Nach dem Aus des Musiktheaters wird in der Stadt eine mittelgroße Konzertspielstätte vermisst

Stars fahren vorbei: Kassel fehlt ein Konzert-Club

So schön war es im Musiktheater: Vorigen Donnerstag wurde der Gelsenkirchener Rapper Weekend dort gefeiert. Die Pilzdeko gehört zum neuen Club 130 BPM, der ganz auf Techno statt Livemusik setzt. Foto:  Malmus

Kassel. Fans von Rock- und Pop-Konzerten stehen vor schweren Zeiten: Nach dem Aus des Musiktheaters fehlt Kassel ein mittelgroßer Live-Club, der bis zu 1000 Besucher fasst.

Ina Müller, Bap und Bushido – sie und viele weitere Stars sind im Musiktheater (MT) aufgetreten. Doch aus dem Club in Rothenditmold ist nun der Technoladen 130 BPM geworden. Rock- und Pop-Fans schauen in die Röhre. Damit verliert der Konzertstandort Kassel den einzigen mittelgroßen Club mit einer Größe von 1000 Besuchern. Die wichtigsten Fragen und Antworten:

Gibt es denn noch Konzerte im Musiktheater? 

Mehr zum Musiktheater finden Sie im Regiowiki.

Zwei Termine stehen noch aus: das Scream-Festival (7. November) sowie der Auftritt von Sasha (22. November). Danach ist Schluss – zumindest vorerst. „Konzerte sind erst einmal nicht geplant“, sagt Besitzer Joachim Batke, der den Club in der Angersbachstraße seit der Eröffnung 1986 zu dem Kasseler Rockladen gemacht hat und nun mit den Betreibern des 130 BPM ganz auf Techno-Partys statt Livemusik setzt.

Was heißt das für die Musikfans in Kassel? 

Ohne das Musiktheater und das Spot am ehemaligen Hallenbad Ost, das schon seit Jahren zu ist, gibt es in der Stadt nur noch kleine Clubs wie den Schlachthof und das Theaterstübchen, wo jeweils bis zu 200 Besucher Platz finden, sowie die Stadthalle mit einer Kapazität von 2800. Der Mittelbau fehlt komplett. „Das ist ein Armutszeugnis für die Stadt“, sagt Veranstalter Lutz Engelhardt vom Kulturzelt.

Uwe Vater hat mit seiner Agentur MM Konzerte zuletzt jährlich ein halbes Dutzend Konzerte im MT veranstaltet. Früher waren das etwa Rea Garvey und Revolverheld. Solche Acts werden in Kassel nicht mehr stattfinden, wenn sie nicht die Stadthalle füllen. „Wir sind nur noch dritte Liga. Die Stars fahren an Kassel vorbei“, sagt Vater, der zudem seit Jahren auf eine Multihalle wartet, die es mit der Göttinger Lokhalle aufnehmen könnte. Pläne des Hoteliers Herbert Aukam stecken nach wie vor in den Kinderschuhen.

Das Konzertgeschäft boomte jahrelang. Wieso herrscht in Kassel nun Flaute? 

Für Batke vom MT hat das vor allem Kostengründe: „Alles wird aufwändiger. Die Produktionskosten gehen durch die Decke.“ Darum gab es im MT zuletzt nur noch acht große Konzerte im Jahr statt 30 wie in den 90ern. Auch Ralph Raabe, der den Club A.R.M. und die Weinkirche in der Nähe des Kulturbahnhofs betreibt, holt kaum noch Bands nach Kassel: „Konzerte haben sich noch nie gerechnet und sind nur ein teures Hobby.“

Allein auf kommerzieller Basis laufen nur die wenigsten Läden, hat Kulturzelt-Organisator Engelhardt festgestellt. Er bucht auch Bands für die Darmstädter Centralstation, die gut ausgelastet ist, aber eben auch öffentlich subventioniert wird.

Geht es vielleicht doch weiter im MT? 

Batke will „im nächsten Jahr weitersehen“, wie er sagt. Christoph Stiens bereitet derweil das vierte und vorerst letzte Scream-Festival vor. Metal- und Punk-Bands wie die Emil Bulls werden am 7. November bis zu 1000 Fans ins MT locken. Der Club ist für Stiens ideal: „Er ist toll geschnitten für Konzerte, hat eine Tribüne und viel Charme.“ Ohne das MT wird es auch sein Festival nicht mehr geben.

Spielstätten

Die wichtigsten Konzertorte für Rock, Pop und Elektro mit maximaler Besucherzahl:

Goldgrube (Eisenschmiede 85): 170

K19 (Moritzstraße 19): 200

Kulturzentrum Schlachthof (Gottschalkstraße 51): 180

Stadthalle (Kongress Palais, Holger-Börner-Platz 1): 2800

Theaterstübchen (Jordanstraße 9): 190

Unten (Joseph-Beuys-Straße 7): 150

A. R. M. / Weinkirche (Werner Hilpert-Straße 22): 500

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