleich wahrhaben, dass etwas nicht stimmt, sagt sie in der Rückschau.

Die beiden trafen sich häufiger und wurden ein Paar. „Er hat schon vom Zusammenziehen gesprochen, aber mir ging das zu schnell“, sagt sie. Trotzdem schmiedeten sie Pläne. Bis eine Lüge im Zusammenhang mit einer möglichen gemeinsamen Wohnung aufflog. Sie beendete die Beziehung. „Lügen geht überhaupt nicht, schon gar nicht, wenn man erst so kurz zusammen ist.“ Doch der Mann akzeptierte das Ende der Beziehung nicht. Im Gegenteil.

Es folgten Briefe – täglich einer. Dazu zehn bis 20 SMS pro Tag. „Das kennt man ja eigentlich nur aus dem Fernsehen“, sagt sie. Eines Tages stand ihr Exfreund vor der Haustür. Er hatte gewartet, bis sie nach der Arbeit nach Hause gekommen war. Ihre Nachbarn, so sagt die Frau, meinten, der Mann habe fünf Stunden vor der Tür gewartet. „Es gibt nichts mehr zu reden“, habe sie ihm gesagt.

Hier gibt es Hilfe

In den vergangenen Jahren gab es bei den Stalkingfällen einen Rückgang, sagt Bodo Briewig, Kriminalhauptkommissar aus Kassel. In Nord- und Osthessen wurden insgesamt 194 Fälle im Jahr 2012 angezeigt. 2011 waren es noch 233 Fälle. Aktuelle Zahlen für das Jahr 2013 gebe es aber noch nicht.

Der Begriff „Stalking“ ist vom englischen Verb „to stalk“ abgeleitet, das „anpirschen / sich anschleichen“ bedeutet. Mittlerweile versteht man darunter das beabsichtigte und wiederholte Verfolgen und Belästigen eines Menschen, sodass dessen Sicherheit bedroht ist und er in seinem Leben beeinträchtigt wird.

Vor rund 20 Jahren etablierte sich der Begriff „Stalking“ in den USA. Im Frühjahr 2007 ist der Paragraf 238 StGB „Nachstellung“ in Kraft getreten. Er stellt Stalking unter Strafe und verbessert damit den Schutz der Stalking-Opfer.

Doch es änderte sich nichts. Der Mann rief weiter an und schrieb Nachrichten. Sie blockierte seine Nummer. In den Tagen darauf stand er wieder vor der Haustür. „Ich hatte Angst, abends nach Hause zu gehen“, sagt sie. Denn dabei blieb es nicht.

Der Mann kontaktierte ihre Freunde. „Er wollte wissen, wie er mich zurückgewinnen kann“, sagt sie. Schließlich versuchte er es sogar über eine Ärztin, bei der sie in Behandlung war. Sie bekam den Rat, zum Amtsgericht zu gehen. Ab da an ging es ganz schnell. Sie zeigte die Briefe und die SMS. Noch am selben Tag erließ man dort eine einstweilige Verfügung. Darin stand: Der Mann darf sie nicht kontaktieren und sich ihr auf 50 Meter nicht nähern. Eine Zuwiderhandlung könne ein Ordnungsgeld in Höhe von 250 000 Euro nach sich ziehen.

Einige ihrer Bekannten reagierten darauf mit Unverständnis: Ob sie mit der Verfügung nicht übertreibe, er wolle sie ja nur zurückgewinnen. „Das konnte ich nicht nachvollziehen“, sagt die Frau.

Noch einmal ließ ihr Exfreund sich vor der Tür blicken. „Mit der Verfügung hatte ich ja etwas in der Hand und habe die Polizei gerufen.“ Danach hörten die Belästigungen auf. Inzwischen ist die Frau umgezogen. „Jetzt fühl’ ich mich wieder sicherer.“

Von Max Holscher

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.