Krankenkassen fordern Einsparungen

Steigende Rettungseinsatz-Zahlen: Oft geht es ohne Notarzt

Kassel. Die Statistik gibt den Krankenkassen recht. Ihre Vermutung: Längst nicht alle Einsätze im Rettungsdienst sind auch Notfälle.

Untermauert wird das durch stagnierende Zahl der Notarzt-Einsätze. 10.379-mal rückten die Notärzte in Stadt und Kreis im vorigen Jahr aus, nicht so häufig wie im Jahr 2013, als die Zahl bei 10.659 lag. 2012 wurden 10.168 Notarzteinsätze gezählt. Im selben Zeitraum stieg dagegen die Zahl der Einsätze von Rettungswagen von 43.745 im Jahr 2012 auf 48.056 im vorigen Jahr.

Die Mitarbeiter in den Leitstellen, die die Notrufe entgegennehmen, seien sehr erfahren und geschult, sagte Norbert Schmitz, Leiter der Kasseler Berufsfeuerwehr. Aber oft lasse sich nicht voraussagen, „wie ernst es tatsächlich ist“, wenn ein Notruf aufläuft. Und im Zweifel müsse man eher auf Nummer sicher gehen.

Vor einiger Zeit hat sich die Leitstelle mit Blick auf die Alarmierungen selbst überprüft. Testweise bearbeitete ein Notarzt die Notrufe mit. Am Ende seien sogar mehr Notfall-Einsätze angefallen, sagte Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr.

Den stetig steigenden Einsatzzahlen „gegenzusteuern, ist wahnsinnig schwer“, sagte auch Meinhard Johannides, Pressesprecher des Verbandes der Ersatzkassen (VdEK) in Hessen, in dem unter anderem Barmer, DAK und Techniker Krankenkasse organisiert sind. Gleichwohl müssten gerade mit Blick auf das Geld Lösungen gefunden werden. So koste der Betrieb jedes neu angeschafften Rettungswagens pro Jahr etwa 600 000 Euro.

Einsparmöglichkeiten biete eine Fusion der derzeit 26 Leitstellen in Hessen auf sieben Standorte. „Die Krankenkassen fordern das seit Jahren“, sagte Johannides. Stadt und Kreis Kassel sind in Hessen die einzigen mit gemeinsamer Leitstelle. Denkbar sei, die Zentralen der nordhessischen Kreise Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner in Kassel zusammenzuführen. „Jede Leitstelle kostet pro Jahr eine Million Euro“, so Johannides.

Rettungsdienst-Abteilungsleiter Barchfeld hat da so seine Zweifel. Gerade bei größeren Schadenslagen wie zuletzt bei Sturm Niklas „brauchen wir Rückfallebenen vor Ort“, sagte Feuerwehr-Chef Schmitz. Eine so große Zahl von Einsätzen sei nicht von einer einzigen Leitstelle für ganz Nordhessen zu bewältigen.

Verbesserungen hält Barchfeld für möglich, wenn die Arztnotrufzentrale integriert würde. Dann gäbe es kürzere Wege bei der Absprache. Eine „engmaschige Verzahnung“ mit dem Ärztlichen Bereitschaftsdienst halte auch die AOK Hessen für notwendig, sagte Sprecher Riyad Salhi. „Entscheidend ist die Analyse der kompletten Prozesskette“ bei der Suche nach Sparpotenzialen, so Salhi. „Angefangen beim eingegangenen Anruf in der Leitstelle über den eigentlichen Rettungsdiensttransport bis hin zur Übergabe am Zielort.“

Hintergrund: Notfallversorgung kurz vor Kollaps?

Nach Einschätzung von Jürgen Barchfeld, Abteilungsleiter Rettungsdienst bei der Berufsfeuerwehr Kassel, sind die steigenden Einsatzzahlen eine Folge der Gesundheitsreform. Durch den Bettenabbau in den Krankenhäusern sieht er eine Grenze erreicht, was in den vergangenen Wochen um ein Haar mit voller Wucht offensichtlich geworden wäre. Hätte es nämlich in Kassel neben der Grippe- und Erkältungswelle noch eine Vielzahl von beispielsweise Brechdurchfall-Erkrankungen durch Noroviren gegeben, „wäre die Notfallversorgung zum Erliegen gekommen“, so Barchfeld.

In der Tat ist die Zahl der Krankenhausbetten in den vorigen Jahren drastisch abgebaut worden. Nach Zahlen des Statistischen Landesamtes gab es im Jahr 2013 in Hessen noch 36.158 Betten in 172 Krankenhäusern. Das sind knapp 16 Prozent weniger als noch vor 20 Jahren. 1993 standen 43.011 in hessenweit 188 Kliniken.

Zugleich werden die Zeiträume, in denen Patienten stationär in Krankenhäusern behandelt werden, immer kürzer. 2013 blieb ein Patient in Hessen durchschnittlich 7,6 Tage im Krankenhaus. Vor 20 Jahren lag die Verweildauer noch bei durchschnittlich 11,9 Tagen.

Hintergrund: Rettungsdienst in Zahlen

Das Gesamtbudget für den Rettungsdienstbereich Kassel, zu dem Stadt und Landkreis zählen, liegt laut Berufsfeuerwehr derzeit bei etwa 20 Millionen Euro pro Jahr. Davon werden 55 Rettungswagen an 18 Standorten sowie fünf Notarzteinsatzfahrzeuge (drei in Kassel und jeweils eines in Hofgeismar und Wolfhagen) samt Personal finanziert. Nicht mit in diese Summe eingerechnet sind die Kosten für die Leitstelle und den Rettungshubschrauber Christoph 7.

Rückt ein Rettungswagen zu einem Einsatz aus, werden dafür in Stadt und Kreis Kassel 535 Euro fällig. Wird ein Notarzt hinzugerufen, werden noch einmal 180 Euro für das Einsatzfahrzeug sowie 242 Euro für den Einsatz des Mediziners berechnet. Hinzu kommt eine Gebühr von 55,45 Euro für die Arbeit der Leitstelle. Ein Einsatz mit Rettungswagen und Notarzt zum Beispiel bei einem Herzinfarkt kostet insgesamt also 1012,45 Euro. Die Patienten bekommen von diesen Summen in der Regel nichts mit, weil die Krankenkassen direkt mit den Rettungsdiensten abrechnen.

Gewinne können die Rettungsdienste durch steigende Einsatzzahlen nicht erwirtschaften. Bei den jährlichen Verhandlungen mit den Krankenkassen werden Abweichungen von der Planung aus dem Vorjahr mit dem folgenden Jahr verrechnet.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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