Interview mit Spediteur Jung und Ver.di-Sekretär Sauer zur Logistikbranche

Starker Druck auf Preise

Spediteur aus Kassel: „Schwarze Schafe in der Branche muss man benennen“, sagt Eugen Jung. Foto: Koch

Kassel. Seit einem Monat steht die nordhessische Logistikbranche in der Kritik: In einigen Betrieben würden sittenwidrige Löhne gezahlt, Fahrer zur Überschreitung von Lenk- und Ruhezeiten gezwungen. Deutschlandweit haben Medien das Thema aufgegriffen. Wir sprachen mit Ver.di-Sekretär Manuel Sauer und Spediteur Eugen Jung über das Thema.

Wie reagiert die Branche auf die Kritik?

Eugen Jung: Natürlich gibt es bei uns Diskussionen. Es dürfen aber nicht alle Speditionen über einen Kamm geschoren werden. Es gibt Firmen, die tariflich bezahlen und unter Druck geraten: Einige haben sogar Probleme, Auszubildende zu bekommen. Unbestritten ist, dass es schwarze Schafe gibt, die man benennen muss.

Manuel Sauer: Wir bei Ver.di haben den Eindruck, dass die Herde der schwarzen Schafe sehr groß ist. Problematisch ist vor allem, dass große Speditionen dazugehören.

Wo liegen die Ursachen?

Jung: Die Speditionen stehen unter brutalem Preisdruck, der auch von Auftraggebern erzeugt wird. Es werden Fahrten für 85 Cent pro Kilometer gemacht, obwohl 1,40 Euro die absolute Untergrenze sind. Die Löhne sind Spielball dieses Drucks. Sie sind der einzige Kostenblock, bei dem Firmen miteinander konkurrieren können.

Sauer: Es gibt Firmen, die zahlen Fahrern sittenwidrige Löhne von sechs Euro pro Stunde. Zudem werden die Mitarbeiter gezwungen, Gesetze zu übertreten, also Lenk- und Ruhezeiten zu überschreiten. Bei einigen Firmen gehört dies zum Geschäftsmodell.

Warum gibt es bisher kaum Prozesse wegen sittenwidriger Löhne?

Sauer: Die Löhne einzuklagen, hört sich gut an. Wir haben jedoch die Erfahrung gemacht, dass es juristisch kaum umsetzbar ist. Daher brauchen wir einen Mindestlohn. Doch für diesen fehlen entscheidende Bemühungen des Arbeitgeberverbandes.

Was sagen die Arbeitgeber dazu?

Jung: Statt einer langen Diskussion um Mindestlöhne wäre es besser, den Tarifvertrag für allgemeinverbindlich zu erklären.

Sauer: Dafür wiederum fehlen aber die juristischen Voraussetzungen: Der Tarifvertrag müsste für mindestens 50 Prozent der Beschäftigten in der Branche gelten. Davon sind wir weit entfernt – auch weil der Arbeitgeberverband Ohne-Tarif-Mitgliedschaften (OT) anbietet.

Was bedeutet das?

Jung: Die Speditionen halten sich nicht an den Tarifvertrag, zahlen aber Beiträge, weil sie den Verband in anderen Sachen unterstützen. Gegen schwarze Schafe können wir oft nur symbolisch vorgehen. Die in der Kritik stehende Ullrich-Gruppe beispielsweise ist nur mit einem Unternehmen im Verband – das ein Fahrzeug hat.

Was muss geschehen?

Sauer: Der Arbeitgeberverband muss seine OT-Mitgliedschaften überdenken. Die Prüfung schwarzer Schafe muss verstärkt werden bis hin zum Entzug der Lizenz, wie es in Dänemark üblich ist. Hilft dies nicht, brauchen wir Mindestlöhne oder eine Allgemeinverbindlichkeitserklärung des Tarifvertrags.

Jung: Der Wettbewerb muss dort enden, wo Gesetzesverstöße beginnen. Es darf nicht sein, dass seriöse Unternehmer mit ungesetzlichen Mitteln vom Markt gedrängt werden. Vor allem den Markt der Subunternehmer muss der Gesetzgeber regulieren.

Wo liegt das Problem?

Jung: Große Speditionen haben immer weniger eigene Fahrer. Sie geben an kleinere Unternehmen Aufträge weiter, die kritisch im Bezug auf Lenk- und Ruhezeiten werden könnten. Manche Firmen brauchen nicht einmal mehr Subunternehmer: Sie haben Niederlassungen im Ausland, deren Fahrer sie günstig in Deutschland einsetzen.

Von Göran Gehlen

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