Akten von SED und Gerichten ausgewertet

Wissenschaftler sind Stasi-Spitzeln an der Uni Kassel auf der Spur

+
Damals noch nicht enttarnt: Der Kasseler Wirtschaftsprofessor Ludwig Bress (rechts) war bis zur Wende für die Stasi aktiv. Unser Foto zeigt ihn 1989 bei der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Prof. Ota Sik (Mitte). Links der ehemalige Uni-Präsident Dr. Franz Neumann.

Kassel. Wissenschaftler der Unis Münster und Bremen nehmen nun in einer Studie die Stasi-Verwicklungen an der damaligen Gesamthochschule Kassel (heute Uni Kassel), unter die Lupe.

Bereits in den 1990er-Jahren waren fünf Fälle von Kasseler Wissenschaftlern und Studenten publik geworden, die zum Teil 30 Jahre lang für das Ministerium für Staatssicherheit an der Kasseler Hochschule als Spione aktiv waren.

Die Uni Kassel sei neben jenen in Münster, Bremen und Kiel für eine nähere Untersuchung ausgewählt worden, weil hier belegbar in mehreren Fällen seit den 70er-Jahren und bis zur Wende gespitzelt worden sei, sagt die mit der Studie befasste Münsteraner Wissenschaftlerin Dr. Sabine Kittel. Für die bis 2018 laufende Untersuchung würden Akten von Stasi, SED und Gerichten ausgewertet.

Auch hofft Kittel, dass die Kasseler Uni ihre Personalakten öffnet. Eine systematische Untersuchung der Professoren und Mitarbeiter hatte die Uni Kassel 1998 abgelehnt. Damals hatten dies Studenten gefordert, nachdem der Kasseler Wirtschaftsprofessor Ludwig Bress, der unter dem Decknamen „IM Berger“ (inoffizieller Mitarbeiter) 30 Jahre lang für die Stasi im Westen spitzelte, von der Gauck-Behörde aufgedeckt worden war.

Seine Spionageaktivitäten, unter anderem in katholischen Zirkeln wie dem Freiburger Herder Verlag, waren strafrechtlich verjährt. Die Uni schickte ihn 1996 vorzeitig in Ruhestand. Neben „IM Berger“ wurden drei Studenten und eine Mitarbeiterin enttarnt, die ebenfalls für die Staatssicherheit der DDR in Kassel aktiv waren. Bei einem weiteren in Verdacht geratenen Professor stellte sich heraus, dass er Opfer war. Er war von einer befreundeten Professorin aus dem Osten jahrelang bespitzelt worden. Der heutige Uni-Vize-Präsident Prof. Martin Lawerenz begrüßte auf HNA-Anfrage die Studie.

Von Bastian Ludwig

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.