Reaktionen auf Kassels Absage

Statt Kulturhauptstadt-Bewerbung: Geld in lokale Kultur investieren

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Eröffnungsfeier zum Start ins Kulturhauptstadt-Jahr im Januar 2017: In Paphos (Zypern) gab es eine große Veranstaltung auf dem zentralen Platz. Außerdem war im vergangenen Jahr Aarhus in Dänemark Kulturhauptstadt Europas.  

Kassel. Nachdem sich der Magistrat der Stadt Kassel gegen eine Bewerbung Kassels als Kulturhauptstadt 2025 entschieden hat, gab es aus der Politik und der Kultur viele Reaktionen. Wir fassen die Reaktionen und Vorschläge zusammen.

Die Stadt Kassel zieht die Reißleine und ihre Bewerbung zur Europäischen Kulturhauptstadt für das Jahr 2025 zurück? Nein. So ist es nicht, denn es war ja noch gar nicht entschieden, ob sich Kassel überhaupt bewirbt. Die Stadt befand sich noch im Prüfmodus. Die Stadtverordneten hatten noch kein Votum abgegeben.

Für Viele war die Bewerbung aber bereits Realität. Vor allem für diejenigen, die sich an den – vergeblichen aber euphorischen – Bewerbungsprozess um den Titel Kulturhauptstadt 2010 erinnern.

Allein, um sich bewerben zu können, muss die Stadt Einiges vorweisen, unter anderem Bürgerengagement. In Kassel hatten sich deshalb seit dem vergangenen Jahr bereits Hunderte eingebracht und in drei großen Workshops an einer Kulturkonzeption mitgearbeitet. Eingeladen hatte dazu die Stadt Kassel.

Oberbürgermeister Christian Geselle sowie die sechs hauptamtlichen Magistratsmitglieder haben jetzt ihren Schritt, den Prozess noch vor der Bewerbung zu stoppen, mit den zu erwartenden hohen Kosten begründet. Würde sich die Stadt überhaupt gegen Konkurrenten wie Dresden und Nürnberg durchsetzen, so würde sie das zwischen 150 und 200 Millionen Euro kosten, so das Argument. Allein die Kosten für das operative Kulturhauptstadt-Geschäft betrügen 70 Mio. Euro. Hinzu komme ein investives Budget etwa für Neubauten, das die hundert Millionen leicht überschreiten könne, so ein Stadtsprecher auf Nachfrage. Konkreter wurde er nicht.

Mit dem Stop des Bewerbungsprozesses gab Geselle sechs kulturpolitische Ziele bekannt, die jetzt in den Fokus genommen werden: die freie Szene, Vernetzung, documenta, Kulturförderung, das documenta-Institut und die Stadtbibliothek.

Rathausfraktionen

Die Rathausfraktionen reagieren drauf unterschiedlich. „Vor dem Hintergrund, dass noch letzte Woche Stadtverordnetenversammlung, Kulturausschuss und Kulturkommission tagten und ein Workshop mit Kulturschaffenden stattgefunden hat, ist das ein folgenreicher Paukenschlag“, sagt Marcus Leitschuh, kulturpolitischer Sprecher der CDU-Fraktion. Er bedauere das abrupte Ende: „Die CDU hätte keiner Bewerbung mit unabsehbaren Kosten zugestimmt“, aber: „Wenn die Dezernenten jetzt von 200 Millionen Euro Kosten sprechen, so seien damit teilweise Investitionen gemeint, die Kassel auch ohne Bewerbung tätigen muss und nur im Falle eines Titelgewinnes notwendig würden, so Leitschuh.

„Die Entscheidung, ob sich Kassel als Kulturhauptstadt bewerben soll oder nicht, hätte die Grünen-Fraktion gerne gemeinsam mit den Kulturschaffenden getroffen. Den Zeitpunkt halten wir für zu früh“, sagt Gernot Rönz. Grundsätzlich gelte aber für die Grünen: Die „Umsetzung der Kulturkonzeption ist wichtiger für die lokale Kultur als eine Bewerbung zur Kulturhauptstadt“. Das sieht die Kasseler Linke ähnlich. In die kulturelle Infrastruktur der Stadt zu investieren anstatt Millionen für die Kulturhauptstadt aufzubringen, erscheine „sinnvoll“. Stephanie Schury, kulturpolitische Sprecherin der Kasseler Linken, anerkennt, dass der Magistrat den Mut habe, den Prozess „im richtigen Moment“ zu stoppen und einzugestehen, dass ein Ziel zu hochgesteckt war. Leider habe eine Rückkopplung in die Gremien gefehlt.

Sie konnten keine Aufbruchsstimmung in Sachen Bewerbung zur Kulturhauptstadt spüren, erklären die Vorsitzenden der SPD-Fraktion und des Unterbezirkes Kassel Stadt, Dr. Günther Schnell und Wolfgang Decker. Der finanzielle Rahmen habe „unserer Möglichkeiten bei Weitem übertroffen“. Deswegen befürworten sie den Vorschlag des Magistrats. 

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Es fehlte die zündende Idee

Frank Thöner

Frank Thöner, Geschäftsführer des Bali-Kinos, findet es sehr bedauerlich, dass es keine Bewerbung zur Kulturhauptstadt geben wird. „Aber ich hatte schon damit gerechnet.“ Allerdings, so räumt Thöner ein: „Der Funke war im Vergleich zum letzten Mal noch nicht übergesprungen.“ Er fand aber die Kulturkonzeption mit den bereits gelaufenen Workshops „super“. „Daraus hätte man was Gutes machen können.“ Er habe aber das Gefühl, dass die um den Titel konkurrierenden anderen Städte viel weiter seien. „Hätten wir in Kassel weitergemacht, dann hätte man eine ordentliche Schippe an Elan drauflegen müssen. Es fehlte die zündende Idee, der Aufhänger.“

Künstler suchen Ateliers

Rana Matloub

"Ich finde die Absage ein bisschen schade“, sagt Rana Matloub, Künstlerin in Kassel und Dozentin an der Uni Erfurt. Allerdings: Nähme man jetzt das veranschlagte Geld und investiere es in die Kasseler Kunstszene, „wäre das natürlich wunderbar“, so Matloub. Die sei nämlich nicht auf Rosen gebettet. Viele bemühten sich, in Kassel zu bleiben, aber es sei schwer Ateliers und Räume zu finden. „Es fehlt ein Künstlerhaus, es gibt zu wenig Ateliers, Künstler suchen ständig nach Räumen. Da darf man sich nicht wundern, dass Künstler Kassel verlassen. Dabei hat Kassel so viele Qualitäten. Ich liebe die Stadt, engagiere mich gerne und wünsche mir, dass es den Künstlern hier gut geht.

Perspektiven für die Kunst

Prof. Joel Baumann

"Ich glaube, dass sich die Verantwortlichen im Rathaus das gut überlegt haben“, sagt der Rektor der Kunsthochschule Kassel, Prof. Joel Baumann, zur Absage an die Kulturhauptstadtbewerbung. Jetzt sollte man Impulse und Geld für die Kulturschaffenden und die freie Szene nutzen. „Das wäre besser als irgendeinem Prädikat hinterherzurennen.“ Mich interessiert eher gute Perspektiven für die Kunst und Künstler in Kassel. Es wäre wünschenswert, Studenten auch nach dem Studium in Kassel zu halten. Da kann die Stadt unterstützend aktiv werden, etwa, indem der Aspekt Räumlichkeiten in den Fokus genommen wird. Eine kreative Stadtplanung sei möglich.

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