Die Sopranistin war sein Schwarm

Seit mehr als 70 Jahren ist Burkhard Gante Stammgast im Kasseler Staatstheater

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Der Kasseler Burkhard Gante hat seit mehr als 70 Jahren ein Abonnement fürs Staatstheater.

Burkhard Gante – ein bedingungsloser Theaternarr? „Ich kenne keinen, der dem Theater so treu und verbunden ist wie er“, sagt Bernhard Striegel, der Vorsitzende der Fördergesellschaft des Staatstheaters Kassel.

Wie der 80-jährige Burkhard Gante im Theaterfoyer so vor einem sitzt: in funktionaler Kleidung, Popeline-Blouson und hellen Hosen. Wie er spricht: unaufgeregt, in kurzen, schnörkellosen Sätzen, sich an jede Jahreszahl präzise erinnernd, denkt man kaum an eine bunte Parallelwelt in Kostüm und Maske. Und wenn Burkhard Gante dann noch verrät, dass er sein berufliches Leben lang für die Landesbausparkasse Hessen tätig war, bringt man das nur schwer zusammen mit seiner Leidenschaft für die Bühnenkunst.

Seit mehr als 70 Jahren ist Burkhard Gante Inhaber eines Theaterabonnements, und im Gespräch stellt sich schnell heraus: Er ist ein Bühnenfan. Zwar keiner, der Autogramme sammelt oder Programmhefte aufhebt, aber einer, der sich ein Leben ohne Theater nicht vorstellen kann.

Die erste Darbietung, die er als Neunjähriger sah, war die Zauberflöte. Acht Inszenierungen hat er seitdem erlebt, und tatsächlich wird das scheue Lächeln in seinem Gesicht zum umwerfenden Leuchten, als er den Namen Mozart erwähnt.

Als Kind begleitete Burkhard Gante seinen „musisch begabten“ Vater ins Theater. Der war bei Raiffeisen tätig und habe zu Hause häufig – in eine Decke gehüllt – bis Mitternacht Klavier gespielt.

Einmal im Monat gingen Vater und Sohn in das seinerzeit in die Stadthalle ausgelagerte Opern- und Schauspielhaus. Gegeben wurden Klassiker: der Freischütz, die Fledermaus, Nabucco, Hänsel und Gretel. „Von Anfang an hat mich das Musiktheater gefangen genommen.“

„Schade, dass das Theater nicht wieder aufgebaut wurde“: Das alte Preußische Staatstheater kannte Burkhard Gante nur zerstört. Es fiel der Bombennacht 1943 zum Opfer. Gante spielte mit seinen Klassenkameraden in den Ruinen.

Unvergessen seien für ihn die Vorstellungen auf der Waldbühne, unweit der heutigen Waldschule. „5000 Zuschauer saßen da auf harten Holzbänken, aber das machte uns gar nichts aus.“ Der neobarocke Bau des Preußischen Staatstheaters am Friedrichsplatz war im Krieg zerbombt worden. Weil er als Schüler die nahegelegene Knabenmittelschule (heute dock 4) besuchte, verbrachte er so manche Freistunde (verbotenerweise) in der Theaterruine. Gante ist überzeugt: „Es war ein Fehler, das Haus nach dem Krieg nicht wieder aufgebaut zu haben.“

Burkhard Gante hat ein dickes Buch mitgebracht: „Geschichte des Kasseler Theaters.“ Er kennt jede Zeile darin auswendig. Hat er jemals einem Idol Blumen in die Garderobe geschickt? Er schüttelt den Kopf. Dann lächelt er fein: „Mit zwei Kameraden schwärmte ich mal als Jugendlicher für die Koloratursopranistin Else Mühl.“

Die Geschichte des Theaters kennt Burkhard Gante auswendig: Hier zeigt er auf die Sängerin Anni von Stosch aus Kassel. 

Alle großen Dirigenten – von Sawallisch bis Karajan – hat Gante erlebt und seine eigene Bewertung angestellt: „Wilhelm Furtwängler war der Beste.“ Das Konzert mit Furtwängler sollte 1952 anlässlich „450 Jahre hessische Staatskapelle“ stattfinden, doch der berühmte Dirigent musste es aus gesundheitlichen Gründen verschieben. Anschließend habe er vom „wunderbaren philharmonischen Klangkörper“ des Kasseler Orchesters geschwärmt.

Seit er verheiratet ist, wird Gante von Ehefrau Christa begleitet. Allerdings hätten die beiden Söhne als Kinder „kein Interesse“ am Theater entwickelt, sagt er und nimmt’s gelassen: „Man kann niemanden zwingen.“ Später hat dann ein Sohn trotzdem Musik studiert.

Heute bemüht sich Burkhard Gante dennoch, vor allem junge Menschen für die Bühnenkunst zu erwärmen. Seit zehn Jahren engagiert er sich aktiv in der Fördergesellschaft und hat schon so manchen Abend damit verbracht, vor einer Vorstellung am Tisch der Theaterfreunde vergünstigte Jugendkarten an den Jugendlichen zu bringen.

Insgesamt hat Burkhard Gante in Kassel im Laufe der Jahrzehnte mehr als 1500 Inszenierungen erlebt. Über all die Jahre sei er mit der Qualität seines Staatstheaters stets zufrieden gewesen, sagt er. Nur ein einziges Mal habe er eine Aufführung vorzeitig verlassen: als beim Tanztheater auf der Bühne gebrüllt und mit Stühlen geworfen worden sei. „Vielleicht bin ich für so was dann doch zu altmodisch.“

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