Der ehemalige Radballer Hermann Hempel - ein treuer Leser seit 82 Jahren

Er stand in der Zeitung

Durch und durch Leseratte: Seit 82 Jahren beginnt Hermann Hempel (88, hier mit Frau Anneliese) den Tag mit der HNA. Als Radballer interessierte ihn vor allem der Sportteil. Neben der HNA las er deswegen auch noch Sportzeitungen (kleines Foto). Foto/Repros:  Fischer

Kassel. Als Hermann Hempel seine Zeitung holt, fällt sofort der Halter ins Auge, in den die HNA eingespannt ist. „Den habe ich mir extra gekauft.“

Der Senior liest die Zeitung so, wie er sie vor 82 Jahren im Friseursalon des Vaters kennenlernte. „Noch vor Schulbeginn war es meine Aufgabe, die Zeitungen für die Kunden in den Halter zu spannen.“ Neben der Kasseler Post, einem der beiden Vorläufer der HNA, gab es die Kurhessische Landeszeitung und zwei Sportzeitungen. Letztere interessierten den Nordshäuser mit einer Vorliebe für fast alle Sportarten besonders. „Der Sport hat bei mir immer das Wort gehabt.“ Über seinen Vater kam Hempel zum Radball. „1952 wurden mein Kollege Rudi Hofmeister und ich Deutsche Meister“, erinnert sich der 88-Jährige. „Deswegen wurde auch häufiger über mich in der HNA berichtet“, sagt Hempel und zeigt stolz einige alte Zeitungsausschnitte.

Eine Zigarette für fünf Kekse

Dem Radball verdankt der 88-Jährige auch, dass er die sechs Monate amerikanische Gefangenschaft gut überstand. Kurz bevor er im Mai 1945 im italienischen Tarent gefangen genommen wurde, begegnete er einem Konvoi deutscher Lkw. „Es hieß, der Krieg ist aus, die Fahrer flohen und ich füllte meinen Rucksack mit Konserven und Zigaretten aus den Lastwagen.“

In Gefangenschaft wurden ihm die Dosen weggenommen; die Zigaretten durfte er behalten. Die tauschte er gegen Kekse: „Als Sportler habe ich natürlich nicht geraucht.“ Zehn Bahlsen-Kekse erhielten die Gefangenen pro Tag, alle zwei bis drei Tage wurde etwas gekocht. „Für eine Zigarette erhielt ich von meinen Kameraden fünf Kekse.“

Ein Jahr zuvor retteten ihm zwei weitere glückliche Umstände womöglich das Leben: „Zunächst wurde ich wegen eines Furunkels zwischen den Beinen nicht nach Russland geschickt.“ Einige Monate später profitierte er von seiner Friseurlehre. „Ich habe dem Hauptmann die Haare frisiert und durfte auswählen, ob ich nach Russland oder Italien gehe.“ Er wählte Italien - und somit unbewusst das Leben.

Über seinen Beruf fand Hermann Hempel auch seine Anneliese, die aus Besse stammt und bei seinen Eltern eine Lehre machte. 1944 lernte er sein „besseres Mädchen“ im Heimaturlaub kennen. Das Foto der Belegschaft zeigte er allen Kameraden. „Ich habe mich immer gefreut, wenn es dann hieß: Die Anneliese ist die schönste.“ Die 85-Jährige fügt schmunzelnd hinzu: „Da zehre ich heut’ noch von.“

1947 kam Tochter Marion zur Welt und es wurde geheiratet. Das Vorrecht an der Zeitung hat Hempel all die Jahre behalten: „Im Salon habe ich den Sport und das interessante Tagesgeschehen zuerst gelesen.“ Und auch jetzt ist er es noch, der die Zeitung zuerst in die Finger kriegt. „Lesermeinungen finde ich spannend; das ist die Stimme des Volkes.“

Von Gudrun Skupio

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